In Cyprus Shore, einem Luxuswohngebiet am Pazifischen Ozean, ist vom einst breiten Sandstrand nichts mehr übrig: »Jeden Tag komme ich hierher und sehe mir das Elend an«, sagt ein Anwohner
In Cyprus Shore, einem Luxuswohngebiet am Pazifischen Ozean, ist vom einst breiten Sandstrand nichts mehr übrig: »Jeden Tag komme ich hierher und sehe mir das Elend an«, sagt ein Anwohner
Foto: Robyn Beck / AFP

Kaliforniens berühmte Zugstrecke »Pacific Surfliner« Ein Wahrzeichen der Westküste versinkt

Der Pazifische Ozean! Was für ein Panorama! Kalifornien hat eine der spektakulärsten Küstenbahnstrecken der Welt. Doch das Meer rückt den Schienen gefährlich nahe und hat Gleise teils schon unterspült.

Der Himmel über Cyprus Shore war wolkenlos am 1. Mai 1998. Der Pazifik schickte Wellen an den Strand, wie immer. Und wie immer waren die Volleyballnetze gespannt. Bereit für eine Partie.

Foto: Cyprus Shores Home Owners Association / AFP

Das Foto mit dem aufgedruckten Datum zeigt die Küste von San Clemente, Kalifornien, wie sie vor knapp einem Vierteljahrhundert aussah. Es stammt aus einer Zeit, als wohl viele noch hofften, dass diese Schönheit ewig halten würde. Die meisten ahnten nicht, dass die Bahnstrecke, die hier zu sehen ist, schon sehr bald Geschichte sein könnte.

Heute, 24 Jahre später, ist von den goldenen Stränden nicht mehr viel übrig. Ein Großteil des Sandes wurde weggespült oder überflutet.

Foto: Robyn Beck / AFP

Entlang einer der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt, im südlichen Orange County, auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Diego, können die Anwohnerinnen und Anwohner dabei zusehen, wie der Ozean Strände, Häuser und teils auch Gleise verschlingt. Auf ihnen befördert der Zug »Pacific Surfliner« jährlich über acht Millionen Reisende .

Foto: Amtrak Pacific Surfliner / LOSSAN Rail Corridor Agency

(Be-)rauschendes Panorama: Die gesamte »Pacific Surfliner«-Strecke ist mehr als 550 Kilometer lang. Nicht alle Küstenabschnitte sind so stark von Erosion betroffen. Das Foto zeigt einen der Züge im Jahr 2019.

Foto: Robyn Beck / AFP

Ohne Strand war die Bahnlinie zwischen San Diego und San Luis Obispo auch vor Tropensturm »Kay« nicht mehr geschützt, als dieser im September über die Küste hinwegfegte. Teile der Schienen wurden unterspült, die Strecke musste wegen dringender Reparaturarbeiten gesperrt werden.

Foto: Robyn Beck / AFP

San Clemente im Oktober 2022. Ein Truck auf Schienen bringt dicke Felsbrocken nach Cyprus Shore, eine private Luxuswohnsiedlung direkt am Meer. Die Steine sind so etwas wie die letzte Hoffnung für den Küstenabschnitt in Südkalifornien.

Foto: Robyn Beck / AFP

Wo früher breite Strände die Gleise vom Meer trennten, sind nun nur dicke Brocken zu sehen. In San Clemente versuchen die örtlichen Verkehrsbetriebe derzeit, das Gleisbett zu stabilisieren. Jeden Tag werden Tonnen von Steinen abgeladen, um den Bahndamm zu verstärken – ein Zwölf-Millionen-Dollar-Projekt, das voraussichtlich mehr als sechs Wochen dauern wird. Frühestens Mitte Dezember soll der Gleisabschnitt wieder in Betrieb genommen werden, heißt es auf der Website des US-amerikanischen Zugunternehmens Amtrak .

