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Grenada: Zimt, Muskat und Nelken - alles karibisch

Foto: Martin Cyris

Weihnachtsgewürz-Insel Grenada Zimt-Longdrink am Karibikstrand

Kakao, Muskat und Nelken: Auf Grenada duftet es rund ums Jahr nach Weihnachten. Adventstrubel gibt es unter der karibischen Sonne nicht, dafür Zimt-Longdrinks, Soca-Klänge und Spice-Diven.
Von Martin Cyris

Fischer holen in der warmen Brandung ihre Netze ein. Die späte Nachmittagssonne auf Grenada strahlt immer noch kräftig genug, um den Männern den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Rumbuden am Strand verkaufen Longdrinks, garniert mit Zimt und geriebener Muskatnuss, frisch von der Insel. Eisgekühlt, gegen die karibische Hitze.

Aus Lautsprecherboxen dröhnen Weihnachtshits im karibischen Soca-Rhythmus: "Let's have a merry cherry christmas!" Die deutsche Winterkälte ist rund neun Flugstunden entfernt, Adventstrubel und Geschenkestress ebenso. Weihnachtsmärkte und überfüllte Geschäfte sind auf der kleinen Karibikinsel völlig unbekannt. Hie und da nur erinnern kitschige Beleuchtung und Plastikchristbäume daran, dass ein Fest bevorsteht.

Im Zentrum der Kleinstadt Gouyave baut eine Combo ihre Trommeln auf, die Musiker tragen Nikolausmützen. Es ist Freitagnachmittag und damit Fish Friday, ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Bis in den späten Abend wird gewippt und getanzt, getrunken und gegessen. Zumeist Hühnchen und Fisch, dazu gibt es Soßen mit Gewürzen aus Grenada: Muskatnuss, Zimt, Nelken, Ingwer, Piment, Chilis. Hot and spicy.

Die meisten Zutaten dürfen auch in der deutschen Weihnachtszeit auf keinem Backblech und in keinem Glühweintopf fehlen. Auch in Rostbratwürsten, tonnenweise auf Weihnachtsmärkten verdrückt, sind würzige Muskatnuss sowie Muskatblüte aus Grenada unverzichtbar.

Schwarzes Gold mit dem würzigen Aroma

Verarbeitet wird das Gewürz unter anderem in der Muskatnussfabrik von Gouyave. Das ganze Jahr über pulen dort Arbeiterinnen die Muskatnüsse aus den Schalen und trennen die Muskatblüte, den Samenmantel der Frucht, von der "Nuss". Es liegt ein würziger Geruch in der Luft, der vom ätherischen Öl der Muskatnuss stammt. Arbeiter verpacken die Ware in Säcke und wuchten sie auf Lastwagen.

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Ziel der Fracht sind weit entfernte Häfen wie Rotterdam und Hamburg. "Keine Ahnung, wo das ist", sagt Francis, ein junger Arbeiter. "In Deutschland? Deutschland gegen Brasilien, sieben zu eins", sagt er in Anspielung auf das auch auf Grenada offenbar intensiv verfolgte Fußball-WM-Halbfinale. In den meterhohen Regalen hinter ihm werden die Muskatnüsse wochenlang getrocknet.

Es könnten noch weitaus mehr sein. Aber 2004 und 2005 zerstörten Hurrikane neben vielen Gebäuden auch fast alle Muskatnussbäume. Die Produktion erreicht heute nur noch ein Zehntel der früheren Kapazität. Viele Bauern haben den Anbau aufgegeben, es fehlt an Nachwuchs. Trotzdem stellt Grenada - Beiname: spice island, Gewürzinsel - ein Gutteil der weltweiten Muskatnussproduktion. Die Nuss, eigentlich ein Same, wird dort "schwarzes Gold" genannt und ziert die Landesflagge. Hotels wurden nach den Gewürzen benannt, Bars, Schulen, sogar ein Einkaufszentrum.

Einer der wenigen Jungfarmer ist Wayne Griffith. Die Plantage des 33-Jährigen befindet sich im grünen, bergigen Zentrum der Insel. Dort stoßen Touristen auf abgelegene Wasserfälle, heiße Schwefelbäder und den Grand Etang Lake, einen Kratersee. Und auf Gewürzfrauen, die Ketten aus grenadischen Produkten verkaufen: Nelken, Zimtstangen, Lorbeerblätter. Und Kakaobohnen. Aus ihnen wird feinste Ökoschokolade hergestellt.

Hauptexportgut der kleinen Insel aber ist und bleibt die Muskatnuss. Einst wurde sie sogar mit Gold aufgewogen, erzielt auch heute noch ordentliche Gewinne. 2013 erreichte der Handel Höchstpreise. 32 000 US-Dollar wurden für eine Tonne Muskatnuss gezahlt. "Sechs Bäume bringen das Schulgeld für eines meiner Kinder", sagt Griffith. Er hat drei Töchter, zwei Söhne und einige Dutzend Bäume.

Talentshow für Spice Divas

Wayne Griffith beliefert auch einen deutschen Naturkosmetikhersteller. "Die haben sogar die Bäume markiert, von denen sie die Nüsse wollen." Grund ist das Myristicin, ein Bestandteil des Öls der Muskatnuss. Myristicin ist eine Droge und in höheren Mengen mitunter lebensbedrohlich. Manche Abnehmer wollen einen möglichst geringen Anteil. Amerikanische Brausehersteller - die größten Muskatnussverwerter weltweit - dagegen setzen auf einen hohen Myristicin-Wert. Natürlich im legalen Bereich.

"Für den Kick", sagt Denzil Phillips. Der Engländer ist Gewürzexperte. Auf Grenada berät er Muskatnussbauern und -genossenschaften in Sachen Anbau, Vertrieb und Marketing. "Die Menschen sind wegen der Hurrikane demoralisiert", sagt Phillips. "Man muss sie regelrecht dazu animieren wieder mehr Muskatnussbäume anzubauen und ihr Produkt zu lieben".

Das Nutmeg-Festival, das Muskatnussfestival, soll dabei helfen. Es wird seit wenigen Jahren jährlich im Winter abgehalten. Köche wetteifern um die besten Rezepte mit Muskatnuss, Spas stellen Wellness-Produkte aus Grenada-Gewürzen vor, Produktneuheiten wie Muskatnusslikör oder -sirup werden prämiert. Sogar eine Talentshow für Sängerinnen gibt es. Sie heißt "Spice Divas", Gewürzdiven - der Name "Spice Girls" war bereits belegt.

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Aufsehen erregen könnte demnächst Brennstoff aus Muskatnussschale. Unter Holzkohle gemischt, sorgt sie für ein feinwürziges Aroma beim Grillen. Gut möglich, dass der Duft bald über die Traumstrände der Insel zieht. Etwa über den Grand Anse, den beliebten Hauptstrand. Am Wochenende fließt der Rum in Strömen, über offenem Feuer brutzelt Fleisch, spicy Muskatnusssoßen stehen bereit, Autos werden zu mobilen Diskotheken umfunktioniert. Unter die Weihnachtshits mischen sich Karnevalssongs, zumeist im Soca-Rhythmus. "We party in sun or rain!" lautet ein aktueller Refrain.

Wie überall in der Karibik spielt der Karneval auch auf Grenada eine große Rolle. Schon Monate vorher ist er Gesprächsthema Nummer eins. Der Karneval findet im August statt. Beiname: Spicemas.