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19. Juli 2018, 09:01 Uhr

Kanadas Westküste

Wildnis wagen

An der Westküste Kanadas führt ein junger Ureinwohner durch das Stammesland seiner Ahnen. Unterwegs in einem Labyrinth, in dem ein Tourist allein schnell verloren wäre.

Der Schrei eines Seeadlers durchbricht die Stille. Elegant stößt sich der Raubvogel vom Wipfel einer gewaltigen Zeder ab und gleitet über das Wasser. Seine Jagd muss heute ein leichtes Spiel sein: Keine Welle kräuselt die See, er kann tief ins klare Wasser blicken. Vor fünf Minuten hat Mike Willie den Motor seines kanariengelben Schnellbootes ausgestellt, die Passagiere lauschen auf die Natur.

Nicht das leiseste Plätschern am Bootsrumpf ist zu hören, so windstill ist es heute in der zerklüfteten Landschaft des Broughton-Archipels im Provincial Marine Park mit seinen Inseln, Kanälen und Fjorden. Dann ein Schnauben wie von einem Schwimmer, der nach langem Tauchen wieder an die Oberfläche kommt: "Buckelwale", flüstert Willie und deutet in die Ferne.

Alle paar Sekunden taucht eine gewaltige Schwanzflosse aus dem Wasser und sinkt langsam wieder ab. Eine Wolke steigt auf, wenn einer der Meeressäuger bläst. "Wir nennen es 'sea smoke' - Meeresdampf", erklärt der Guide.

Stolz und selbstbewusst

Willie ist eine imposante Erscheinung: groß, kräftig und mit schwarzem Bart. Er hat die Teilnehmer seiner Tour in dicken Stiefeln und wasserdichten Hosen in Empfang genommen. Sein Unternehmen hat er Seewolf genannt - der einheimischen Bezeichnung für den Orca. "Sie jagen auch in Rudeln, wie Wölfe", erklärt er.

Der junge Mann vom Stamm der Kwakwakawa'wakw gilt als Vorzeigeunternehmer. Vor fünf Jahren machte er sich mit seinen Touren selbstständig - und liegt mit seinen Angeboten im Trend: Der Tourismus der First Nations boomt in British Columbia. Vor 18 Jahren gab es nur fünf indianische Unternehmen, heute sind es über 200, die sich unter dem Dach von Aboriginal Tourism BC zusammengeschlossen haben.

Die First Nations wollen ihre lange unterdrückten Kulturen wieder zu neuem Leben erwecken. Und der Erfolg ist bereits spürbar. Inzwischen baut ein Drittel aller Touristen Angebote der Aboriginals in die Reisepläne ein: Outdoor-Abenteuer, Kulturevents und Kulinarisches. Der Stolz und das Selbstbewusstsein der jungen Generation wachsen, je mehr ihre Kultur auf das Interesse von Gästen aus aller Welt stößt.

Die Heimat der Vorfahren

Willie wirft den Motor wieder an und steuert in den nächsten Kanal. Für seine Passagiere sieht die Seekarte auf dem GPS wie ein verworrenes Labyrinth aus, doch der Einheimische kennt hier jedes Eiland und jeden Fjord.

Jetzt deutet er auf eine Bucht mit weißem Strand: "Die Heimat meiner Vorfahren. Der Entdecker George Vancouver zählte hier Ende des 18. Jahrhunderts mindestens 70 Kanus. Doch er brachte die Pocken mit. Die Weißen pferchten uns in kleinen Reservaten zusammen, um unsere Wälder abzuholzen", erklärt Willie.

Der Guide engagiert sich neben seinen touristischen Unternehmungen in der Stammespolitik, kämpft gegen Holzfirmen und Lachsfarmen und versucht, das Bewusstsein im Stamm wieder zu wecken: "Viel mehr Leute aus meinem Volk sollten hierherkommen und ihre Wurzeln spüren, aber sie stecken im Reservat fest."

Willie stoppt das Boot in einem breiten Fjord. Landgang! Die Füße versinken im Morast. Ein schmaler Pfad führt durch den Wald. "Das ist kein Menschenweg, sondern ein Bärenweg", sagt Willie und deutet auf Löcher im Boden: gewaltige Prankenabdrücke. Grizzlys.

Doch heute will sich kein Bär blicken lassen. Auch nicht am Fluss, den der Guide später mit dem Boot hinabsteuert. Raben krächzen und dicke Regentropfen pladdern. Von den Bäumen baumeln dicke Flechtenbärte ins Wasser. Tang, so dick wie Ankertaue, dümpelt im Meer. Ein Reiher sitzt regungslos auf einem Baumstumpf und flüchtet erst in letzter Sekunde.

Leicht enttäuscht sitzen die Teilnehmer während der Rückfahrt im Boot. Doch dann reißt der Himmel plötzlich auf. Direkt neben dem Bug steigt eine Dampfwolke auf und ein Orca hebt seinen Kopf ins Sonnenlicht. Gemächlich umkreist er das Boot und verschwindet dann mit einem letzten Blasen. Ein Abschiedsgruß aus der Wildnis.

Oliver Gerhard, srt

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