Island-Tagebuch Absurdistan unter dem Polarkreis

Eigentlich könnte es Island als souveränes Land gar nicht geben. Nur ein kleiner Teil der Insel ist bewohnbar, es gibt zu wenige Einwohner, die Gesellschaft funktioniert wie eine Familie. Außerdem spinnen sie, die Isländer. Letzter Teil des Island-Tagebuchs von SPIEGEL-ONLINE-Autor Henryk M. Broder.

Die spinnen, die Isländer. Ab 5 Grad Celsius plus reißen sie sich die Kleider vom Leibe und laufen in Shorts und T-Shirts rum. Wenn die Temperatur auf 10 Grad steigt, reden sie von einer Hitzewelle, und wenn es mal 18 Grad wird, dann wollen sie schul- und arbeitsfrei haben, wie Hanni, der Tangolehrer im "Kramhusid". Dafür gehen sie jeden Tag in den "Hot Pot" und liegen stundenlang im heißen Wasser, auch im tiefsten Winter, wenn die Sonne gegen 11 Uhr ganz langsam aufgeht und sich um 14 Uhr rasch wieder verabschiedet.

Im "Hot Pot" zu sitzen und sich zu unterhalten, hat für Isländer denselben Geselligkeitswert wie Golfen für die Amis oder Kegeln für die Deutschen. Es ist nur weniger anstrengend und nachweisbar gesünder. Was die Isländer auch sehr gerne machen, ist Autocruisen und Autowandern. Beim Cruisen, vor allem am Freitag- und Samstagabend, fahren sie dieselben Straßen rauf und runter, im Kreis, im Dreieck oder im Viereck, es passiert nichts, außer dass jemand, der von diesem Brauch keine Ahnung hat, glauben muss, die Rushhour in Island fände zwischen Mitternacht und 5 Uhr früh statt. Beim Autowandern fahren die Isländer in die Natur, rollen möglichst nah an einen Aussichtspunkt heran, machen die Türen auf und bewundern die Landschaft. Es ist sehr einfach, Touristen von Einheimischen zu unterscheiden: Die Touristen steigen aus und bewegen sich zu Fuß.

"Ich gehe mal ins Reich"

Jedes Kind in Island kann im Tiefschlaf die wichtigsten Daten der Geschichte hersagen:

  • 875: Beginn der Landnahme durch die Wikinger
  • 930: Das Althing tritt zusammen, Island erklärt sich zur Republik
  • 1000: Die Isländer treten kollektiv zum Christentum über
  • 1262: Ende des Freistaats, Island kommt zuerst unter norwegische, später unter dänische Herrschaft
  • 1918: Island wird "selbständig", bleibt aber weiter unter dem Regime der dänischen Krone
  • 1944: Island verlässt das dänische Königreich, die zweite Republik wird ausgerufen.

Das Datum aber, das im Leben vor allem der jungen Isländer die größte Bedeutung hat, ist der 1. März 1989. An diesem Tag wurde die Prohibition, die mit einigen Ausnahmen und Unterbrechungen seit 1915 galt, beendet und der Verkauf von Bier freigegeben.

Es gab vorher schon Bier in Island, aber es wurde nur für den Export produziert, für die Botschaften und die US-Army. Oder man musste zum Personal der Fluggesellschaft gehören, dann durfte man eine Anzahl von Dosen oder Flaschen ins Land mitbringen. Deswegen waren Kapitäne und Stewardessen der Loftleidir als Freunde sehr begehrt. Heute gibt es alkoholische Getränke - Bier, Wein und Schnaps - nur in den Läden des "Staatlichen Monopols für Alkohol und Tabak" zu kaufen, sie heißen "Vinbudin", sehen extrem unauffällig aus und werden vor allem am Freitag stark frequentiert. In ganz Reykjavík gibt es vier "Vinbudin". Im Volksmund heißt das staatliche Monopol "das Reich", wer loszieht, um sich eine Flasche "Brandivin" der Marke "Black Death" zu kaufen, sagt: "Ich gehe mal ins Reich."

Nicht nur Bier war auf Island lange verboten, auch Boxen und das Halten von Hunden in der Stadt. Bis Mitte der achtziger Jahre war ganz Reykjavík eine "hundefreie Zone". Das änderte sich erst, als bekannt wurde, dass der Finanzminister Albert Gudmundsson einen "Isländer"-Hund hatte, von dem er sich auf keinen Fall trennen wollte. "Ich gehe eher ins Exil, als dass ich Lucy weggebe", erklärte er, worauf das entsprechende Gesetz unbürokratisch außer Vollzug gesetzt wurde. Heute ist nur noch die Reykjaviker Flaniermeile, die Laugavegur, für Hunde off limits.

