Islands Paradies Reif auf der Insel

Vor über 50 Jahren brachte ein ehemaliger US-Soldat eine Bananenpflanze nach Island. Heute wachsen Bananen in einem "Hot House" im "Eden", gewärmt mit Dampf aus einer benachbarten 160 Grad Celsius heißen Quelle. Konkurrenz für Chiquita? Nicht unbedingt. Oder: noch nicht.

Von Henryk M. Broder


Karibik-Feeling: Deutschland hat das Kap Arcona, Island aber hat das "Eden"
Ashkan Sahihi

Karibik-Feeling: Deutschland hat das Kap Arcona, Island aber hat das "Eden"

Schon die Speisekarte enthält wichtige Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen. Die "Tagessuppe" heißt "Das tägliche Wunder", einer der Hamburger "Adam und Eva". Mit extra scharfem Senf serviert wird der reguläre "Burger" zum "Erdbeben - 4.8 Punkte". Es gibt aber auch normales Essen, Fish'n Chips zum Beispiel oder die "Brottorte", die wirklich eine runde Torte ist, gemacht aus Weißbrot und Krabben.

Nichts für Leute, die Minimal Art auf dem Teller schätzen, aber ein paradiesischer Genuss für alle, die keine Waage zu Hause haben. Denn wir sind im "Eden", und das "Eden" kommt der isländischen Vorstellung vom Paradies am nächsten. Deutschland hat das Kap Arcona im Norden, den Obersalzberg im Süden, den Drachenfels im Westen und Eisenhüttenstadt im Osten. Island aber hat das "Eden". Es gibt keinen Isländer, der noch nicht da gewesen wäre, jährlich kommen über 300.000 Besucher, um zu schauen, zu essen, einzukaufen und ein wenig Exotik zu genießen.

Vor allem im Winter, wenn es draußen dunkel, kalt und nass ist, kann man im "Eden" bei 22 bis 24 Grad Celsius unter Palmen spazieren gehen und so tun, als wäre man in der Karibik. Außer rund 200 verschiedenen Sorten von Topfpflanzen und Schnittblumen wachsen in den künstlich hergestellten Bio-Sphären Kiwistauden und Mandarinenbäume, Papayas, Kaffeepflanzen und Bananenpalmen. Bananen auf Island? Das klingt wie Ananas auf Alaska, aber es stimmt. Es war ein Amerikaner, der während des Krieges in Island stationiert war, eine Isländerin geheiratet hatte und später wiederkam, mit einer Bananenpflanze als Geschenk.

"Eden"-Chef Einarsson: Die isländischen Bananen sind bessere als die mittel- und südamerikanischen
Ashkan Sahihi

"Eden"-Chef Einarsson: Die isländischen Bananen sind bessere als die mittel- und südamerikanischen

"Unsere Bananen sind sogar bessere als die mittel- und südamerikanischen", sagt Bragi Einarsson, der "Eden"-Chef, "denn sie reifen auf den Palmen und nicht in Kisten, aber wir haben nicht vor, den amerikanischen Pflanzern Konkurrenz zu machen." Das klingt plausibel, aber man weiß nicht, ob es ein weiteres Beispiel für den bekannten isländischen Optimismus ist - alles ist machbar! - oder ein ironischer Kommentar zum isländischen Größenwahn, der auch vor tropischen Früchten nicht Halt macht.

Startkapital aus Ford-Laster-Verkauf

Bragi jedenfalls mag es nicht ausschließen, dass er eines Tages Bananen in großen Mengen produzieren und vermarkten wird, nicht nur die paar Kilogramm, die er heute an die "Eden"-Besucher verschenkt. Vor 75 Jahren in Isafjördur, im äußersten Nordwesten Islands als Sohn eines Fischers geboren, wusste er schon früh, dass er Blumen und Pflanzen anbauen wollte. "Das war in meinen Genen." Er besuchte die Gartenbauschule in Hveregardi, arbeitete dann als Lastwagenfahrer für die Amerikaner auf der Basis in Keflavik und verdiente "eine Menge Geld".

1954 ging er nach New York und kam drei Jahre später zurück, mit einem alten Ford-Laster, den er in den USA billig gekauft hatte und in Island mit Gewinn verkaufen konnte. Das war das Startkapital für sein erstes "Hot House", das er Anfang 1958 baute, direkt an der Straße Nr. 1, die durch Hveragerdi führt. Damals kamen im Sommer nur ein paar tausend Touristen nach Island, und alle fuhren sie durch Hveragerdi, wenn sie zum Geysir wollten. "Aber keiner hielt bei mir an, denn niemand wollte Karotten sehen."

 Bio-Sphären im "Hot House": Die Heizenergie kommt aus einer 160 Grad Celsius heißen Quelle
Ashkan Sahihi

Bio-Sphären im "Hot House": Die Heizenergie kommt aus einer 160 Grad Celsius heißen Quelle

Bragi pflanzte Tomaten an, die vor 40 Jahren als exotische Südfrüchte galten, baute das Gewächshaus aus und an: ein Restaurant, einen Souvenirshop, eine Eisdiele, alles, was Reisende zum Verweilen bringt, bis das "Eden" seine jetzige Größe erreicht hatte: 4000 Quadratmeter auf einem viermal so großen Grundstück. Bragi beschäftigt im Sommer 40 Angestellte, arbeitet täglich von 8 bis 22 Uhr, nur am Samstag gönnt er sich eine Schlafstunde um 13 Uhr. "Arbeit ist ein Segen. Es ist ein Vergnügen, jeden Tag zur Arbeit zu gehen." Und wenn er doch mal einen Tag aussetzt, dann schreibt er Kurzgeschichten, die er in lokalen Zeitungen veröffentlicht.

Ans Aufhören denkt er nicht. Warum auch? Vielleicht setzt er noch ein Gewächshaus auf das Gelände, denn die Energiekosten sind minimal. Der Dampf kommt aus einer 160 Grad Celsius heißen Quelle gleich nebenan. "Ich kann so viel benutzen, wie ich will." Seine Frau Karen, Enkeltochter ukrainischer Juden, die in die USA ausgewandert sind, hat er bei einem Besuch in Amerika kennen gelernt. In New York war es ihr zu heiß. Sie ist "meine rechte Hand auf meiner linken Seite". Dann bestellt Bragi eine Runde Fish'n Chips für alle. Leider sind die Bananen noch nicht reif. Aber in ein paar Wochen kann man sie ernten. "Ich lebe im Garten Eden", freut sich Bragi, "und meine Eva ist viel jünger als ich."



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