Island-Tagebuch Die Insel der Millionäre

Nicht einmal hundert Einwohner, Arbeit für alle, blauer Himmel im Sommer und Nordlicht im Winter: die isländische Insel Grimsey im Nordatlantik ist dünn besiedelt, aber fast alle, die dort leben, sind wohlhabend und zufrieden.

Von Henryk M. Broder


Küste von Grimsey: Blauer Himmel wie über Capri
Ashkan Sahihi

Küste von Grimsey: Blauer Himmel wie über Capri

Nach Sydney sind es 16.317 Kilometer, nach Tokio 8494, nach New York 4445, nach Moskau 3103, nach London 1949, nach Reykjavík 325 Kilometer, immer Luftlinie natürlich. Die Einwohner von Grimsey siedeln nicht nur genau auf dem Polarkreis, sie sind auch überzeugt, am Schnittpunkt aller Wege zu leben. Nur der Besucher vom "Mainland", wie die große Schwester Island auf Grimsey genannt wird, hat nach dreieinhalb Stunden Schaukelei auf der Fähre "Seefahrer" das sichere Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. "Wir sind sehr glücklich, dass wir hierher gezogen sind", sagt Helga Mattina, während sie in ihrer kleinen Küche das Waffeleisen bedient, "nach Grimsey kommt nur noch der Himmel." Und der ist makellos blau wie über Capri, die Sonne geht um Mitternacht kurz unter, um nach ein paar Minuten hinterm Horizont wieder aufzutauchen, tagsüber zeigt das Thermometer 17 Grad Celsius. "Wir haben gerade eine Hitzewelle", stellt Helga Mattina sachlich fest.

Grimsey: Das Haus "Solberg" ist Mittelpunkt des sozialen Lebens
Ashkan Sahihi

Grimsey: Das Haus "Solberg" ist Mittelpunkt des sozialen Lebens

Die gelernte Sozialarbeiterin kam vor elf Jahren von Reykjavík nach Grimsey. Ihr Mann Donald war 20 Jahre Lehrer an einer Mittelschule in der Hauptstadt, bis man ihm eines Tages anbot, die Schule auf Grimsey zu übernehmen. Er sagte sich "Warum nicht?" und nahm das Angebot an. "Es sollten zwei Jahre werden." Donalds Vater war ein GI, der 1944 mit der US Army nach Island kam, eine Isländerin heiratete und später bei einem Unfall in den USA ums Leben kam, worauf seine Frau mit den Kindern zurück nach Island ging. Donald wuchs in Reykjavík auf, er spricht Isländisch besser als Amerikanisch, ist seit über 30 Jahren mit Helga Mattina verheiratet, Vater von sechs Kindern und zwölffacher Großvater, ein echter Isländer also. "Mit 30 wäre ich nicht hierher gezogen, aber mit 50 hat man schon alles erlebt und gesehen, dann kann man es auf so einer Insel gut aushalten."

"Wir sind eine große Familie"

30 Familien leben auf dem fünf Quadratkilometer großen Felsen im Atlantik, fast alle vom Fischfang. "Wir sind eine große Familie", sagt Donald, und er meint es wörtlich, denn alle 95 Einwohner des Eilandes sind irgendwie untereinander verwandt oder durch Heirat miteinander verbunden. Dennoch bleiben die Insulaner nicht ganz unter sich. "Die meisten Mädchen gehen nach der Schule weg, lernen einen Beruf und einen Mann kennen, die Jungs bleiben hier, heiraten Frauen vom Mainland und werden Fischer." Denn Fischfang ist Männersache, die Boote gehören den Familien, und es ist vollkommen selbstverständlich, dass die Söhne den Beruf der Väter übernehmen.

Helga Mattina und Donald: Als Schuldirektor auf die Insel
Ashkan Sahihi

Helga Mattina und Donald: Als Schuldirektor auf die Insel

Man kann die Männer, die nicht vom Fischfang leben, an den Fingern einer Hand abzählen. Donald, der Schuldirektor, gehört dazu. Er unterrichtet, zusammen mit zwei Lehrerinnen, zwölf Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren. Das macht einen Lehrer für jeweils vier Kinder. Nebenbei hat er noch einen Job. Er ist zweiter Lotse im Tower des kleinen Flughafens. Es gibt pro Tag zwei Linienflüge, einen von und einen nach Akureyri auf dem Mainland. So hat Donald vor allem während der langen Sommerferien viel Zeit, um Besuchern die Insel zu zeigen und seiner Frau zu helfen.

