Kanada Tête-à-tête mit weißem Wal

Wale, Eisbären und Grizzlys ganz nah - Rendezvous mit den wilden Tieren Kanadas lassen sich arrangieren. Manchmal ist das jedoch verbunden mit großer Überwindung, wie Autor Ole Helmhausen in der eiskalten Hudson Bay erleben musste.


Das Wasser der Hudson Bay ist grau, kabbelig und alles andere als einladend. Warum nur, warum? Warum sitze ich nun hier im Schlauchboot und erfriere langsam zum Eiszapfen. Warum gucke ich anderen dabei zu, wie sie nacheinander in ihren aufgeblasenen Gummianzügen in das eiskalte Wasser plumpsen und sich dann wie Wasserleichen durch die graue Brühe schleppen lassen. Irgendwann bin auch ich dran: Ich steige in die schwarze Gummimontur, lasse mich von der Halskrause fast erwürgen und mir vom harten Mundstück des Schnorchels das Zahnfleisch aufreißen. Dann gleite ich mit einem Strick um die Füße durchs Wasser.

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Hudson Bay: Rendevous mit Bär und Beluga

Zunächst passiert nichts. Ich treibe mit dem Gesicht nach unten und verliere jedes Gefühl für Raum und Zeit. Unter der Oberfläche changiert die Farbe der Hudson Bay zwischen dem Schwarzgrün des kanadischen Tann und Bockbier-Braun. Felsbrocken gleiten vorbei. Die Bay ist nicht tief. Doch dann mischen sich andere Töne in die Schnorchelgeräusche: Es quietscht, zirpt und tickt, eine Symphonie für Pfeifen, Flöten und Geigerzähler hebt an. Und plötzlich sind sie da, während oben die Sonne durch die Wolkendecke dringt: die Belugas. Die Weißwale gleiten aus dem nun von den Strahlen der Sonne erleuchteten, bernsteinfarbenen Nichts in das Sehfeld der Schwimmer - ihnen so nahe zu kommen rechtfertigt jede Mühsal.

Ein paar der massigen Tiere überholen seitwärts und drehen den Kopf mit den schwarzen Knopfaugen unter der hohen Stirn zu ihren seltsamen Besucher. Andere schwimmen hinter mir her. Manche kommen sogar auf Armlänge heran und spendieren einem das berühmte Delfin-Lächeln. Nur der Berührung weichen sie schließlich doch aus. Wie schön sie sind. Allein 3000 der fünf Meter langen Belugas versammeln sich jeden Sommer in der Mündung des Seal River, um sich die Bäuche mit einem kleinen Fisch namens Kapelin voll zu schlagen.

Flossenwinken zum Abschied

Möglich macht dieses einzigartige Rendezvous von Wal und Gummimensch die von Churchill Wild betriebene Seal River Lodge. Nordwestlich von Churchill am Rand der Hudson Bay auf den Permafrostboden gestellt, ist sie im Umkreis von 140 Kilometern die einzige menschliche Behausung - und im kurzen arktischen Sommer Hauptquartier der Wal-Beobachter. Von hier aus schippern sie in Schlauchbooten hinaus zur Mündung des Seal River, und bald schon sind sie mitten drin: runde, weiße Rücken überall, schnaufend verschossene Atemfontänen, hier und da ein interessiert zwischen den Wellen herüberspähendes Gesicht.

Der letzte Tauchgang beschert ein ganz besonderes Erlebnis: Ein kesser Beluga begleitet mich so lange, dass ich vor Wonne in den Schnorchel pruste. Als der Wal das hört, reckt er den Kopf und legt sich wie ein Hündchen auf die Seite und wackelt mit der Flosse. Als ob er gestreichelt werden wollte. Unterwegs zurück zur Lodge zeigen sich Eisbären am Ufer, während vor ihnen im Wasser die weißen Rücken der Belugas aufleuchten.

