Karfreitag auf den Philippinen Der Jesus von Cutod

Mehr als 20-mal hing er schon am Kreuz, ist auf den Philippinen eine Legende. Alljährlich lässt Ruben Enhaije sich seine Hände von Nägeln durchschlagen - während eines blutigen Karfreitagsrituals, bei dem Passionsspiel mit uraltem Aberglaube vermischt wird.

Der Mann stöhnt vor Schmerz. Doch unerbittlich schlägt der Hammer auf den Nagel, treibt das Metallstück immer tiefer in die Hand des Unglücklichen. Bumm, Bumm, Bumm! Dann ist die andere Hand dran. Ein paar Schläge, ein paar Schmerzensschreie, dann ist es vollbracht: Beide Hände sind ans Holz genagelt.

Helfer richten das zehn Meter hohe Kreuz auf, an dem der Mann nun hängt, stöhnt. Eine Dornenkrone liegt auf seinem schulterlangen Haar, sein Gewand ist weiß. Unter ihm lachen die Peiniger, alle in der Rüstung römischer Legionäre. Jünger weinen, erheben klagend die Arme gen Himmel. Dazu gesellt sich eine unübersehbare Schar Schaulustiger. Der Mann am Kreuz heißt nicht Jesus Christus. Er heißt Ruben Enhaije.

Zehn Minuten dauert die Tortur, dann wird er wieder vom Kreuz genommen. Das steht auf einem sonnenheißen Platz nahe Cutod, gut eine Autostunde von Manila entfernt. Ein Helfer zieht die Nägel aus dem Holz, Ruben steckt sie in ein mit Alkohol gefülltes Marmeladenglas. Er wird sie im nächsten Jahr wieder brauchen.

Schon mehr als 20-mal ließ sich der 48-Jährige ans Kreuz schlagen. Das erste Mal passierte dies 1986. Ein Jahr zuvor war der Maler von einem Bambusgerüst gerutscht. Er fiel drei Stockwerke tief, bevor er aufschlug. "Zuerst dachte ich, ich bin tot", sagt Ruben. Dann richtete er sich auf. "Nichts war gebrochen. Nicht mal eine Schramme hatte ich." Zum Dank für diese erste Wiederauferstehung legte Ruben Enhaije ein Gelübde ab. "Wann immer Gott mich ruft, lasse ich mich kreuzigen", so der Vater dreier Kinder.

Mischung aus Christentum und Aberglaube

Seitdem ist er Teil jenes Spektakels, das seit 1962 zur Osterzeit Tausende Menschen nach Cutod lockt. Männer im Büßergewand schleppen schwere Kreuze, Passanten schlagen auf sie ein. Diese brachiale Teilnahme am Leidensweg Jesu soll den Segen fürs nächste Jahr sichern. Nicht nur auf den Philippinen mischen sich christlicher Glaube und uralter Aberglaube. Selten jedoch ist die Lust an der eigenen Qual dabei so groß. Selbst Kinder geißeln sich mit Zweigen und bewundern danach ihre Striemen.

Das Drama beginnt stets rund drei Kilometer vor der "Richtstätte". Dort versammeln sich die Teilnehmer an einer kleinen Bühne. Gebete und Gesänge schallen aus Lautsprechern. Rauchende Römer schwitzen in ihren Plastikrüstungen, Maria telefoniert, Pontius Pilatus macht eine Mikrofonprobe. Sie alle erwarten Ruben, den man hier den "Jesus von Cutod" nennt. Taucht er auf, wird kurzer Prozess gemacht. Ein paar als jüdische Oberpriester verkleidete Männer klagen ihn an, Jesus bleibt standhaft, am Ende wäscht Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld.

Schließlich schultert Jesus das Kreuz, die Prozession setzt sich in Bewegung.

Den Zug führen junge Männer mit nacktem Oberkörper an. Dafür sind ihre Köpfe von Tüchern bedeckt. Mit Peitschen aus Hanf und Leder schlagen sie sich auf die Rücken, sie bluten dramatisch. Umstehende werden bespritzt, am Wege geparkte Autos wirken wie von einem roten Regen getroffen. Manchmal scheren die Männer aus, dann kommt ein Helfer und ritzt ihnen mit Glasscherben neue Wunden ins Fleisch. Jetzt bluten sie noch mehr. Am Ende werden kleine Narben zurückbleiben. Und die Hoffnung auf die Heilung einer Krankheit, auf den Volltreffer beim Lotto, auf das große Liebesglück. Das ist der Sinn der Selbstgeißelung.

