Kanada In der Stille der Wildnis

Der Algonquin Provincial Park ist einer der größten Naturparks in der kanadischen Provinz Ontario. Der Park ist eine Welt für Naturliebhaber: Dichte Ahorn- und Kiefernwälder, Moore und kleine felsige Anhöhen bilden eine abwechslungsreiche Landschaft.


Algonquin Provinzpark: mit dem Kanu die Natur entdecken
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Algonquin Provinzpark: mit dem Kanu die Natur entdecken

Von Seen, Teichen und rund 1600 Kilometer Kanurouten ist der Algonquin Provincial Park durchzogen. Mehr als 3000 Elche, hunderte Wölfe und Schwarzbären leben in dem bereits 1893 gegründeten Schutzgebiet, in dessen Fläche Hamburg zehn Mal oder Thüringen fast zur Hälfte hineinpassen würde.

Langsam taucht Jason Ross sein Paddel in das dunkle Wasser des Sheriff Pond, ruhig zieht er es an der linken Seite des Kanus vorbei. Die Augen des 28-jährigen Wildnisführers fixieren die Libellen, die am Uferrand schweben. "Als ich klein war, hatte ich Angst vor ihnen", erzählt Jason, "doch heute sind sie meine besten Freunde - sie fressen die Mücken."

Begeisterung für die Natur

Von denen gibt es mehr als genug im Algonquin Provincial Park, einem der größten Naturparks in der kanadischen Provinz Ontario. Doch so lästig die kleinen Blutsauger auch sind - die Begeisterung der Besucher für die faszinierende Wildnis, die sie in Parks wie Algonquin, Killarney oder auf den Georgian Bay Islands erleben, können sie nicht mindern.

Nur eine Straße - der Highway Nummer 60 - durchquert den Park im Süden auf einer Länge von 56 Kilometern. Hier konzentriert sich das Angebot für Tagesbesucher, die in Algonquin in der Mehrheit sind: Rund 800.000 der jährlich 1,1 Millionen Besucher bleiben nicht über Nacht. Links und rechts der Straße finden sie 13 Wanderstrecken mit Längen von 800 Metern bis elf Kilometern. Außerdem laden mehrere große Seen zu Kanufahrten ein.

Achtung: Elch in Sicht
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Achtung: Elch in Sicht

Trotz des wenigen Autoverkehrs bilden sich auf dem Highway häufig kleine Staus: Die Elche lieben es, aus den Pfützen und Gräben zwischen Asphalt und Wald zu trinken - und bei jeder Sichtung holen viele Autofahrer sofort den Fotoapparat hervor.

Die Naturfreunde können die Elche aber auch gut beobachten, wenn sie den Korridor entlang des Highways 60 verlassen und mit Führern wie Jason Ross für mehrere Tage in die unberührte Wildnis aufbrechen. Das Kanu muss dabei unterwegs immer wieder getragen werden. "Portage" heißen diese Strecken zwischen den Seen, die mehrere Kilometer lang sein können.

"Am Tragen erkennt man den guten Kanuten", meint Jason, als er das 23 Kilogramm schwere Boot zum ersten Mal auf der Tour auf den Nacken nimmt. "Wer schnell trägt, setzt sich nur kurz den Mücken aus". Und während seine Hündin Akela noch nach den vielen Schmetterlingen schnappt, die sich am Ufer tummeln, legt Jason einen Spurt zum nächsten Teich ein.

Die Wildnis Ontarios und die Weite der Groþen Seen Nordamerikas: die Georgian Bay bei Killarney
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Die Wildnis Ontarios und die Weite der Groþen Seen Nordamerikas: die Georgian Bay bei Killarney

Übernachtet wird an markierten Campingstellen. Zelte, Schlafsäcke, Proviant, Gaskocher - alles muss im Kanu mitgenommen werden. Nach der ersten "Portage" ist die Zivilisation, die in Algonquin aus knapp 320 privaten Cottages an den Seen nahe der Straße besteht, wirklich sehr weit weg. Und nach dem Willen der Provinzregierung soll dieses Gefühl künftig schon bei Betreten des Parks aufkommen: Neue Lizenzen für die Cottage-Nutzung werden nicht mehr vergeben. Bis zum Jahr 2017 müssen alle vorhandenen "Hütten", die zum Teil ziemlich luxuriös anmuten, abgerissen werden, erläutert Brad Steinburg von der Parkverwaltung.

Das Ziel für diese Nacht ist erreicht, das Kanu wird ans Ufer gezogen. Schnell sind die Zelte aufgebaut, Holz für das Lagerfeuer muss gesucht werden. Jason Ross schlägt sich derweil 300 Meter weit ins Unterholz und hängt den Proviantbeutel fast drei Meter hoch in einen Baum - so kommen die Bären nicht an die Steaks, Kartoffeln und Süßigkeiten heran.

Das Knacken des Holzes

Als die Sonne versinkt, ist die Oberfläche des Sees spiegelglatt geworden. Nur das Knacken des Holzes im Feuer ist zu hören, gelegentlich das Quaken eines Ochsenfrosches, und ab und zu dringt das Surren der Mücken ans Ohr.

Wanderung: auf dem "´Kanadischen Schild" im Killarney Provinzpark
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Wanderung: auf dem "´Kanadischen Schild" im Killarney Provinzpark

Ähnliche Erfahrungen wie in Algonquin können Naturliebhaber auch im Killarney Provincial Park sammeln, der 300 Autokilometer weiter nordwestlich an der Georgian Bay liegt, die als Teil des Huron-Sees zu den Großen Seen Nordamerikas gehört. Entsprechend ist auch das Wetter: maritim mit häufigem Regen. Killarney ist viel kleiner als Algonquin, doch auch hier können sich Wanderer und Kanuten tagelang in die Wildnis verabschieden. Für den 100 Kilometer langen Rundwanderweg etwa sind mindestens sieben Nächte zu veranschlagen.