Vom Stockfisch zum Internet

Boxen dagegen wurde erst vor zwei Jahren legalisiert, und das auch nur teilweise. Training ist erlaubt, öffentliche Kämpfe müssen genehmigt werden. Die isländische Gesellschaft funktioniert wie eine Familie, auf einigen Gebieten sehr liberal, auf anderen ziemlich restriktiv. Zurzeit liegen sich der Ministerpräsident und der Staatspräsident in den Haaren, denn der Staatspräsident hat sich geweigert, ein Mediengesetz zu unterzeichnen, das der Ministerpräsident durch das Parlament geboxt hat. So einen Konflikt hat es in der Geschichte Islands noch nicht gegeben; jetzt muss ein Referendum abgehalten werden, nur: Dafür gibt es keine Regeln.

Wer vom Kontinent kommt, empfindet angesichts solcher Probleme nichts als Neid. Diese Sorgen möchte man haben! Und ansonsten Vollbeschäftigung (mit zwei bis drei Prozent Arbeitslosigkeit), eine stabile isländische Krone, keine Multikulti-Probleme, keinen Terrorismus, kein BSE und keine Querelen mit der Bahn, denn der gesamte öffentliche Verkehr wird mit Bussen abgewickelt.

Unser Freund Artur Bollason bringt das isländische Dilemma auf einen Satz: "Der Lachs ist eine Delikatesse, die zum Alptraum wird, wenn man ihn täglich essen muss." Die Isländer wissen, dass sie viel Glück gehabt haben. "Unsere Großeltern haben noch in Torfhütten gelebt und Stockfisch zum Trocknen aufgehängt, wir haben Fernheizung und surfen im Internet", sagt Artur voller Stolz. Die ganze Insel ist vernetzt, jede Dorfschule hat Computer.

Islands Aufstieg aus der Not begann, als Europa in den Abgrund fiel. Nachdem die deutschen Truppen Dänemark besetzt hatten, wurde die Insel von den Briten im Mai 1940 vorsorglich okkupiert, im Sommer 1941 lösten die Amerikaner die Engländer ab. Die Alliierten bauten Flugplätze und Straßen, sie brachten Tausende von Jobs mit. In Island brach der Wohlstand aus. Im Jahre 1949 trat die Insel der Nato bei und ist bis heute das einzige Nato-Mitglied ohne eine eigene Armee.

Islands Beitrag zum Bündnis ist seine strategische Lage zwischen Europa und Amerika. Das Land ist so groß wie die frühere DDR (etwa 100.000 Quadratkilometer) hat aber nur knapp so viele Einwohner wie Augsburg (290.000) und leistet sich eine eigene Fluglinie, zwei Universitäten und etliche private Hochschulen, drei Tageszeitungen, eine Staatsoper, ein Staatstheater, exportiert Fisch, Literatur und Musik und importiert alles, was gut und teuer ist, von Armani bis Sony.

Meister im Aufspüren von Nischen und Gelegenheiten

"Eigentlich", sagt Artur, der beste Guide auf der ganzen Insel, der zwischen Frankfurt am Main und Reykjavík pendelt und für Island wirbt, "kann es Island als Staat gar nicht geben, wir sind zu wenige, das Absurdistan unter dem Polarkreis".

Dass es Island doch gibt, liegt am Klima und an der Kultur. Das Wetter und die Sprache verbünden sich zu dem, was man woanders "Identität" nennt, in Island aber so selbstverständlich ist, dass es dafür keinen Begriff gibt. "Die Bücher sind unser Stolz", sagt eine Verkäuferin bei "Mal og Menning", Reykjavíks größten Buchladen, "wir haben keine antiken Ruinen, keine Schlösser und keine Pyramiden". Dafür aber 40 Sagas und mehr Dichter als Feldherren. Islands erster Minister, Hannes Hafstein, war ein bekannter Poet, und wenn irgendwo in der Landschaft ein Denkmal steht, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass es einem Schriftsteller gilt.

Wo die Straße Nr. 1 am Skagafjord vorbeiführt, erinnert ein steinernes Gebilde an Stephan Stephansson, der um 1860 als Kind mit seinen Eltern nach Kanada zog, dort Dichter und Bauer wurde und nie zurück kam. "Er dichtete sich nach Island zurück", erklärt Artur und sagt gleich ein Gedicht von Stephansson auf. Warum aber steht kein Name an dem Monument? "Braucht man nicht, jeder Isländer weiß, dass es für Stephansson ist."

Die Isländer sind das Volk der Bücher. Sie sind aber auch Meister im Aufspüren von Nischen und Gelegenheiten. Es war ein Isländer, Leifur Eiriksson, der 500 Jahre vor Columbus in Amerika an Land ging. "Dumm ist das daheim gebliebene Kind" lautet ein isländisches Sprichwort. Das Wort "heimskur" bedeutet "dumm" und auch: "Einer, der zu Hause geblieben ist."

Vor kurzem hat eine kleine isländische Bank eine viel größere dänische Bank übernommen und eine Investorengruppe die staatliche bulgarische Telefongesellschaft aufgekauft. Und das, witzelt Artur, sei erst der Anfang. "Es ist gut für uns, keine Nachbarn zu haben. Aber für den Rest der Welt ist es ein Glück."

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