Foto: Robyn Beck / AFP

Laut Vize-Bürgermeister Chris Duncan »ein verlorener Kampf«: Bereits im September 2021 wurde vergeblich versucht, die Gleise mit 18.000 Tonnen Gestein zu sichern, sagt er. »Der Hang wird zwar vorübergehend stabilisiert, doch gehen weitere Unmengen an Sand verloren«, wenn die Wellen von den harten Felsbrocken zurückprallen und den Sand mitnehmen. Er will stattdessen die Strände mithilfe von Bundesgeldern wieder auffüllen.

Foto: Robyn Beck / AFP

In Cyprus Shore, wo Ex-Präsident Richard Nixon lange wohnte, sorgen sich die Bewohnerinnen und Bewohner: Ohne den Strand als Puffer wird der Hang, auf dem Cyprus Shore gebaut wurde, vom Meer langsam weggefressen, die Häuser rutschen ab. Der Parkplatz an der Klippe ist schon weggebrochen, zwei Villen mit rissigen Wänden sind unbewohnbar geworden. »Jedes Haus war mindestens zehn Millionen Dollar wert«, sagt der 68-jährige Einwohner Steve Lang.

Foto: Robyn Beck / AFP

Steve Lang könnte »heulen«, sagt er. Er überquert die Schienen regelmäßig auf dem Weg zum Surfen: »Jeden Tag komme ich hierher und sehe mir das Elend an.«

Foto: Robyn Beck / AFP
Foto: Robyn Beck / AFP

Hohe Wellen schwappen über die Schienen. Dass das Wasser immer mehr vordringt, sei nicht nur ein Problem von San Clemente, sagt Vize-Bürgermeister Duncan. »Die kalifornische Küste ist insgesamt von Klimawandel und Erosion bedroht.« Das sind 2000 Kilometer.

Erosion ist ein Naturphänomen, aber nach Ansicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird sie durch die Erderwärmung beschleunigt, da diese zu heftigeren Stürmen sowie zum Anstieg des Meeresspiegels infolge schmelzender Eiskappen und Gletscher führt.

Bis 2050 könnten in Kalifornien Straßen und Schienen im Wert von acht bis zehn Milliarden Dollar unter Wasser stehen. Weitere Infrastruktur und Bauten im Wert von sechs bis zehn Milliarden Dollar dürften dann in einer Hochwassergefahrenzone liegen, heißt es in einer Studie des kalifornischen Parlaments aus dem Jahr 2019.

Foto: Robyn Beck / AFP

Können die angekarrten Felsbrocken das Problem lösen? Manche plädieren für eine radikalere Lösung, um die Bahnstrecke zu retten. »Am besten wäre es, sie von der Küste wegzuverlegen«, sagt der Geologe Joseph Street. »Aber das ist natürlich ein großer Aufwand, sehr teuer.« Und die Häuser hinter den Gleisen blieben weiter ungeschützt.

»Viele unserer Stadtplaner und Entscheidungsträger haben das Problem zu lange vor sich hergeschoben«, kritisiert Stefanie Sekich-Quinn von der Umweltschutzgruppe Surfrider Foundation. Das Foto zeigt sie am Capistrano Beach in Dana Point. Auch Sekich-Quinn plädiert dafür, die Bahnlinie zu verlegen.

In Kalifornien gibt es aber nur eine Handvoll solcher Initiativen. Zum Beispiel im hundert Kilometer weiter südlich gelegenen San Diego: Dort wurde im Juli ein 300 Millionen Dollar teures Projekt zur Verlegung der Bahnstrecke weiter landeinwärts vorgestellt.

Foto: Robyn Beck / AFP

In San Clemente wäre das nur der allerletzte Ausweg, sagt Duncan. »Die Leute wollen, dass sich gewählte Vertreter wie ich für die Rettung unserer Häuser und unserer Schienen einsetzen – und nicht einfach aufgeben.«

jus/AFP
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