Kappadokien Im Reich der rohen Menschen

Unterirdische Labyrinthe, bizarre Felsnadeln und gigantische Vulkane: Eine Landschaft wie Kappadokien gibt es kein zweites Mal auf der Welt. Sogar die Bibel warnt vor der zentralanatolischen Region. Wer sie bereist, wird im wahrsten Sinne von der Erde verschluckt.

Von Florian Harms


Der Tunnel, der aus dem gleißenden Sonnenlicht in die Kühle des Erdreichs führt, ist schmal und niedrig. Bereits wenige Meter, nachdem er den abfallenden Felsgang betreten hat, muss der Besucher den Kopf einziehen. Im diffusen Licht spärlicher Leuchten wagt er sich weiter und dringt über Treppchen und Rampen in die Tiefe vor. Einst erhellten Fackeln dieses Reich der Finsternis.

Nach einer Windung öffnen sich die ersten Räume, die in mühsamer Kleinarbeit aus dem Fels gegraben wurden: Küchen mit rußgeschwärzten Kochnischen, Schlafräume, Tierställe, Speicher, Weinkeltereien, Leichenhallen und Andachtsräume. Immer neue Tunnels tun sich zu allen Seiten auf, mal aufrecht gehend, mal tief geduckt wird der Besucher wie von einer magischen Kraft immer weiter in das unterirdische Labyrinth hineingezogen, von der Erde verschluckt – ein Rausch der Tiefe.

Schließlich im zweituntersten der acht "Stockwerke" angelangt, betritt er einen kreuzförmigen Kirchraum, dessen Decke von Felssäulen abgestützt wird. Von der Erdoberfläche trennen ihn nun 50 endlos erscheinende Meter. Es ist dieser Ort, an dem der Eindringling in dieses uralte Reich der Tiefe innehalten und seine Gedanken in die Vergangenheit schicken mag.

Hethiter oder Christen als Baumeister?

Die unterirdischen Städte in der zentralanatolischen Region Kappadokien zählen zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten der Türkei. Einige Archäologen datieren ihre Entstehung in die Zeit der Hethiter vor 4000 Jahren, doch erst christliche Bewohner gaben ihnen ihre heutige Form. Zum Schutz vor Überfällen persischer und arabischer Heere sowie vor byzantinischen Bilderstürmern verkrochen sie sich vermutlich zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert im wahrsten Sinne unter die Erde und schlugen über 30 dunkle Städte aus dem Fels.

Allein in der größten und eindrucksvollsten dieser Behausungen, unter dem Dorf Derinkuyu gelegen, konnten sich mehrere tausend Menschen bis zu sechs Monate lang verstecken und ihrem Alttagsleben nachgehen. Dank Zisternen und einem ausgeklügelten System von Belüftungsschächten, das bis auf den heutigen Tag funktioniert, wurden Mensch und Vieh mit Wasser und Luft versorgt. "Die Leute hatten hier alles, was sie zum Leben brauchten – sogar ein 'Telefon'", erklärt Hüseyin, der den Ort seit seiner Kindheit kennt. "Durch kleine Röhren zwischen den Stockwerken riefen sie sich Nachrichten zu."

Ein Besuch der unterirdischen Städte ist einer von gleich mehreren Höhepunkten auf einer Reise durch das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Kappadokien. Eine Landschaft wie diese gibt es kein zweites Mal auf der Welt. Vor rund drei Millionen Jahren schleuderten die Vulkane Erciyes Dag und Hasan Dag gigantische Mengen Lava, Asche und Schlamm in ein circa 10.000 Quadratkilometer großes Gebiet. Die Schichten der erkalteten Erdmassen verdichteten sich zu einem weichen Tuff-Gestein, das durch die Jahrtausende währende Erosion bizarre Formen annahm: Kegel, Türme, Kamine und Wellenkämme aus strahlend weißem und rötlich schimmerndem Stein, durchbrochen von unzähligen Höhlen und Schluchten.

Schon früh siedelten Menschen in dieser mystischen Region, die sich zwar durch besondere Fruchtbarkeit auszeichnete, jedoch als schroff und gefährlich galt. Hier lebten die "rohesten Menschen auf Erden", heißt es in der Bibel, in der Antike galten die Bewohner als wild und unberechenbar: Wenn eine Schlange einen Kappadokier biss, so erzählte man sich, starb die Schlange. Andererseits lobten antike Quellen nicht nur die Schönheit der kappadokischen Frauen, sondern auch der Pferde. Der Name der Region geht vermutlich auf das persische "Katpadukya" zurück – das "Land der schönen Pferde".



