ISS-Weltraumtourist Völlig schwerelos

Als 13-Jähriger durfte er einem Astronauten die Hand schütteln, mit 58 Jahren schwebt er selbst im All: Der Microsoft-Mitgründer und Milliardär Charles Simonyi hat sich einen Traum verwirklicht. Der Besuch auf der Internationalen Raumstation kostet ihn 25 Millionen Dollar.


Charles Simonyi hat es im All die Sprache verschlagen. Der US-Milliardär, Computer-Pionier und aktuelle Weltraumtourist schaffte es seit dem Start vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan nicht, seinen Internet-Blog weiterzuführen. Dort hatte er noch am Tag des Launches von seinen Friseur- und Masseur-Besuchen berichtet. Allerdings macht er sich Notizen im All: Er dokumentiere jeden Moment des Fluges, wie er Freunden sagte. Heute beginnt der zweite Tag der Neuankömmlinge auf der Internationalen Raumstation (ISS). Gestern Abend hat die russische Sojus-TMA-10-Kapsel pünktlich um 21.20 Uhr nach zwei Tagen Flug an der Raumstation angedockt, eineinhalb Stunden später verließen die drei Insassen die Raumkapsel und betraten die ISS.

Während seine beiden Begleiter, die russischen Kosmonauten Fjodor Jurtschichin und Oleg Kotow, ihre Kollegen ablösen und sechs Monate auf der ISS arbeiten werden, kehrt Simonyi am 20. April zur Erde zurück. Simonyi ist der 453. Mensch überhaupt im All und bereits der fünfte zahlende Gast auf der ISS. Seine Vorgänger sind der US-Geschäftsmann Dennis Tito, der südafrikanische Unternehmer Mark Shuttleworth, der US-Unternehmer Gregory Olsen und die amerikanisch-iranische Geschäftsfrau Anousheh Ansari. Simonyi kostet die Reise 25 Millionen Dollar (19 Millionen Euro).

Der 58-Jährige hatte seit Oktober im Ausbildungszentrum bei Moskau für den Weltraumflug trainiert. Seit seiner Kindheit ist der gebürtige Ungar von der Raumfahrt begeistert. Als 13-Jähriger durfte er als ungarischer "Junior-Astronaut" offiziell nach Moskau reisen, wo er auch einen der ersten Astronauten, Pawel Popowitsch, traf. Heute gilt Simonyi, der seit 1982 US-Staatsbürger ist, als einer der 400 reichsten Amerikaner. Der Mathematiker ist einer der Mitbegründer von Microsoft, er entwickelte dort Programme wie Word und Excel und gilt als Pionier des Computer-Zeitalters.

Bei seinem Ausflug zur ISS hat Simonyi den Lochstreifen eines alten sowjetischen Computers als Talisman mitgenommen. "Mit dem Papierlochstreifen aus dem Computer Ural-2 begann 1964 meine Karriere", sagte Simonyi laut US-Medien. Simonyis Geburtsland, das die Mission mit großer Spannung verfolgt, feiert ihn als zweiten Ungarn im All - nach Bertalan Farkas, der 1980 für eine Woche in der sowjetischen Raumstation "Salut 6" forschte.

Telemedizin-Experiment und drei Ausstiege

Der Kosmonaut, Arzt und Bordingenieur Oleg Kotow hat gleich zwei Premieren zu feiern: Er ist das erste Mal im All und zugleich 100. Kosmonaut seines Landes seit Juri Gagarins historischem Flug vom 12. April 1961. Für Kommandant Jurtschichin bringt die Mission ein Wiedersehen mit der ISS. Er war bereits 2002 mit der US-Raumfähre "Atlantis" hier oben. Den Männern stehen nach der Übernahme der Station in den nächsten Tagen über 40 russische sowie auch amerikanische, japanische und europäische Experimente bevor.

Zu Kotows Aufgaben gehört ein Telemedizin-Experiment: Dabei testet er ein System, mit dem der Gesundheitszustand eines Patienten über große Entfernungen gecheckt werden kann. Auf diese Weise wolle man künftig beispielsweise erkrankten Raumfahrern Hilfe leisten, wenn kein professioneller Mediziner an Bord ist, sagte der 41-Jährige. Aber auch Kranken in entlegenen Gebieten auf der Erde könne so geholfen werden. Zudem empfangen die beiden Russen, wenn alles nach Plan läuft, drei US-Shuttles und zwei automatische Frachtraumschiffe "Progress" mit neuen ISS-Bauteilen und Versorgungsgütern.

Auch drei Ausstiege in den freien Raum stehen auf dem Flugprogramm. Vorläufig bis Juni werden Jurtschichin und Kotow von der US-Astronautin Sunita Williams unterstützt, die seit Dezember als zweiter Bordingenieur in der ISS arbeitet. Ihr Aufenthalt kann sich aber unfreiwillig verlängern, da die US-Raumfahrtbehörde NASA wieder große Probleme mit den Shuttles hat. Wegen eines Hagelschadens am Haupttank ist beispielsweise der Start der "Atlantis" seit Mitte März überfällig. Jetzt ist von einem neuen Termin zwischen Mitte Mai und Mitte Juni die Rede. Dadurch kann der gesamte Fahrplan für die Fertigstellung der ISS durcheinander geraten.

abl/AP/ddp/dpa



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