Kalifornien Sonnenuhr mit Pünktlichkeits-Problem

Die größte Sonnenuhr der Welt steht im Norden Kaliforniens: eine moderne Brücke des Stararchitekten Santiago Calatrava. Zwar war ihr Bau teurer als der der Golden Gate Bridge in San Francisco, doch ihre Doppelfunktion erfüllt sie nur selten perfekt.

Redding - Redding im Norden Kaliforniens ist das, was in Reiseführern gern als Verkehrsknotenpunkt bezeichnet wird. Mehrere Highways treffen sich hier, die Stadt ist ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge zum Lassen Volcanic Nationalpark und zu den großen Stauseen in der waldreichen Umgebung. Für etliche USA-Touristen ist Redding inzwischen aber mehr als eine Durchgangsstation: Seit ihrer Eröffnung im Juli 2004 ist die Sundial Bridge eine Attraktion. Die Brücke hat von dem spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava ein interessantes Design erhalten und gilt als größte Sonnenuhr der Welt - auch wenn sie nur einmal im Jahr präzise die Zeit anzeigt.

Die Sundial Bridge ist ein Teil des Turtle Bay Exploration Parks, zu dem auch ein Museum und ein Botanischer Garten gehören. Zugleich markiert sie den Start eines Wanderpfades entlang des Sacramento River, der zum etwa 20 Kilometer entfernten Shasta-Staudamm führt, erklärt Bob Warren, Chef der regionalen Tourismusbehörde Shasta Cascade Wonderland Association. In Redding sind die Menschen sehr stolz darauf, dass der viel beschäftigte Architekt Calatrava das Projekt übernahm. Für den Spanier hatte es einen ganz besonderen Reiz: "Alle seine Projekte zuvor waren in Großstädten angesiedelt", sagt Warren. "Bei uns konnte er ein Werk schaffen, das wichtiger ist als alle anderen Bauwerke ringsum. Calatrava mochte den Ort sofort."

Aus Rücksicht auf die Lachse

Bei einer Länge von 213 Metern hätte die Sundial Bridge eigentlich vier Pfeiler im Flusswasser haben müssen. Doch dieser Abschnitt des Sacramento River ist nicht nur der Einzige überhaupt, der statt von Norden nach Süden in West-Ost-Richtung verläuft, sondern er ist auch ein wichtiger Laichplatz für Lachse. "Der Lachs ist in Kalifornien eine bedrohte Tierart. Deshalb wollten wir eine Brücke bauen, die den Fluss nicht berührt und die Fische so wenig wie möglich stört", erklärt Warren. Das Ergebnis war eine Konstruktion, bei der starke Spannseile an einem gut 66 Meter hohen Pfeiler das Bauwerk tragen.

Santiago Calatrava sei fasziniert gewesen von der klaren Nord-Süd-Ausrichtung der Brücke, erinnert sich Tourismusmanager Warren. "So konnte er die größte Sonnenuhr der Welt bauen." Auch die Finanzierung war gesichert, nachdem die örtliche McConnell-Stiftung sich bereit erklärte, die Baukosten zu übernehmen. Am Ende stand nach fünf Jahren eine Rechnung über 23,5 Millionen Dollar (etwa 17,27 Millionen Euro). "Damit war der Bau der Sundial Bridge teurer und er hat länger gedauert als bei der Golden Gate Bridge in San Francisco", sagt Warren, und etwas Stolz schwingt dabei in seiner Stimme mit.

Nur mit der Präzision der Sonnenuhr hat es nicht ganz geklappt. Lediglich am 21. Juni geht sie auf die Minute genau - und zwar unter Berücksichtigung der dann in den USA geltenden Sommerzeit. Der Brückenpfeiler ist dabei so hoch, dass sich sein Schatten mit der Geschwindigkeit von einem Fuß (gut 30 Zentimeter) pro Minute bewegt. Entsprechend weit auseinander liegen die Markierungen am Boden, an denen sich am 21. Juni die exakte Uhrzeit ablesen lässt.

Einen imposanten Eindruck macht die Sundial Bridge nicht zuletzt am Abend, wenn sie in helles Licht getaucht ist. Dann bummeln auch etliche Studenten und andere Flaneure über die 1240 Glaselemente der Brücke, die aus Québec in Kanada importiert wurden. Das fünf Zentimeter dicke Glas wurde bewusst ausgewählt, um den Einfall von Sonnenlicht in den 10 bis 15 Grad kalten Sacramento River so wenig wie möglich einzuschränken und die Fische auch dadurch nicht zu sehr zu stören. Wer mehr Ruhe haben will, kommt dagegen am Morgen. Dann gehört die Brücke nur einigen Joggern, Radlern und Spaziergängern mit Hunden, und die größte Sonnenuhr der Welt lässt ihren Schatten am Ufer des Flusses entlang fallen, weitab aller Uhrzeit-Markierungen.

Von Christian Röwekamp, gms

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