Dornenkrone aus Makabuhay

Ruhig, fast gelassen trägt Ruben Enhaije sein Kreuz. Dreimal fällt er auf seinem Weg - dreimal, so wie es auch Jesus seinerzeit erging. Sofort wirft sich Maria neben ihn, bricht in Wehklagen aus. Maria ist Aileli, eine Frau aus Rubens Dorf. Sie ist erst 20 Jahre alt, also viel jünger als ihr "Sohn". "Das macht gar nichts", sagt Aileli, "es geht doch nur darum, Gott zu ehren." Ruben nickt und erhebt sich wieder. Ein Römer gießt ihm erfrischendes Wasser über den Kopf.

Der Römer ist Romeo Diamse, Rubens Onkel. Er ist es auch, der Ruben die Nägel durch die Hände schlagen wird. "Ich vertraue nur ihm", sagt Ruben, "er weiß genau, wo er die Nägel ansetzen muss, damit sie glatt durchgehen."

Auf dem Platz nahe Cutod, der "Richtstätte", verteilt sich die Menge um einen kleinen Hügel. Ein Zaun hindert die Neugierigen, Ruben zu nahe zu kommen. TV-Kameras stehen in Bereitschaft, Fotografen drängeln um die besten Plätze. Alle warten, dass Onkel Romeo zur Tat schreitet. Langsam dreht er das Marmeladenglas auf und holt die Nägel heraus.

Es handelt sich um zehn Zentimeter lange Stahlstifte, vierkantig und vorne sehr spitz angefeilt. Ruben benutzt sie seit einem Jahrzehnt. "Schon Tage vorher beginnen meine Hände zu schmerzen", sagt Ruben. "Ich weiß nun, bald wird mir Jesus im Traum erscheinen und befehlen, mich wieder kreuzigen zu lassen."

Dann holt er sein weißes Gewand hervor und putzt die Dornenkrone. Sie ist aus Makabuhay gefertigt, einem Gewächs der philippinischen Volksmedizin, das gegen Rheuma, Arthritis und Quetschungen helfen soll. Hunderte Kranke kommen jedes Jahr zu Ruben Enhaije, um sich von dem Mann, der einst mit heilen Knochen vom Himmel fiel, von ihrem Leid erlösen zu lassen.

Ein Dutzend Mal am Kreuz

Ruben sieht sich um. Er ist nicht der einzige "Verurteilte". Bis zu vier Kreuze stehen nebeneinander, fast im Akkord wird gekreuzigt. Selbst Ausländer sind mittlerweile darunter. Auch Angelito Manasala wartet auf seine "Hinrichtung". "Vor einigen Jahren war ich sehr krank", sagt der 41-Jährige. "Das Leichentuch lag schon über mir." Die Krankheit, meint er, war die Strafe für ein Leben als "Säufer und Raufbold". "Doch Gott gab mir eine neue Chance."

Inzwischen ließ er sich bereits ein Dutzend Mal ans Kreuz schlagen. Danach", so Angelito, der heute als Heiler in Cutod arbeitet, "habe ich neue Kräfte. Damit mache ich auch andere Menschen wieder gesund." Selbst Dämonen könne er nun austreiben. Es gelinge mit den Nägeln vom Kreuz, die er den Besessenen an die Stirn hält und symbolisch einschlägt. "Aber Geld darf ich dafür nicht nehmen, sonst verliere ich meine Kraft."

Angelito sieht hoch zu Ruben, der inzwischen ans Kreuz geschlagen ist. Ruben lächelt, als er wieder unten ist. "Ich habe gebetet, ich habe Gott gefühlt", sagt er. Onkel Romeo desinfiziert die Wunden, umwickelt sie mit einem Verband. Dann geht der "Jesus von Cutod" durch die Menge, die sich ehrfürchtig teilt. Manche berühren ihn vorsichtig, er segnet sie mit den bandagierten Händen. "Noch tut es nicht weh", sagt Ruben. Für den schlimmsten Fall hat er zu Hause Schmerzmittel.

Ein kurzer, erstickter Schrei. Ruben wendet sich um. Dort liegt nun Angelito auf dem Kreuz, sein Gesicht ist von Schmerz verzerrt. Unerbittlich schlägt der Hammer zu. Einmal, zweimal, dreimal. Bumm, Bumm, Bumm.

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