SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. November 2018, 07:29 Uhr

Abenteuerurlaub im Kaukasus

Mal betörend, mal verstörend

Von und Gulliver Theis (Fotos)

Wo können sich Reisende noch wirklich als Entdecker fühlen, ohne ständig auf andere Touristen zu treffen? Im nördlichen Kaukasus zum Beispiel. Zehn Orte, unverfälscht und authentisch.

Beim Kaukasus werden sie immer hellhörig. Ich habe viel mit Menschen zu tun, die sehr viel reisen, und immer mal wieder kommt das Gesprächsthema auf unentdeckte Orte, auf Geheimtipps, auf Reiseziele, die genau jetzt spannend sind.

Weil sie noch nicht für den Massentourismus erschlossen wurden, aber trotzdem oder gerade deshalb sensationell sehenswert. Unverfälscht, authentisch, echte Abenteuer. Die verheißungsvolle Illusion, sich noch als Entdecker fühlen zu können, in abgelegenen Dörfern, in denen einen der Ortsvorsteher zum Tee einlädt, nur weil man ausländisch aussieht.

Es wird gefühlt immer schwerer, diese Orte zu finden. Zumindest, wenn sie auch noch schön und kulturell interessant sein sollen und nicht zur touristischen Folklore verkommen, wie es die romantisch verklärte Erwartung vorgibt. In Burma, Äthiopien oder Kolumbien können Reisende abseits der Touristenrouten fündig werden, aber sie müssen gar nicht so weit weg fahren.

Viel näher liegt Dagestan im Nordkaukasus, eine Region, von deren Besuch das Auswärtige Amt immer noch abrät, das sollte man nicht unerwähnt lassen. Genauso kann man aber auch erwähnen, dass sich die Sicherheitslage zuletzt verbessert hat und dass es einige kleine Reiseanbieter gibt, die sich dort gut auskennen.

Auch der restliche Nordkaukasus ist sehr Entdecker-freundlich, auch ohne Begrüßungen von Ortsvorstehern. Ein Ziel für jedermann. Viele Orte haben eine düstere Vergangenheit. Grosny. Beslan. Abchasien. Südossetien. Namen, die auf ewig mit fürchterlichen Tragödien verknüpft sind.

Zusammen mit dem Fotografen Gulliver Theis war ich wochenlang auf Recherche im Großen Kaukasus unterwegs, einmal von West nach Ost, von Sotschi bis Baku. Dabei haben wir einige Orte entdeckt, die uns noch lange in Erinnerung bleiben werden. Einige sind verhältnismäßig leicht erreichbar, andere nur mit Fahrer vor Ort oder mit mehr oder weniger abenteuerlichen öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber wenn es zu einfach wäre, würde ja bald jeder hinfahren.

Hier sind zehn Tipps für den Großen Kaukasus - geordnet von West nach Ost:

Gagra, Abchasien

Fast nur russische Touristen kommen derzeit in die ehemals prunkvolle Sommerfrische-Stadt Gagra am Schwarzen Meer. Abchasien ist seit dem Ende der bewaffneten Konflikte im Jahr 1993 ein Niemandsland, das international weitgehend nicht als eigenständiger Staat anerkannt wird.

Touristen müssen vorab ein Visum beantragen, einen Haken hat der Besuch Abchasiens allerdings: Da die Region völkerrechtlich zu Georgien gehört, sehen die Georgier einen Grenzübertritt von der russischen Seite gar nicht gern und werten diesen als illegal. Wer dennoch von Sotschi aus einreist - wie es am einfachsten wäre -, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit auf deren schwarzen Liste - und verspielt die Möglichkeit, Georgien zu besuchen. Eine Anreise über Georgien ist in der Nähe der Stadt Gali möglich, aber im Allgemeinen schwierig.

Die Mischung aus Ruinen alter Luxusresorts und moderneren Anlagen für Urlauber verschafft dem Ort eine ganz eigentümliche, durchaus zauberhafte Aura. Verstärkt wurde dieser Eindruck, als uns ein freundlicher Verkäufer auf dem Marktplatz um 9 Uhr morgens nach allen Regeln der Kunst mit 60-prozentigem Chacha abfüllte. Ausflugstipp: die imposante Datscha von Josef Stalin oberhalb der Stadt.

Akarmara, Abchasien

Akarmara ist eine Beinahe-Geisterstadt in Abchasien, hoch in den Bergen an der heutigen Grenze zu Georgien. Und was für eine: Grasüberwucherte Ruinen von Wohnhäusern, einem Krankenhaus und breiten Prachtstraßen lassen erahnen, wie ungewöhnlich feudal die Kohlearbeiter hier zu Sowjetzeiten lebten.

In vielen Apartments stehen noch Möbel, es sieht dort aus, als sei der Ort erst gestern verlassen worden und nicht schon Anfang der Neunzigerjahre. Vor dem Krieg lebten hier 5000 Menschen, jetzt sind es noch etwa 35. Auch hier sollte man sich einen Besuch aufgrund der besonderen politischen Lage gut überlegen.

Beslan, Nordossetien

Eines der grausamsten terroristischen Verbrechen der letzten Jahrzehnte spielte sich in der "Schule Nummer eins" ab: Mehr als 300 Kinder starben, als Geiselnehmer tagelang die Schule belagerten. Heute ist die Schule eine Gedenkstätte, ähnlich verstörend wie Hiroshima oder Auschwitz.

Ein Künstler hat einen golden schimmernden Metallsarkophag um die Turnhalle gelegt, darin finden sich Fotos und persönliche Gegenstände der Gestorbenen. Ein stiller Ort, der einen noch lange hinterher beschäftigt, weil man einfach nicht begreift, wie Menschen zu so etwas fähig sein können.

