Kenia "Radio Safari" für Spanner

Stundenlange Pirschfahrten durch die Savanne, manisches Fotografieren der immer gleichen Tiere: Das Safari-Virus ist tückisch. Wen es einmal befallen hat, lässt es oft ein Leben lang nicht mehr los.

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Majestätisch: Elefanten lassen sich auf ihrer täglichen Marschroute von niemandem aufhalten, wenn sie es nicht wollen
TEXT/AUFMACHER

Majestätisch: Elefanten lassen sich auf ihrer täglichen Marschroute von niemandem aufhalten, wenn sie es nicht wollen

Nairobi - "Ich hatte ein Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge...." So beginnt Tania Blixens "Jenseits von Afrika", und mit diesem Satz fängt auch die berühmte Verfilmung des Romans an. Es gibt Menschen, die bei diesen Worten feuchte Augen bekommen und einen Kloß im Hals spüren. Wer diese Auffälligkeiten an sich entdeckt, sollte sich darüber im Klaren sein, süchtig zu sein. Süchtig nach Afrika, nach dieser grandiosen, von Schirmakazien übersäten Landschaft, nach unendlichen Savannen - und den immer noch in ihnen lebenden Tieren.

Im Jahre 2002 wird wohl niemand mehr auf die Idee kommen, eine Farm in Kenia besitzen zu wollen. Aber um zumindest für einige Tage seine Sehnsucht nach der Weite Afrikas und der Schönheit ihrer Natur zu stillen, gibt es die Reise - oder auf Suaheli: die "Safari". So eine Reise kann beschwerlich sein. Es geht im Jeep oder im Kleinbus stundenlang über holprige Wege, die den Namen Straße nicht verdienen, immer weiter in die Wildnis hinaus. Jeden Tag. Aber irgendwann ist man am Ziel. Das Ziel kann auch schon der Weg dahin sein, wenn der Fahrer plötzlich hält, sein Fernglas zückt und damit für Unruhe unter den Mitreisenden sorgt: Denn er muss etwas entdeckt haben - mit Glück sind es Geparde, die sich auf die Jagd nach Beute vorbereiten, mit noch mehr Glück ist es ein Leopard, der sich von seinem nächtlichen Streifzug in den Wipfeln eines Baumes erholt.

Spanner sollten sprachlos bleiben

Manchmal ist das Glück zugleich auch Pech: Dafür sorgt das "Safari-Radio". Wenn ein Fahrer ein Mitglied der "Big Five" (Löwe, Leopard, Büffel, Nashorn, Elefant) entdeckt, informiert er gerne per Funk seine Kollegen - und das führt dazu, dass ein Löwen-Paar, das sich seit einer Woche im hohen Savannengras versteckt ausschließlich der exzessiven Liebe hingibt, von manchmal bis zu 15 Safari-Wagen gestört wird. Da vergeht selbst dem feurigsten Löwen-Mann die Leidenschaft, wenn er immer wieder durch laute, aufgeregte Rufe "Oh look, there are Lions in Honeymoon" abgelenkt wird. Auch in der Savanne gilt: Spanner sollten zumindest sprachlos bleiben.

Ärgerlich: Exklusive Tierbeobachtungen sind in den beliebten Parks offensichtlich nicht immer möglich
Alwin Schröder

Ärgerlich: Exklusive Tierbeobachtungen sind in den beliebten Parks offensichtlich nicht immer möglich

Manchmal hat das Glück auch einen Namen: William Osama zum Beispiel (seinen Nachnamen nennt er aus unerfindlichen Gründen nicht allzu gerne) ist einer dieser unzähligen Fahrer, die in jeder Saison nicht nur geduldig nach den begehrten Foto-Objekten der Kameras Ausschau halten (ein Tag ohne Löwen gilt bei Safari-Greenhorns als verlorener Tag), sondern auf dem Weg zum Ziel auch immer wieder die Fragen seiner Fahrgäste aus aller Welt beantworten, etwas über Land und Leute erzählen oder abenteuerliche Anekdoten aus dem Leben eines Touristen-Begleiters preis geben. Zum Beispiel die Geschichte jenes Deutschen, dem in Nairobi das Jackett aus dem Auto heraus gestohlen wurde und der dieses Kleidungsstück dann für einen Dollar vom Dieb zurückkaufen konnte.