Nördlichste Kommune Europas

Helga Mattina arbeitet im Haus "Solberg" (Sonnenberg), einem Gästehaus mit sechs Zimmern, Café und Andenkenladen. Das "Solberg" hat das ganze Jahr über geöffnet, denn auch im dunklen Winter kommen Gäste nach Grimsey, um die Aurora borealis zu erleben, das vielfarbige Licht am Polarhimmel. Das Haus "Sonnenberg" ist vermutlich die nördlichste Kommune Europas, es gehört elf Frauen, die sich seit sieben Jahren die Arbeit teilen. Die Einnahmen decken die Unkosten, wenn es einen Überschuss gibt, wird er investiert, zum Beispiel in ein Waffeleisen oder einen Mikrowellenherd. "Es gibt immer etwas zu tun", sagt Helga Mattina, "wir wollen nicht zu Hause sitzen und auf unsere Männer warten."

Renovierte Kirche: Der letzte Pastor war ein schottischer Profi-Fußballer
Ashkan Sahihi

Renovierte Kirche: Der letzte Pastor war ein schottischer Profi-Fußballer

Das "Solberg" ist der Mittelpunkt des sozialen Lebens, schon deswegen weil es sonst wenig gibt: einen kleinen Laden mit Tankstelle, eine Post, die eine Stunde am Tag auf hat, eine Bibliothek, die jeden Samstagmittag öffnet, einen Leuchtturm und eine Kirche, die vor kurzem komplett renoviert wurde, obwohl sie nicht mehr benutzt wird. Der erste reguläre Pastor hieß Haukon, er amtierte um 1250, der letzte war ein Profi-Fußballer aus Schottland namens Robert Jack. "Er brachte zum Gottesdienst immer seine Fußballschuhe mit", sagt Donald.

Club-Ausflug der halben Inselbevölkerung

Der Kicker Gottes verließ Grimsey im Jahre 1953, seitdem kommt nur noch zu Ostern, Weihnachten, Hochzeiten und Begräbnissen ein Seelsorger vom Mainland rüber. Einmal im Monat fliegt ein Arzt aus Akureyri ein, um Kranke ambulant zu behandeln, es gibt keinen Polizisten auf Grimsey und keinen einzigen Arbeitslosen. Denn Arbeit gibt es mehr als genug. "Letztes Jahr haben die Fischer 3000 Tonnen Fisch eingefangen", über 60 Prozent werden für den Export verarbeitet, der Rest wird in Island verbraucht. Fisch bedeutet Reichtum, wahrscheinlich gibt es nirgendwo auf der Welt auf so kleinem Raum so viele Millionäre wie auf Grimsey.

Kommune "Solberg": Überschuss wird in Waffeleisen investiert
Ashkan Sahihi

Kommune "Solberg": Überschuss wird in Waffeleisen investiert

"Es geht uns gut", sagt Donald, "ich weiß wirklich nicht, worüber ich mich beklagen könnte." Er gehört zum örtlichen "Kiwanis"-Club, die Männer treffen sich zweimal im Monat, während die Frauen im namenlosen "Women's Club" gesellig sind. Einmal im Jahr gehen die Club-Männer und die Club-Frauen zusammen auf große Reise. Vor zwei Jahren waren sie in Prag, letztes Jahr in Portugal, dieses Jahr soll es Slowenien sein. Dann ist für eine ganze Woche die halbe Bevölkerung weg, und die Kids können die Insel auf den Kopf stellen.

Donald und Helga Mattina wollen noch zwei Jahre auf Grimsey bleiben, bis Donald in Rente geht. Dann werden sie wieder nach Reykjavík ziehen, in die Großstadt. Helga Mattina wird sich um ihre Enkel kümmern, und Donald wird endlich das machen, was er als einziges auf Grimsey entbehren musste: jeden Tag Golf spielen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.