Island-Tagebuch Der Herr der Steine

Der Ton steckt im Stein, sagt Pall Gudmundsson und erfand sein Steinxylophon. Der bildende Künstler entlockt Basalt, Liparit und Granit Melodien, mit denen er und die Gruppe Sigur Rós auf internationale Tournee gehen.

Von Henryk M. Broder


Pall Gudmundsson: "Das Gesicht war schon da, ich habe es nur sichtbar gemacht"
Henryk M. Broder

Pall Gudmundsson: "Das Gesicht war schon da, ich habe es nur sichtbar gemacht"

Alles, was Pall Gudmundsson zum Arbeiten braucht, findet er vor seiner Haustür. Steine aus Liparit, Basalt und Granit, vom Kiesel bis zum tonnenschweren Klotz. So wie andere in den Wald zum Beerenpflücken und Pilzesammeln gehen, geht er in die Schlucht und kommt beladen wieder zurück. Ist ein Stein zu schwer, um bewegt zu werden, bearbeitet er ihn dort, wo er steht. Wie den Basaltbrocken, in den er das Gesicht von Beethoven gehämmert hat. "Nein, so war es nicht", sagt Pall, "das Gesicht war schon da, ich habe es nur sichtbar gemacht."

Neuerdings macht er auch Musik, auf einem Instrument, das er "Steinharpa" nennt und das so aussieht, als wäre es von Fred Feuerstein gebaut worden. Es ist eine Art Xylophon aus Steinplatten von unterschiedlicher Größe, man könnte von einem "Lapidaphon" sprechen oder von einem "Pallaphon", denn Pall hat das Gerät nicht nur erfunden, er ist bis jetzt der Einzige, der es spielt. "Es handelt sich um ein Naturphänomen, das man nicht erklären kann. Es ist einfach da."

Grasbedeckte Scheune als Werkstatt: Ein tiefes H oder ein barockes A
Henryk M. Broder

Grasbedeckte Scheune als Werkstatt: Ein tiefes H oder ein barockes A

Pall Gudmundsson, Sohn des Schafzüchters Gudmundur Palsson, wurde 1959 auf dem Familienhof Husafell geboren, ging neun Jahre zur Schule, hat dann vier Jahre auf der "Kunstschule" in Reykjavík und ein Jahr in Köln studiert, wo er eigentlich nur seine Schwester, eine Klavierlehrerin, besuchen wollte. Zurück in Island fiel ihm auf, "dass Steine Töne machen", ein tiefes H oder ein barockes A und auch alle anderen Töne. "Man muss die Steine nicht mal bearbeiten, der Ton steckt in dem Stein." Seine erste "Steinharpa" baute er 2001, und die war nicht als Instrument gemeint, sondern als Skulptur für eine Ausstellung im "Asmundarsafn"-Museum in Reykjavik.

Mehr Material, als er jemals verarbeiten kann

Um die Skulptur vorzuführen, lernte Pall Noten lesen und brachte sich das Spielen bei. Eines Tages kamen Musiker der Gruppe Sigur Rós in die Ausstellung, Pall spielte ihnen das "Reiterlied" von Sigvaldi Kaldelons vor, das jedes Kind in Island pfeifen kann, und stand bald auf einer großen Bühne: Im Londoner Barbican Center zusammen mit Sigur Rós und einem Symphonieorchester. Später gab er noch ein Konzert in Trondheim und eines in Reykjavík, im Herbst 2004 wird er mit Sigur Rós nach Paris fahren, wo sie zusammen "in einer großen, schönen Halle" spielen werden. Dabei wollte Pall nie Musiker werden, sondern "nur Bilder malen", und im Telefonbuch steht hinter seinem Namen als Beruf "bildender Künstler".

Stein-Xylophonist Gudmundsson: Ein Stück aus der "Zauberflöte" oder eine Prelude von Bach
Henryk M. Broder

Stein-Xylophonist Gudmundsson: Ein Stück aus der "Zauberflöte" oder eine Prelude von Bach

Freilich, nicht einmal in Island, wo Künstler ein anerkannter Beruf ist wie Fremdenführer oder Koch, kann einer davon leben, dass er Steine zum Sprechen bringt. Pall schafft es, weil er "genügsam" ist und "nicht viel" ausgibt. Alles, was Geld kostet, ist entbehrlich. Pall ist nicht verheiratet, er hat kein Auto und noch nie in seinem Leben Alkohol getrunken, wie sein Onkel Kristleifur, der "mit 79 gesund gestorben" ist und auf dem Friedhof neben der kleinen Kirche von Husafell begraben wurde, damit es seine Angehörigen nicht weit haben, wenn sie ihn besuchen wollen. Ohne Frau, ohne Auto und ohne Alkohol könnte Pall in Reykjavík wohl nicht überleben, aber auf dem Lande geht es gut. Hier liegt nicht nur mehr "Material" auf dem Boden, als er jemals verarbeiten kann, hier hat er auch viel Platz.

In der grasbedeckten Scheune stehen sechs "Steinharpas", einen alten Heusilo hat er zu einem Turm umgebaut, in dem er kleine Skulpturen ausstellt. Von neun hat er sich getrennt, sieben stehen an verschiedenen Orten in Island, eine auf Grönland und eine im "International Sculpture Park" in Schaumburg bei Chicago.

Ausstellungsraum Heusilo in Husafell: Alles, was Geld kostet, ist entbehrlich
Henryk M. Broder

Ausstellungsraum Heusilo in Husafell: Alles, was Geld kostet, ist entbehrlich

Ab und zu kommen Besucher vorbei, dann zeigt er seine Werke und spielt auf der "Steinharpa" ein Stück aus der "Zauberflöte" oder ein Präludium von Bach. Björk war schon da und hat sich im Gästebuch verewigt ("Ich möchte wieder kommen!") und auch der estnische Komponist Arvo Pärt: "Vielen herzlichen Dank! Ich war sehr beeindruckt!" schrieb er auf Deutsch ins Gästebuch. Pall Gudmundsson aus Husafell ist ein glücklicher Mensch. "Ich habe alles, was ich zum Leben brauche."



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