Kein Tag einer Safari in Kenia ist wie der andere, egal ob es durch Amboseli, Tsavo oder die Masai Mara geht. Oder doch? Das ist eben Ansichtssache. Für nicht vom Safari-Virus Befallene reicht es, einmal eine Elefantenherde an sich vorbeiziehen zu sehen, Nilpferde beim Bad im Fluss zu beobachten, Hyänen auf der Suche nach Beute zu beobachten. Süchtige dagegen brauchen das jeden Tag.

Faszinierend: Die Migration am Mara River

Und doch gibt es noch eine Steigerung bei der Suche nach mehr oder minder seltenen oder spektakulären Tieren: die Migration. Anfang August treffen Tausende von Gnus und Zebras in der Masai Mara ein. Sie haben sich wie jedes Jahr vom Süden aus der nun ausgetrockneten tansanischen Serengeti auf den Weg gemacht, um an das saftige Gras jenseits des Mara River zu kommen. Das ist dann das Spektakel, das jeder Safari-Tourist zu sehen erhofft: Wenn das erste Mitglied dieser riesigen Herde den Sprung in den Fluss wagt, um ans andere Ufer zu gelangen, folgen ihm wie die Lemminge alle anderen. Dummerweise halten sich im Mara River etliche hungrige Krokodile auf, so dass manche der müden Gnus oder Zebras ihr Opfer werden.

Aber just zu diesem Zeitpunkt am rechten Ort zu sein ist noch schwieriger als in Amboseli einen klaren Blick auf den schneebedeckten Kilimandscharo zu haben. Denn meist ist der "Berg der Berge" vom Nebel eingehüllt. Und so kehren die Safari-Teilnehmer jeden Abend in ihre mehr oder minder luxuriöse Lodge zurück, die meist an einem unverschämt attraktiven Platz gebaut worden ist: Denn oft ist eine (natürlich gut ausgeleuchtete) Wasserstelle in der Nähe, die Elefanten, Antilopen oder Zebras anlockt.

Manche freuen sich dann einfach nur noch auf das exorbitant delikate Dinner. Manche können aber nach einem kleinen Drink kaum noch den nächsten Morgen abwarten - weil "Radio Safari" wieder auf Sendung geht und das Virus keine Ruhe gibt.

Gefahrenquelle: Am Ufer des Mara River können durstige Zebras Opfer von hungrigen Krokodilen werden Zärtlich: Zwei Löwinnen haben unter einem Baum Schutz vor der Mittagshitze gesucht Gefräßig: Nilkrokodile machen sich im Mara River über einen Gnu-Kadaver her
Hippos: Nilpferde wirken friedlich, aber ihre bis zu einem Meter langen Eckzähne können auch dem Menschen gefährlich werden Träge, aber wehrhaft: Kaffernbüffel zählen zu den "Big Five", die jeder Safari-Tourist sehen möchte Neugierig: Eine Massai-Giraffe mustert den Fotografen. In Afrika gibt es drei Unterarten: Neben der Massai- sind es die Netz- und die Rothschildgiraffe.
Der Clown der Savanne: Ein Gnu irritiert den Beobachter nicht nur wegen seines ungewöhnlichen Aussehens, sondern auch durch manchmal wilde, unvermittelte Sprünge Scheu: Geparde sind wie die meisten Raubtiere Afrikas vom Aussterben bedroht. Wer sie zu Gesicht bekommt, hat einen erfolgreichen Safari-Tag erlebt. Rekordverdächtig: Impalas können drei Meter hoch und über zehn Meter weit springen


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