Island-Tagebuch "Erst machen wir es, dann mögen wir es"

Eine Managerin kocht in ihrem Hummerrestaurant und will eine Fluglinie Lobster Air gründen, ein Operndirektor führt in der spielfreien Zeit ein Café: Langeweile kommt bei Isländern nicht auf, eine 35-Stunden-Woche kennen sie nicht.

Von Henryk M. Broder


Unnur Johnsdottir: Entweder Restaurant in Europa oder Lobster Air mit Hummer
Ashkan Sahihi

Unnur Johnsdottir: Entweder Restaurant in Europa oder Lobster Air mit Hummer

Die Isländer haben ein Geheimnis. Sie arbeiten gerne und viel. Die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich ist kein isländisches Ideal, der Vorruhestand auch nicht. Der Neurologe Johann Axelsson ist inzwischen 74 Jahre, eigentlich seit sieben Jahren emeritiert, geht aber immer noch jeden Tag an sein Institut in der Universität, wo er Experimente durchführt und Studenten betreut.

"Die werden mich nicht los!" Die wollen ihn auch gar nicht loswerden, denn Axelsson ist nicht nur eine Kapazität auf seinem Gebiet ("Gesundheit in der Polarregion"), er ist topfit, und da er ohnehin vom Staat bezahlt wird, finden es alle ganz normal, dass er nicht daheim sitzen will.

So was gibt es öfter. Geschichtsprofessoren arbeiten als Fremdenführer, Lehrer züchten Pferde, der Direktor der isländischen Oper betreibt im Sommer mit seiner Frau ein Café, nicht weil er damit viel Geld machen, sondern weil er sich in der spielfreien Zeit nicht im Büro langweilen möchte. "Das kommt daher", sagt unser Freund Magnus, "weil wir alle mal Fischer und Bauern waren, und da mussten die Kinder immer den Eltern helfen."

Eimer mit Krabbenschalen: Die Kinder mussten immer den Eltern helfen
Ashkan Sahihi

Eimer mit Krabbenschalen: Die Kinder mussten immer den Eltern helfen

Die Eltern von Unnur Johnsdottir waren weder Fischer noch Bauer, der Vater war Lehrer an der Elementarschule in Skogar, die Mutter Köchin. Unnur, 62 geboren, machte das Abitur, studierte Touristik in Lillehammer und Geografie in Reykjavik und arbeitete dann als Managerin in Hotels in Norwegen und Island, bevor sie eine Stelle in einer Psychiatrie-Klinik annahm. "Ich mochte es, mit Leuten zu arbeiten, die Probleme haben, egal ob es Hotelgäste oder Patienten waren." Dazu gehörten auch "nicht schuldfähige Kriminelle", Unzurechnungsfähige und eine Frau, die zwei Ehemänner umgebracht hatte.

Dann wurde sie gefragt, ob sie einen Sommer lang ein kleines Café in Stokkseyri, einem Dorf direkt am Meer, eine Autostunde von Reykjavik entfernt, managen möchte. "Ich kam, um Nein zu sagen, und sagte Ja." Ein Jahr später, 1999, kaufte sie das Café und baute es nach und nach zu einem Restaurant aus. Auf der Wand-Speisekarte stehen nur drei Gerichte: Hummersuppe, Hummerschwänze und - Lammbraten, für Gäste mit einer Schalentierallergie. "Mehr haben wir nicht." Das macht den Einkauf und die Arbeit in der Küche überschaubar.

 Unnurs Hummerhaus: Auf der Wand-Speisekarte stehen nur drei Gerichte
Ashkan Sahihi

Unnurs Hummerhaus: Auf der Wand-Speisekarte stehen nur drei Gerichte

Die Gäste kommen in Scharen. Letztes Jahr waren es 35.000. Das alte Café war eine Hütte mit zwei Dutzend Plätzen, jetzt sind es 220. In der Hochsaison beschäftigt Unnur über 60 Mitarbeiter, ihr Hummerhaus ist der größte Arbeitgeber im Ort. Aber sie will noch mehr. Entweder nach Europa gehen und dort ein Restaurant aufmachen oder eine Airline mit dem Namen Lobster Air gründen, wo es an Bord Hummer geben wird.

Klingt wie ein Witz, aber solche Scherze müssen in Island ernst genommen werden. "Ich werde es machen." Offenbar ist der Horizont die einzige Grenze, die ein Isländer nicht überschreiten kann. Gefragt, ob ihr die Umstellung nicht schwer gefallen sei und ob sie den Job in der Küche und im Speisesaal nicht sehr anstrengend fände, sagt Unnur: "Darüber habe ich noch nie nachgedacht."

Dann überlegt sie doch eine Weile und sagt: "Bei uns ist es so: Zuerst machen wir es, dann mögen wir es."

Und wenn Island keine Fahne und keine Hymne hätte, wäre dies der Satz, auf den sich die Nation als Motto einigen könnte.



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