Vom Obdachlosen zum Karneval-Star Wenn Uncle Ellis tanzt

Auf Trinidad rockt ein weißbärtiger Mann mit seinem Hüftschwung die Partys: Uncle Ellis ist der Soca-Star des Karnevals. Die Insulaner lieben ihn - auch wegen seiner schwierigen Vergangenheit.

Moritz Wichmann

Von Moritz Wichmann


Etwas verloren und schüchtern wirkt Uncle Ellis, wie er vor der Bühne steht. Weißhaarig, o-beinig, aber durchtrainiert, scheint der kleine Mann älter als seine 58 Jahre zu sein. Um ihn herum lassen junge Einheimische und Touristen zur Musik die Hüften kreisen, reißen ihre Arme hoch, johlen. Immer wieder bitten sie ihn um ein gemeinsames Selfie.

Und dann geht Uncle Ellis zum Mikrofon und macht das, was den einstigen Obdachlosen berühmt werden ließ: Er bewegt seine Hüften und singt seinen Song.

Die Party am Pool des Ambassador-Hotels in Port of Spain ist nur eine von Hunderten "Fetes", die dieser Tagen auf der Karibikinsel Trinidad stattfinden. Es ist Karneval in der Heimat des Soca, einem Mix aus Calypso, Soul und Funk - und Uncle Ellis der heimliche Soca-Star dieser Saison. "Dey say I is ah Drunkard - I Doh Mind", singt der Mann, der eigentlich Ellis Reid heißt, "sie sagen, ich sei ein Trinker - mir doch egal."

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Soca-Star Uncle Ellis auf Trinidad: "Mir doch egal"

"I Doh Mind" - der Titel seines Songs trifft die entspannte Lebensphilosophie vieler Bewohner des karibischen Inselstaates Trinidad und Tobago. Er ist aber auch trotzige Selbstbehauptung: "Ich wurde geschlagen, nur weil ich ein Obdachloser war", sagt Reid in seinem Video, das bisher über 1,2 Millionen Mal auf YouTube abgerufen wurde - ähnlich oft wie jene der etablierten Künstler der Insel.

In dem Musikfilm tanzt Reid in Unterhemd und kurzer Shorts und mit einem Einkaufswagen durch Port of Spain. "Ich möchte ein Vorbild sein", erzählt er darin, "ich möchte die Leute motivieren, die auf den Straßen leben", sie seien "doch auch Menschen". "Sie sagen, ich sei ein Jab Jab", singt Reid und trägt dazu eine wikingerartigen Helm mit Hörnern, in der Karibik ein Symbol für den Teufel und für die Sklavenbefreiung. "Sie sagen, ich sei ein Verrückter. Mir doch egal."

Ellis Reid ist im eher armen Viertel Belmont der Hauptstadt aufgewachsen, seine Mutter hat er kaum gekannt. Jahrelang schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter im Hafen, als Bauarbeiter, Klempner und Straßenverkäufer durch. Zuletzt lebte er "fünf bis sechs Tage pro Woche auf der Straße", erzählt er später, nach seinem Auftritt. Die Drogen, die er zu dieser Zeit nahm und die ihn ruhelos durch Port of Spain streifen ließen, haben in seinem Gesicht ihre Spuren hinterlassen.

Immer wieder tanzte der Mittfünfziger zu der Musik der Straßenhändler, die rund um den Independence Square CD-Raubkopien verkauften. Passanten filmten ihn und posteten die Videos seines schnellen und energischen Hüftschwungs - in der Karibik "Wine" genannt - auf Facebook und YouTube. Rasch wurde Reid von einer lokalen zur landesweiten Internet-Bekanntheit.

Eines der Videos zeigt, wie er vor dem Schaufenster der Kentucky-Fried-Chicken-Filiale seinen schnellen "Ellis Wine" zelebriert. Ein anderes zeigt wie er Justin Biebers "Sorry" tanzt. Aufgenommen und hochgeladen wurde dies von Dion Gomez. Der hochgewachsene junge Musik-Promoter ist inzwischen Manager von Uncle Ellis und organisierte ihm als Erstes einen professionellen Social-Media-Auftritt. Fans können nun Baseball-Caps und T-Shirts mit dem Hashtag "#Idohmind" kaufen.

Reisepass für den einstigen Obdachlosen

Auf der Bühne des Ambassadors springt Uncle Ellis auf und ab und singt. Sein Publikum zückt die Smartphones, unter Jubel richtet sich das Licht der Handykameras auf den kleinen Mann. "Take ah Wine on de Spot", singt er mit nasaler Stimme, "einfach tanzen, hier auf der Stelle." Seine Zuhörer tun genau das, drücken ihre Hüften gegeneinander, tanzen sich an. Nach seinem Auftritt stürmt eine junge Frau auf Ellis zu, presst ihr Gesäß in seinen Schritt, beugt sich weit vornüber, beide bewegen sich zur Musik.

Uncle Ellis' Erfolg berührt die Inselbewohner. Er gibt ihnen Hoffnung, dass es jeder schaffen kann, mit einer Portion Gleichmut die Widrigkeiten des Alltags zu meistern. Denn Reid hat weit größere Probleme bewältigt: Er ist mittlerweile clean und lebt in einer kleinen Wohnung in Cascade, einer etwas besser situierten Nachbarschaft in Port of Spain.

Dutzende Auftritte auf Karnevalpartys und Gemeindefesten hat Reid in den vergangenen Wochen hinter sich gebracht und reiste dafür zum ersten Mal in seinem Leben auch auf die nahe Nachbarinsel Tobago. In Grenada nahm er mit einem anderen Soca-Sänger einen Song auf - dafür musste Manager Gomez dem Mann, der den größten Teil seines Lebens keine Dokumente besessen hatte, erst einmal einen Reisepass besorgen.

Auch in Videos bekannter Soca-Künstler tritt er nun auf. Eine ist Patrice Roberts, die in "Old and Grey" beschwört, sie werde tanzen und Karneval feiern, bis sie alt und grau sei - so wie Ellis eben. Wenn es um das Thema Frauen geht, fangen die Augen des Soca-Sängers an zu leuchten: "Aktuell habe ich nichts Festes", sagt er und grinst. Er scheint damit sehr glücklich, auch ist ihm seine Karriere momentan wichtiger: "Ich liebe das Tanzen, ich will aber jetzt mehr Musik machen", sagt er.

"I Doh Mind" vom Karnevalswagen

Reids nächster Song komme schon bald, sagt sein Manager Dion Gomez, doch wann, wisse er nicht: Der Videoproduzent habe sich seinen Arm gebrochen und könne nicht schneiden. Auch an diesem Abend läuft nicht alles rund: "Eigentlich wollten wir den 22-Uhr-Flieger nach Tobago nehmen, für einen nächtlichen Auftritt dort", sagt Gomez und lacht. Doch die Poolparty auf Trinidad hat mit dreistündiger Verspätung erst um 21 Uhr begonnen - das Flugzeug wird ohne den Soca-Star starten.

Doch weitere Events stehen schon an. Bei den Paraden in diesen Tagen etwa, wenn mehrere Zehntausend spärlich und bunt bekleideter Karnevalisten durch die Innenstadt von Port of Spain ziehen und mindestens ebenso viele Schaulustige zusehen. Dann wird Ellis von dem Truck einer Band aus der Menge mit seinem Song einheizen: "I Doh Mind" - "mir doch egal".

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