Ausgangspunkt für Wanderer und Kanuten ist meist der George Lake mit seinem kleinen Badestrand und einem Caravan-Park. Wer am Ufer des Sees steht, bemerkt rasch eine Besonderheit: Mitten hindurch verläuft eine geologische Grenze. Nach Süden hin beherrscht von der letzten Eiszeit glatt gehobelter roter Granit die Uferklippen, während es nach Norden hin kantigeres weißes Quarzgestein ist. Beides gehört zum "Kanadischen Schild", einer gewaltigen Felsplatte, die den Untergrund der gesamten Region bildet und vielerorts an die Oberfläche tritt.

Frühstückspause auf dem "Crack": tagelanges Wandern durch die Wildnis
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Frühstückspause auf dem "Crack": tagelanges Wandern durch die Wildnis

Die Dramatik der teils kargen und vom Wind zerzausten Landschaft begeisterte die Maler der kanadischen "Group of Seven" so sehr, dass sie um 1930 regelmäßig hierher kamen, um die Szenerie in Gemälden festzuhalten. Nach einem der Maler - A. Y. Jackson - ist heute einer der Seen im Park benannt, erklärt Paul Dyrda, der als Führer für die Killarney Mountain Lodge arbeitet und Besuchern zum Beispiel den Weg zum "Crack" zeigt.

Der Anstieg zu dieser Erhebung mit ihrer schönen Rundumsicht auf die Seen, Felshügel und Wälder führt zuerst durch dichten Birkenwald, bevor Hemlocktannen und Ahorn das Bild bestimmen. Auf den letzten Metern vor dem Plateau wachsen dann nur noch Pinien.

Killarney: Ruhe und Gelassenheit

Der Ort Killarney mit seinem Hafen an der Georgian Bay liegt ein wenig außerhalb des Parks und bietet alles, was Wildnis-Touristen und Bootsreisende so benötigen: Münz-Wäscherei, Gemischtwarenladen, eine Pommesbude, eine Kirche und eine Tankstelle für Schiffsdiesel.

Rund drei Dutzend Boote haben an diesem Sommerabend hier festgemacht - von Hochbetrieb kann keine Rede sein, obwohl die Saison ihrem Höhepunkt zusteuert. Killarney bietet das, was viele Menschen in ihrem Urlaub suchen: Ruhe und das Gefühl, alles etwas langsamer angehen zu können.

Naturpark Killarney und Algonquin sowie die Georgian Bay: mehrere Stunden von Toronto entfernt
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Naturpark Killarney und Algonquin sowie die Georgian Bay: mehrere Stunden von Toronto entfernt

Wer für solche Erlebnisse von Toronto aus nicht ganz so weit fahren möchte, wird auch weiter südlich an der Georgian Bay fündig. Die Stadt Midland und der kleine Ort Honey Harbour sind die Tore zum Georgian Bay Islands Nationalpark, dem zweitkleinsten der insgesamt 39 kanadischen Nationalparks.

Von den rund 30 000 Inseln, die sich von Midland bis weiter nördlich nach Parry Sound ziehen, stehen 59 unter dem besonderem Schutz der kanadischen Regierung. Niemand hat die Inseln je gezählt: es können auch durchaus einige mehr sein. "Anders als in den Provinzparks, die auch der Erholung der Menschen dienen sollen, gibt es bei uns zum Beispiel viel weniger Mountainbikerouten und im Winter kaum Snowmobil-Strecken", erklärt Rangerin Lisa Ladd.

Cottages: an den Seen in der Ferienregion Muskoka sehr beliebt
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Cottages: an den Seen in der Ferienregion Muskoka sehr beliebt

In Honey Harbour können - natürlich - Kanus gemietet werden, zudem setzen Wassertaxis nach Beausoleil Island über, der größten Insel im Nationalpark. Auch hier verläuft eine geologische Grenze mitten hindurch: Der Norden ist geprägt vom "Kanadischen Schild" mit seinem kargen Bewuchs und den vielen Pinien, der Süden dagegen gehört zum so genannten St.-Lorenz-Tiefland: Dichter Mischwald sorgt hier für ein üppigeres Landschaftsbild. Besonders deutlich wird der Bruch bei den Fahrten mit der "Miss Midland", einem Ausflugsdampfer, der ein bis zwei Mal von Midland aus startet und Beausoleil Island umrundet.

Honey Harbour liegt bereits nahe an der Region Muskoka, einem der beliebtesten Wochenend-Ausflugsziele für die Bewohner Torontos. Hier muss man nicht mehr - anders als in Algonquin oder Killarney - viele Kilometer laufen oder paddeln, um andere Menschen zu treffen. An den vielen Seen der Region stehen zahlreiche Cottages, oft mit der Flagge Kanadas oder Ontarios am Mast, der an jeder Bootsanlegestelle steht.

Das richtige Cottage zu finden, ist für Fremde weder an Land noch aus der Luft heraus einfach: "Es gibt hier so viele Wasserflächen, die man kaum auseinander halten kann", sagt der Ex-Börsenmakler John Bleasby, der in der Stadt Orillia eine kleine Fluggesellschaft mit Wasserflugzeugen betreibt und für 190 Dollar pro halbe Stunde auch Touristenflüge anbietet. "Ich weiß nicht, wie sich die Piloten früher ohne Satellitenhilfe orientiert haben." Und Johns Blick schweift aus der Maschine heraus über eine grüne Wildnis jenseits der Uferlinien, die angefüllt ist mit Elchen, Mücken, Ahornbäumen und großer Stille.

Christian Röwekamp, gms



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