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30. Juli 2019, 07:50 Uhr

Vier Tage kanadische Wildnis

Bärenbeobachtung für Fortgeschrittene

Von Christian Haas

Das Toba Inlet ist eines der letzten komplett wilden Täler British Columbias. Wer Grizzlys in freier Natur beobachten will, kommt hier auf seine Kosten - mit etwas Glück. Doch so eine Tour ist nichts für Zimperliche.

Ich will dahin, wo sich die Bären im Herbst ihren Winterspeck anfuttern, jenseits von Lodges und Plattformen, überhaupt jeglicher Besiedlung und Infrastruktur. Wo die Regenwaldbäume alt und groß sind. Und wo es keinerlei Handyempfang, Strom oder Betten gibt - stattdessen Zweimannzelte, Eigenversorgung über dem Feuer, Wildnis-Setting. Also breche ich mit fünf Freunden auf ins Toba Inlet an der Westküste British Columbias.

Doch so ganz alleine können wir nicht einfach ins ungesicherte Bärenland fahren. Da wir keine touristische Bärenbeobachtungstour machen wollen, wie sie zahlreiche Anbieter auf Kanada-Websites anpreisen, wenden wir uns an die Stiftung Wilderness International. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, über Patenschaften und Spenden, den kanadischen Regenwald und seine Bewohner zu schützen. Die Umweltschützer Kai Andersch, Tobias Hürten und David MacDonald werden uns begleiten. Sie geben uns Tipps, was wir auf unserer Tour ins Toba Inlet dabei haben sollten.

Neben Outdoor Equipment und Lebensmitteln gehört zur Vorbereitung auch ein Stopp in einem Angelladen, um Angellizenzen und Bärenverteidigungsmittel zu kaufen. In unseren wasserdichten Säcken landen Hupen, Pfeffersprays und ein Gewehr - für den Extremfall. Wobei unsere Guides nicht müde werden, auf gewaltlose Maßnahmen hinzuweisen, allen voran umsichtiges Verhalten, sodass es gar nicht erst zu brenzligen Begegnungen kommt.

Per Wassertaxi in die Wildnis

Am Tag darauf legen wir mit einem Wassertaxi um neun Uhr morgens ab. Unser Fahrer Richard steuert das Schiff behutsam durch die Inselwelt der Strait of Georgia. "Diesen Sommer hat es zwar wenig geregnet, aber so viele Buckelwale und Orcas haben wir selten gesehen", sagt er. Sein heutiger Auftrag ist speziell: uns im Toba Inlet an einem bestimmten Felsen rauszulassen und in vier Tagen an der gleichen Stelle wieder abzuholen.

Sein Verständnis hält sich allerdings in Grenzen: "Was zur Hölle macht ihr im Toba Valley? Da ist doch nichts!" Nach zweieinhalb Stunden Fahrt halten wir "in the middle of nowhere", am Ende des schönen Fjordes an besagtem Felsen. Richard hupt zum Abschied, zurück bleiben neun Männer mit einem Haufen Gepäck.

"Daumen drücken, dass unser Motorboot noch da ist und funktioniert", sagt David MacDonald. Für Unwissende nicht einsehbar haben die drei Naturschützer hier ein Metallboot versteckt. Mit vereinten Kräften lassen wir es erst über Baumstämme ab und dann zu Wasser. Der Motor springt an. Da höchstens vier Mann ins Boot passen, dauert es, bis alle an der ersten Sandbank ein paar Kilometer flussaufwärts ankommen.

In der Auftaktfuhre wird ohnehin erst mal das Equipment verschifft, was uns den ersten annähernden Bärenkontakt beschert: Denn als 20 Minuten später meine Freunde Erik und Joschi nachkommen, entdecken sie Kratzspuren und Tatzenabdrücke. "Eindeutig Schwarzbären, auch wenn die primär auf Vancouver Island sind und hier am Festland von British Columbia eher Grizzlys vorkommen", sagt der 41-jährige Forstwissenschaftler Kai Andersch, der Experte in Sachen kanadischer Flora und Fauna ist.