Wehrtürme, Inguschetien

Der Große Kaukasus war immer Grenzregion, immer umstritten zwischen Nachbarn, immer reich an Konflikten. Das zeigen auch die Ruinen jahrhundertealter Wehrtürme. Besonders gut erhaltene Exemplare finden sich in den Regionen Nordossetien und Inguschetien (Foto), einer Region, die sogar einen der Türme in ihrem Wappen zeigt (Achtung: Reisen hierher sind nur mit vorher beantragter Sondergenehmigung möglich). Einst dienten die Bauwerke zur Verteidigung einzelner Familienverbände, an manchen Orten hatte jede Familie ihren eigenen Turm. Typisch für den Kaukasus sind die spitzen Dächer.

Dargaws, Nordossetien

Wie nah Horror und ästhetische Schönheit zusammenliegen können, erfahren Reisende im Nordkaukasus immer wieder. Zum Beispiel in der Nekropolis von Dargaws in Nordossetien, die aus 99 Gräbern besteht. Die ältesten von ihnen stammen aus dem 15. Jahrhundert, viele der Toten sind Opfer einer Pestepidemie.

In der Umgebung wurden immer wieder alte Münzen gefunden, was auf einen alten Brauch zurückgeht: Angehörige warfen eine Münze von einem Berg oder in einen Brunnen, und wenn sie auf einen Stein traf, interpretierten sie das als Zeichen, dass der Tote im Himmel angekommen sei.

Tuschetien, Georgien

Während manche Bergregionen in Georgien längst touristisch etabliert sind, hat sich die Region Tuschetien ihren ursprünglichen Charme bewahrt. Das liegt auch an der durchaus abenteuerlichen Anreise über eine Schotterpiste im Gebirge. Eine bessere Straßenanbindung ist geplant, es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis mehr Touristen kommen.

Hier erlebt man einen Kaukasus wie aus dem Bilderbuch, mit Schafhirten und jungen Männern auf Pferden und Bergdörfern in atemberaubenden Lagen. Gäste sind dort teilweise noch selten - einmal wurden wir mit Salutschüssen aus einem altertümlichen Gewehr begrüßt.

Grosny, Tschetschenien

Nach zwei Kriegen, in denen Grosny fast vollkommen zerstört wurde, half Moskau mit vielen Milliarden Rubeln dabei, quasi eine neue Stadt zu bauen. Die beiden prachtvollsten Moscheen Russlands stehen hier und im Nachbarort Argun, und das Achmat-Kadyrow-Museum bietet Anschauungsunterricht zum Thema "Diktatoren-Selbstbeweihräucherung für Profis" (auch interessant zu dem Thema: das Instagram-Profil des aktuellen autokratischen Machthabers Ramzan Kadyrow).

Von Einheimischen erfuhren wir, dass Tschetschenen und Deutsche einiges gemeinsam haben: "Ehrlichkeit, Disziplin, Respekt für andere" hielt ein Geldwechsler für Tugenden, die beide Volksgruppen auszeichnen.

Dörfer in Dagestan, Russland

Wäre die Sicherheitslage besser, würde die russische Provinz Dagestan mit hoher Wahrscheinlichkeit bald zum Trendreiseziel werden und in "Lonely Planet"-Bestenlisten empfohlen. Fast nirgendwo sonst auf der Welt können Besucher in einer vergleichsweise kleinen Region eine solche Vielfalt an Mikro-Traditionen und Volksgruppen erleben.

Viele Bergdörfer haben sich auf Kunsthandwerk spezialisiert und Herstellungstechniken über Jahrhunderte verfeinert. Berühmt sind die Silberschmiede in Kubatschi und Gotsatl, Tonfiguren gibt es in Balchar und Messer in Kharbuk. Genauso eindrucksvoll ist die Gastfreundlichkeit der Menschen - spontan wurden wir auf eine Hochzeit mit Festmahl eingeladen (Achtung: Vor einer Reise die Hinweise des Auswärtigen Amtes zu Dagestan lesen).

Derbent, Dagestan

Am südlichsten Zipfel Russlands befindet sich die älteste Stadt des Landes. Der Grenzort Derbent am Kaspischen Meer war schon lange ein Schmelztiegel mit muslimischer, christlicher und jüdischer Bevölkerung. Hier entdeckten wir einen kleinen, aber symbolträchtigen Ort des Friedens zwischen Menschen unterschiedlicher Weltanschauung: In einem Frisörsalon bearbeiteten jüdische Angestellte völlig selbstverständlich die langen Bärte muslimischer Kunden.

Xinaliq, Aserbaidschan

Die Berggipfel der Umgebung heißen Bazardüzu Dagi (4466 Meter), Shadagh (4243 Meter) und Tufandag (4191 Meter). Solche Höhen würden ihnen in den Alpen zu einiger Berühmtheit verhelfen. Hier dagegen, an der Grenze zwischen Aserbaidschan und Russland, können Bergsteiger echte Einsamkeit erleben und treffen nur ab und zu einen Schafhirten.

Startpunkt für mehrtägige Touren ist das Dorf Xinaliq, das auch Nichtalpinisten verzaubert und so idyllisch liegt, dass es für die Verfilmung des aserbaidschanischen Nationalromans "Ali & Nino" als Kulisse ausgewählt wurde.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Beschreibung der beiden Orte in Abchasien ergänzt und weisen nun auf die besonderen Umstände eines Grenzübertritts von russischer Seite hin.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung