Jordanien Das Pompeji des Ostens

Die Stadt Djerasch im Norden Jordaniens gilt als die besterhaltene römische Stadt der Welt. Wie einst die Römer, bummeln heute Touristen durch die rund 2000 Jahre alten Ruinen.

Von Hilke Maunder


Römische Ausgrabungen in Djerasch
Hilke Maunder

Römische Ausgrabungen in Djerasch

Das Zirpen der Zikaden erfüllt die laue Luft, zahlreiche Händler bieten entlang der 800 Meter langen Kolonnenstraße traditionelles Kunsthandwerk wie Beduinenteppiche, Schmuck, Stickereien, Glas und Keramik an. Auf einer Säule im Ovalen Forum brennt eine Fackel in der Nacht. Eigentlich fehlen hier nur die römischen Gestalten, die mit wehenden Togen und offenen Sandalen von Säule zu Säule huschen.

Djerasch (engl. Jerash), das antike Gerasa, gehörte zur römischen Dekapolis, einem Verbund freier Städte. Schutz bot ein 3,5 Kilometer langer Mauerring, fünf Meter hoch und drei Meter dick, mit 120 quadratischen Wehrtürmen. Gelegen in den Hügeln des biblischen Gilead, direkt an der Kreuzung großer Handels- und Karawanenstraßen, erlebte Gerasa vom 1. bis 3. Jahrhundert nach Christus seine Blüte voller Frieden und Wohlstand. Der Handel mit der Provinz Syrien und dem Nabatäerreich florierte und führte zu einem intensiven Kulturaustausch. Alljährlich im Juli erwacht das Pompeji des Ostens für zwei Wochen zu pulsierendem Leben: Beim "Jerash Festival of Culture and Arts" (25. Juli bis 11. August) erleben Tausende von Festivalbesuchern ein interkulturelles Kaleidoskop - trotz aller Finanznöte inzwischen zum 20. Mal.

Ein Junge vor dem Hadriansbogen verkauft Postkarten an Touristen
Hilke Maunder

Ein Junge vor dem Hadriansbogen verkauft Postkarten an Touristen

Der Mauerring fiel längst der Bauwut späterer Generationen zum Opfer; auf dem Ostteil des antiken Gerasa entstand das moderne Djerasch. Nur einem Verbot aus dem Jahr 1923 ist es zu verdanken, dass der Westteil Gerasas mit seinen römischen und byzantinischen Bauwerken erhalten blieb. Vor 20 Jahren gründete Königin Noor gemeinsam mit Freiwilligen der Yarmouk Universität das "Jerash Festival of Culture and Arts" und belebte damit die kulturellen Wurzeln wieder - bereits unter Kaiser Trajan, der vom Jahre 98 bis 117 nach Christus regierte, war in Gerasa ein alljährliches Festival gefeiert worden.

Schon im ersten Jahr gelang die Renaissance. Djerasch wurde zum Synonym für den kulturellen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident, das Kaleidoskop jordanischer, arabischer und internationaler Kultur zum Publikumsmagneten. Jahrein, jahraus faszinierte der Spielplan durch spannende Brüche und ungewöhnliche Begegnungen, erlaubte Entdeckungen und Ausflüge in die im Westen relativ unbekannte arabische Kultur. Im Jahr 2000 kamen 13 Theater- und Musikgruppen aus dem nicht-arabischen Sprachraum - von der Trachtenkapelle Salzburg bis zum Helsingborg Chor, dazu die Original Shakespeare Company oder das Westdeutsche Bläserphilharmonische Quintett aus Berlin.

Von Hand gefüllte Sandflaschen gehören zu den beliebtesten Souvenirs. Der Sand ist - meist - nicht künstlich eingefärbt
Hilke Maunder

Von Hand gefüllte Sandflaschen gehören zu den beliebtesten Souvenirs. Der Sand ist - meist - nicht künstlich eingefärbt

Die wachsende Einbindung internationaler Ensembles ließ die Kosten explodieren - besonders in den letzten drei Jahren. Die Eintrittspreise blieben jedoch konstant niedrig - jeder sollte es sich leisten können, das Kulturspektakel zu erleben. 2001 war der finanzielle Spagat nicht mehr aufzufangen. Doch ein Ende des Festivals im Jubiläumsjahr war nicht nur für Staatsoberhaupt König Abdallah unvorstellbar. Offen warb der Monarch um Unterstützung für das Fest, dass sich allein aus den Eintrittsgeldern und Spenden finanziert. Beim Programm mit dem Motto "Palästina und Patriotismus" wurde radikal der Rotstift angesetzt, auf Einladungen ans westliche Ausland erstmals verzichtet.

Im Jubiläumsjahr präsentiert sich Djerasch daher als Schaufenster der arabischen Welt. Mit dabei sind die bekannte palästinensische Gruppe Sabreen und der Kuforyaseef-Chor. Aus Syrien kommen der Sänger George Wasouf und das Inana Tanz-Ensemble, aus dem Libanon der Künstler Asi Hallani, aus Ägypten der Sänger Ehab Tawfik. Die türkische Tutav-Gruppe unterhält mit Sufi-Gesängen, ein tunesischer Kinderchor die jungen Zuschauer. Gastgeber Jordaniern nutzt die Gelegenheit, seine renommierten Ausbildungsstätten vorzustellen - die Jordanischen Akademie für Musik und das Staatliche Konservatorium.

Blick vom antiken Südtheater auf die heutige moderne Stadt Jerash
Hilke Maunder

Blick vom antiken Südtheater auf die heutige moderne Stadt Jerash

Die Spielstätten zählen zu den imposantesten Zeugnissen der römischen Hochkultur. Eine ausgeklügelte Lichtführung setzt die Ruinen ins rechte Licht. Das imposante Südtheater, von 90 bis 92 nach Christus unter der Herrschaft des Kaisers Domitians erbaut, bildet das Forum für die Eröffnung - die traditionelle Dichterlesung. Bis zu 4.000 Zuhörer werden am 25. Juli der Stimme von Bashar Zarkan lauschen, der ein Werk von Mahmoud Darweesh vorträgt. Das Können der römischen Architekten in tragender Akustik gibt jedem Zuschauer einen Platz in der ersten Reihe: Stehen die Schauspieler oder Sänger in der Mitte der Bühne, können sie von allen Zuschauer gut gehört werden, ohne die Stimme heben zu müssen. Das kleinere Nordtheater, 165 nach Christus erbaut, wurde in der Antike für Dichterlesungen und Treffen des Stadtrats genutzt. Die Namen der Sippen, die dort vertreten waren, sind auf Griechisch in einige Sitze eingeritzt - ein einzigartiges Zeugnis im Mittleren Osten.



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