Kamele in Dubai Aufgalopp eines Wundertieres

Wüstenschiff und überlebenswichtiger Gefährte der Menschen am Golf - das war gestern. Heute beschert das Kamel dem Herrscherhaus von Dubai andere Kostbarkeiten: Hochspannung bei Rennen - und als sprudelnde Geldquelle das Wundermittel Milch. Dahinter steckt ein deutscher Doktor.

Von Meike Kirsch


Der Morgendunst liegt noch schwer über der Rennstrecke von Nad Al Sheba, eben erst hat sich die Sonne vom Horizont gelöst, da steuert Said Belarti seinen nagelneuen Lexus RX über den Sand. Die Augen des jungen Mannes, der das weiße Gewand der Golfaraber trägt, folgen einem Pulk zierlicher Kamele, die sich zwischen Hunderten anderer vor Dubais Skyline warm laufen. Welches von ihnen hat die beste Tagesform? Welches wirkt wach? Leichtfüßig genug?

Belarti macht sich Notizen, denn in wenigen Stunden wird sich zeigen, ob er gut gearbeitet hat: Am Nachmittag werden die schnellsten jungen Kamele der sieben Emirate gegeneinander antreten. Es sind die wichtigsten Rennen der frühen Saison. Vier Kilometer, die entscheiden, welche Tiere in den kommenden Monaten zwischen Abu Dhabi, Dubai, Qatar und Bahrain hin- und hergeflogen werden und im Namen ihrer Besitzer Ehre, Range Rover und Porsches gewinnen sollen.

Said Belarti kennt sich aus in diesem Geschäft, er steckte noch in den Windeln, als ihn ein Kamel bereits zum Millionär machte: 1,5 Millionen Dirham (rund 310.000 Euro) zahlte Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan, der langjährige Präsident der VAE, für ein Tier, das Belarti von seinem Vater zum ersten Geburtstag geschenkt bekommen hatte.

Damals, Anfang der 1980er Jahre, die höchste Summe, die je für ein Kamel geflossen war. „Das änderte unser Leben“, sagt Belarti, ohne den Blick von den Tieren zu nehmen. Und die Glückssträhne der Familie hielt an: Inzwischen trainieren Vater und Sohn einige der teuersten Stars, die der Herrscherfamilie von Dubai gehören. Einzelne von ihnen kosten dreimal so viel wie der Formel-1-Bolide von Michael Schumacher: zehn Millionen Euro.

Mit Datteln und Ziegenmilch zum Sieg

Es sind zerbrechliche Tiere mit schmächtigen Körpern und langen, spinnenartigen Beinen. Die Hälse, an deren Enden zierliche Köpfe sitzen, haben sie weit nach vorn gereckt. Dick in Wolldecken gehüllt, fliegen sie über den tiefen Sand der Bahn; immer weiter getrieben, damit sie bloß ihr Gewicht halten. Denn in den Tagen vor dem Rennen hat jede ihrer Fütterungen einem Festbankett geglichen: Hafer, Weizen und Datteln wurden ihnen serviert, Eier und Ziegenmilch gemischt mit teurem wilden Honig sowie dicke Pfannkuchen aus dem Supermarkt. Die genaue Zusammensetzung des Futters hütet Said Belarti wie der Chef von Coca-Cola das Rezept seiner Brause.

Deshalb auch umgeben hohe Zäune, manchmal gar steinerne Mauern die zahllosen Kamelcamps, die sich östlich der Rennbahn kilometerweit in die Wüste erstrecken. Denn Fütterung und hartes, tägliches Training sind alles, was der Mensch zum Sieg beitragen kann. „Der Rest kommt von Allah“, sagt Belarti. „Selbst wenn wir die beste Kamelstute mit dem besten Hengst kreuzen. Vergiss es! Wenn Allah nicht will, werden die Nachkommen wie Schnecken um die Bahn kriechen.“

Diesen festen Glauben hat Belarti seit seinem Unfall auf der Rennstrecke: 120 km/h schnell raste er frontal in den Jeep eines anderen Trainers, lag zehn Wochen im Koma. Noch heute erinnern hässliche Narben an die Kollision, die ihn fast das Leben gekostet hätte. Beide Männer hatten nur auf ihre Kamele geachtet. Aber Allah gab dem jungen Emirati eine zweite Chance – und Belarti will sie nutzen. Gleich an diesem Nachmittag. Denn der Sohn eifert dem Vater nach, der mehr wichtige Trophäen als jeder andere Trainer im Land gewann. Von ihm hat sich Belarti viele Kniffe abgeschaut. Er weiß nun, welche Kamele er ins Rennen schicken muss.

Norddeutscher Mikrobiologe ist Chefveterinär

Auch Ulrich Wernery lebt für Kamele. Seit zwei Jahrzehnten widmet der Mikrobiologe ihnen fast jeden seiner Tage. „Sie sind sensationell toll“, sagt er. Sensationell ist sein liebstes Wort für die Eigenschaften der Höckertiere. Diese nahezu kindliche Begeisterung für seine Forschungsobjekte hat den hageren, groß gewachsenen Norddeutschen zu einem der weltweit führenden Kamelexperten gemacht – und zum Chefveterinär des Herrscherhauses von Dubai. Nun will Wernery der ganzen Welt beweisen, dass in Kamelen weit mehr steckt als bisher angenommen.

Seinen Chef, Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, den treibenden Visionär und Machthaber von Dubai, hat Wernery in einem günstigen Moment bereits für die eigene Vision gewinnen können. Sie waren erst wenige Minuten in der Luft, noch hüllten Regenwolken den herrschaftlichen Privatjet ein, da wusste Wernery: jetzt oder nie. Zwar war der Anlass des Fluges ein trauriger. Das beste Rennpferd seiner Hoheit, Dubai Millennium, 23 Millionen Euro Versicherungswert, war am Vortag im britischen Newmarket elendig verendet.

Auch Wernery, der herbeigerufene Experte, hatte den Champion nicht retten können. Gegen Equine Dysautonomie, die Graskrankheit, damals fast gänzlich unerforscht, hatte selbst er kein Mittel gefunden. Eine Katastrophe für das rennverrückte Herrscherhaus. Dennoch wollte Wernery nicht pietätvoll warten.

Also setzte er sich im großen Konferenzraum der Maschine in den Sessel neben Scheich Mohammed und erzählte dem mächtigen Mann von seiner Idee. Frankfurt rauschte unter ihnen vorbei, bald auch München. Eine volle Stunde sprudelten die Sätze aus Wernerys Mund. Der Scheich stellte keine einzige zweifelnde Frage, nickte nur wohlwollend. Allerdings meldete er sich dann 24 quälende Monate lang nicht. Erst 2003 rief er an: „Uli, we start! Gleich morgen beginnen wir mit dem Bau.“



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