insgesamt 50 Beiträge
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fritze meier, 13.04.2007
1. jau, türkei!
adana, und dort ein adana kebap. soooo nette leute und soooooo leckeres essen!
metin, 13.04.2007
2.
momentan läuft das istanbul film festival in beyoglu. lohnt sich immer !! infos http://www.iksv.org/film/english/
Constantinopolitana, 16.04.2007
3.
Hallo, also, wenn schon Festival in Istanbul, dann doch das Klassikfestival (immer im Juni). Da gibt's die besten Orchester in unvergleichlicher Atmosphäre; wer sich rechtzeitig anmeldet, kommt noch an die Leckerbissen in Aya Irini dran, und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben; der kann sich dann Nachwuchskünstler in AKM (Atatürk Kültür Merkezi, ein Konzertsaal aus den 70ern, der so klingt, wie er aussieht :-( ) anhören... Und wenn man dann gerade dort ist, könnte man auch noch: - mit dem Boot auf die Prinzeninseln und dort auf Aya Yorgi klettern oder zu Kalpazankaya gehen (beides Ausflugsziele mit lohnenden Restaurants; eins auf dem Hügel und eins mit Strand) - mit dem Boot den Bosporus entlang - mit dem Boot durchs Goldene Horn, in Eyüp aussteigen, zum Pierre Loti-Café hochklettern, dann zu Fuß via Ayvansaray die Theodosianische Landmauer entlang, abbiegen zur Kariye-Kirche (Museum), durch Balat und Fener und schließlich hoch nach Saudi-Arabien, um einen kleinen Kulturschock zu erleben - gleich hinter dem orthodoxen Patriarchat und der griechischen Schule fängt nämlich ein ganz fundamentalistisches Viertel an. - viel Geld im Großen Basar ausgeben und sich besonders auf die ringsum liegenden Höfe (Han) konzentrieren, wo die Großhändler und Zulieferer sitzen - abends in Beyoglu in die Bierstraße gehen (empfehle Cumhuriyet, Degüstasyon, Imroz...) Man könnte natürlich auch einen urbanistischen Ausflug machen und via Gaziosmanpaşa Richtung Göktürk fahren; dann lernt man die geballten Schrecken des modernen Istanbul kennen: Armeleuteghettos, Reicheleuteghettos und den dortigen ÖPNV in seiner schönsten Form. Schlimm anzusehen sind auch die Siedlungen am asiatischen Marmaraufer; da geht's kilometerweise durch Wohnsilos - aber wenn man abbiegt in Richtung der kurdisch dominierten Viertel Gülsuyu und Gülensu und sich dort den Berg hochquält, hat man einen der phantastischsten Ausblicke überhaupt. Und die Badehose nicht vergessen - der Bosporus hat seit einigen Jahren Badewasserqualität. Richtung Schwarzmeer gibt's schöne Strände (Poyrazköy, Rumelifeneri), und wer sich traut, kann auch in Tophane schon von der Uferpromenade ins Wasser springen oder gleich auf die Felsen vor Sarayburnu klettern. Nun ja, und was gibt's sonst noch so zu sehen (abseits der Badestrände!)? Kappadokien, Ihlara Vadisi (Felsschlucht mit alten byzantinischen Felskirchen in Höhlen gehauen), unterirdische Städte bei Derinkuyu und Kaymaklı, die Innenstädte von Trabzon, Diyarbakır, Midyat und Mardin, die seldschukischen Moscheen beim Vansee und den Vansee als solchen, Olympos bei Kemer /Antalya (Kemer und Antalya besser weiträumig umfahren); die westliche Schwarzmeerküste, die Köroğluberge bei Bolu, Antakya mit der ältesten Kirche der Christenheit, Safranbolu, welches durch frühzeitigen Schutzstatus der Betonisierungswut entkommen konnte, die gesamte Ägäisregion mit ihren Myriaden von phantastischen Architekturdenkmälern... Ich bin 1992 mit dem Fahrrad einmal um die ganze Türkei herumgefahren (5 Monate :-) und habe 10 Jahre in dem Land gewohnt, berufsbedingt fast jedes Kaff gesehen - und es gibt immer noch viel zu entdecken. Viel Vergnügen dabei! Eva
sofiarach 16.04.2007
4. Reiseland Türkei
Unbedingt sehenswert ist der "bafa gölü", ein wunderbarer See zwischen Kusadasi (70km) und Bodrum (110km), Nähe Milas am Menderes Fluß. Fern lästigen Tourismus ein Stück ursprünglicher Natur, ein Ornithologenparadies, bevölkert von Reihern, Kormoranen, Pelikanen und unglaublich netter Bevölkerung. Ausführlicher möchte ich hier nicht werden um nicht vollends ins Schwärmen zu geraten ... freue mich aber über Nachrichten von Bafaseekennern und -freunden ;-)
leo-minor 16.04.2007
5. Bursa und der Uludag
2004 war ich mit meiner Familie anfang Mai in Bursa und auf dem Uludag Berg. Die Alte-Stadt ist nach wie vor schön, so dass der westliche Einfluss noch nicht so durchgedrungen ist. Dort gibt es immer noch einen Kebabladen, der seiner Tradition wie vor über 100 Jahren treu geblieben ist. Einen Abstecher auf den Berg ist fast eine Reise in eine andere Welt. Ich hätte nie gedacht, dass ich die Schweiz in der Türkei mit einem herrlichen Skigebiet finde.
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