Japans Vulkaninsel Kyushu Wellness in der Hölle

Bluthölle, Mönchskopf-Hölle, Meeres-Hölle: Wenig einladend sind die Wellness-Schwefelbäder auf der japanischen Insel Kyushu benannt. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen - wer hier relaxt, kann auf ein langes Leben hoffen.

Karsten-T. Raab/ srt

Ihre Füße sind heiß. Im dampfenden, schwarzen Vulkansand buddelt Hiromi von morgens bis abends mit ihrer Hacke Kuhlen, um Menschen in baumwollenen Kimonos in Reih und Glied bei lebendigem Leib zu begraben. Geschickt formen ihre Hände maßgeschneiderte Sarkophage. Nur der Kopf ihrer "Kunden" schaut noch heraus. Den schützt Hiromi mit einem kleinen gelben Sonnenschirm.

Schuhe sind für Hiromi bei ihrer Arbeit tabu. Schließlich kommt alles auf ihr Zehenspitzengefühl an. Damit misst sie die Temperatur des Sands, der von einer heißen Quelle erhitzt wird. Je tiefer sie gräbt, je dicker sie die Schicht auf den Körper modelliert, umso heißer wird es. Für jeden muss sie die richtige Temperatur austarieren, damit im sandigen Backofen alle Sinne geweckt werden: 15 Minuten Zeit zum Träumen, Meditieren, Atmen, dem eigenen Puls lauschen, um dann wie Phönix aus der Asche aus dem Sandkasten aufzusteigen. Wie neugeboren sollen sich die Eingegrabenen nach ihrem Sandbad fühlen.

Drei Jahre musste Hiromi ihr Handwerk lernen. Zehn Jahre Erfahrung kann sie inzwischen vorweisen. Als vollendete Expertin fühlt sie sich noch nicht. "Vielleicht in der Mitte", schätzt sie ihre Kenntnisse ein.

Ihr Wohnort Beppu, die rauchende Stadt am Meer mit ihren kochenden Teichen und dampfenden Erdspalten, ist eines der heißesten Pflaster der Welt. Der berühmte Kurort auf Kyushu liegt auf der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln. Überall dringen weiße Schwaden aus dem Boden, sogar aus dem Straßenasphalt. In rostigen Rohren versuchen die Einwohner den Dampf aus der Unterwelt zu kanalisieren, bis er mit gewaltigem Druck in den blauen Himmel schießt.

Das Brodeln von Beppu

Jigoku ist das japanische Wort für Hölle, und in Beppu ist der Begriff allgegenwärtig. In der Jigoku Mushi Kobo zum Beispiel, auf Deutsch Höllenküche, herrscht so dichter Nebel, dass man die Hand nicht vor den Augen sieht. Der hundert Grad Celsius heiße Dampf aus der Erde wird in gemauerten Öfen gezähmt. Gerüstet mit dicken Gummihandschuhen, lässt die Köchin den Bambuskorb mit Gemüse tief in den Ofen hinab. Der wird mit einem dicken Holzdeckel verriegelt.

Seit Jahrhunderten praktizieren die Menschen hier diese Garmethode, bei der nichts vom Geschmack verloren geht. Produziert wird der Dampf von heißen vulkanischen Quellen. Über 2500 brodeln in Beppu, nur im Yellowstone-Nationalpark in den USA gibt es mehr.

Schon am Eingang des Umi Jigoku riecht es nach Schwefel. Wer in die kobaltblaue Meeres-Hölle will, wird erst durch einen Souvenirladen geschleust. Dort gibt es für umgerechnet 30 Euro alle Zutaten, um sich das Inferno daheim im Bad selbst anzurühren. Unter grünen Palmen pfeifen aus dem 200 Meter tiefen blauen Wasser dicke Dampfschwaden in den Himmel.

Einen Steinwurf entfernt sprudelt die Bluthölle mit ihrem feuerroten Wasser. Für die Farbe sorgen Mineralien, die der Dampf aus der Erde nach oben drückt. Vulkanische Gase formen den Schlamm in der Mönchskopf-Hölle zu einem kahlen Haupt, bevor die Blase mit einem dumpfen Blubb platzt.

Bad am Bambushain

Insgesamt acht Höllen bietet die Stadt auf ihrer Höllentour. Kichernd zeigen Familien fürs Foto das Victoryzeichen, als wären sie gerade dem Höllenschlund entkommen. Der präsentiert sich eine gute Stunde Fahrt entfernt am Mount Aso, einem der größten Krater der Welt, dessen Caldera einen Umfang von 128 Kilometern hat. Umgeben ist sie von einer Bergkette aus fünf Vulkangipfeln, die einem liegenden Buddha gleichen.

Einer von ihnen ist noch aktiv, glüht, spuckt, qualmt. Unberührte Zedernwälder und Bambushaine rahmen den fruchtbaren Kessel ein. An einem kleinen Bach, überzogen mit einem Netz von Bambuslampions, drängen sich alte Holzhäuschen mit Papierwänden, vor deren Haustür eine kleine Mühle plätschert und innen ein Bad mit einer heißen Quelle dampft.

Nicht weit von hier, im feinen Kurort Yufuin, streifen junge Japaner in den hoteleigenen Baumwoll-Kimonos von Onsen zu Onsen. So heißen die Thermalbäder, die in Japan Tradition sind. Und offenbar extrem gesund: Weltweit gibt es auf der Insel die geringste Quote von Herzinfarkten und Krebsleiden.

Außerdem scheinen Wellness-Behandlungen ein Geheimrezept der Menschen auf Kyushu für ein hohes Alter zu sein: Mit 116 Jahren und 45 Tagen galt Kamato Hongo 2003 als älteste Erdenbürgerin. Als ältester Mann der Welt schaffte es der 114-jährige Yukichi Chuganji ins Guinnessbuch der Rekorde. Wie oft er bis zu seinem Tod im September 2003 ein Schwefelbad in der Hölle genommen hat, ist allerdings nicht überliefert.

Angela Böhm, srt/sto

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