Selbst wenn wir die Bären nicht direkt sehen: Sie sind also da. Ebenso wie Wölfe, Kojoten, Wapitihirsche und Pumas. Wer sich hingegen blicken lässt, sind Kanadareiher, Biber und Weißkopfseeadler, die majestätisch über den bis zu 15 Meter breiten Toba River segeln.

Bei der Fahrt auf dem Fluss kommen ständig Entdeckergefühle auf. Erst recht, als wir einige Flusswindungen später die Zelte aufstellen, Feuerholz sammeln, Cowboykaffee und Kartoffeln mit Speck kochen.

Am nächsten Tag dringen wir in den Regenwald vor. Wo Little und Big Toba River zusammenfließen, schlagen wir auf einer Sandbank das Hauptlager auf - im Herzen eines der letzten komplett wilden Täler British Columbias. Was auch an Wilderness International liegt, denen hier über 400 Hektar Land gehören, das unberührt bleibt.

Lachsleichen: Sehen wir jetzt Bären?

Bei uns keimen neue Hoffnungen in puncto Bärenbeobachtung auf. Fabian sichtet Lachse im Wasser (wo Lachse, da Bären!) und Tobi Bärenkuhlen im Unterholz. Bei einem mehrstündigen Rundgang finden wir sogar Lachsleichen im Wald, eindeutig das mörderische Werk von Grizzlys. Die sind ja bekanntlich auf den Rogen besonders scharf. Wie viel der pro Fisch ausmacht, sehen wir, als Carsten nach kurzer Zeit ein prächtiges Sockeye-Weibchen samt jeder Menge roter Eier herauszieht.

Später am Feuer klärt uns Kai Andersch noch einmal auf. "Ab jetzt gelten zusätzliche Regeln: weniger Lärm, mehr Konzentration und keiner verlässt allein das Camp." Schließlich sei es in Kanadas Geschichte immer wieder zu Unfällen, gar Todesfällen mit Bären gekommen. Wobei die eigentlich nicht aggressiv sind. Daher lautet eine weitere Regel: immer genug Abstand, keine Provokation.

Am nächsten Tag folgen weitere Existenzhinweise: Kratzspuren am Baum, Tatzenspuren am Fluss, lautes Knacken in unmittelbarer Nähe. Kurze Anspannung in der Gruppe. Als sich die Lage beruhigt, bleibt Zeit, sich den Wald genauer anzusehen. Er entpuppt sich als noch zauberhafter und abwechslungsreicher als Avatar Grove, British Columbias Vorzeigeschutzwald auf Vancouver Island, rund 150 Kilometer Luftlinie von hier entfernt. Bis in die Kronen sind einige Bäume mit Moosen und lamettaartigen Blatt- und Bartflechten bewachsen.

Am vorletzten Tag regnet es fast durchgehend. Doch auch ohne Sonnenschein und Bärenbeobachtung sind alle guter Stimmung. Angeln, über dem Feuer Fleisch und Fisch braten, Storys erzählen. Die Stimmung steigt weiter, als David MacDonald berichtet: "Seit 2018 sind die Abschusslizenzen, durch die rund hundert Grizzlybären pro Jahr starben, ausgesetzt. Zu diesem Umdenken hat sicher auch der Bear-Watching-Tourismus beigetragen."

Letzter Tag in British Columbia, immer noch keine Bärensichtung: Im Stockdunkeln bauen wir die Zelte ab und schleppen unser gesamtes Gepäck wieder durch den Fluss zum Boot am anderen Ufer. Das eiskalte Wasser schwappt bis zum Bauchnabel. Dann geht es flussabwärts Richtung Fjord. Absolutes Yukon-Feeling, bei dem der nebelverhangene Wald und die aufragenden Tafelberge im Hintergrund für mystische Stimmung sorgen. Nach drei Stunden sind wir komplett durchgefroren und platt, weil wir wegen der mäßigen Strömung stets paddeln müssen. Plötzlich ruft Fabian: "Da im Gebüsch, ein Bär."

Wenn es einer war, ist er der einzige, der ihn gesehen hat. Wir anderen freuen uns darüber, gleich Richard zu sehen. Und tatsächlich: Hupend und mit laufender Heizung wartet er an unserem Felsen.

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