Begegnungen mit großen Wildtieren sind im weiten Kanada noch möglich: Für ihre Gäste arrangieren erfahrene Veranstalter behutsame Rendezvous. Apropos Eisbären. Die Hudson Bay bietet auch für einen Termin mit ihnen die Gelegenheit. Im Frühjahr gehen sie auf ihrer Südwanderung im Polar Bear Provincial Park an Land. Die 24.000 Quadratmeter große Tundra im Urzustand ist ihre Sommerfrische, ihre Mitbewohner sind Wölfe, Schwarzbären, Elche. Und 300 Cree-Indianer, die einzigen Menschen im Kreis von 400 Kilometern. Die nur 200 Besucher pro Jahr landen mit dem Hubschrauber meist in der Cree-Siedlung Peawanuck.

Kalbernde Eisbär-Jungen

Ein Cree-Guide führt uns in den Eisbär-Park, den größten und am weitesten im Norden von Ontario gelegenen Nationalpark. Dort fühlen wir uns wie auf dem Mond, die weite Tundra erstreckt sich vor unseren Augen. Vor einer kleinen Anhöhe geht der Guide plötzlich in Deckung. Es riecht wie im Großwildgehege. Über eine weiche Decke aus Moosen und Wildblumen, die hier Muskeg heißt, kriechen wir gemeinsam auf den Kamm, und - voilá: In der Senke auf der anderen Seite kalbern, keine hundert Meter entfernt, drei halbstarke Eisbären durch die Tundra. Das Muskeg knackt hell unter ihrem Gewicht, man hört sie schnaufen.

Plötzlich stellt sich einer auf die Hinterbeine und hält die Nase in den Wind. Dann plumpst er zurück auf alle viere und schlurft heran. Eine Weile, eine Ewigkeit, starrt er unschlüssig herüber. Dann trollt er sich zurück zu seinen Kumpanen, und noch lange, das Ohr reicht hier weiter als das Auge, sind sie im brechenden Krumholz zu hören. Hätte man weglaufen können? Komisch, die Frage stellt sich erst am Abend.

Tödlich verlaufende Begegnungen mit Eisbären sind selten. Immerhin ist es gut zu wissen, dass selbst bis zu 700 Kilogramm schwere Grizzlybären instinktiv zuerst an Rückzug denken, sobald sie Menschen gewahr werden. Die Theorie, nur schlechte Erfahrungen mit Menschen machten den von Natur aus friedfertigen Ursus arctos horribilis aggressiv, lässt sich in British-Columbia im Khutzeymateen Grizzly Sanctuary prüfen. Das 44.000 Hektar große Schutzgebiet nördlich von Prince Rupert, einem Fjord mit Feuchtgebiet, Regenwäldern und steilen Zweitausendern, isoliert seit den frühen neunziger Jahren rund 50 Grizzlybären von der Außenwelt.

Mücken boxende Grizzlys

Das urweltliche Paradies ist nur per Boot zugänglich, ganzen zwei Tourunternehmen ist der Zutritt erlaubt. Sie nutzen Segelyachten als schwimmende Basis und bringen ihre Gäste in Schlauchbooten ins Reich der Grizzlys. In den klaren Flüssen des Khutzeymateen fischen die Bären nach Lachsen - die Alten mit sicherer Tatze, die unerfahrenen Halbstarken dagegen mit jugendlichem Ungestüm. Mit der Mutter umherziehende Junge liegen faul auf Baumstämmen, boxen Mücken und betrachten gedankenvoll den Himmel.

Selbst der Grizzlys liebsten Speise kann man Aug in Aug begegnen. Dazu zwänge ich mich auf Vancouver Island einmal mehr in einen Gummianzug, beiße auf ein Schnorchelmundstück und steige in den Campbell River. Dann schwebe ich über Steine und Felsen, lasse mich in Supermann-Pose stromabwärts treiben - und begegne bald gewaltigen Lachsschwärmen, die unterwegs zu ihren Laichgründen sind. Von den Schnorchlern nehmen sie keine Notiz, die Fischschwärme öffnen sich lediglich vor den Tauchern, die dabei in Hunderte Augen und Mäuler zugleich blicken. Hinter dem letzten Taucher schließt sich der Schwarm wieder und zieht weiter, den Grizzlys entgegen.



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