Kepler Track in Neuseeland Kraxeln mit Kiwis

Spaghetti aus Alubeuteln, dürftige Hütten und Hagelschauer auf dem Gipfel: Der Kepler Track ist kein Sonntagsspaziergang. Deshalb versüßen sich einige Wanderer das Outdoor-Leben mit extravaganten Mitbringseln - sie nehmen Hunderte Bücher mit oder literweise Weißwein.

Barbara Schaefer

Von Barbara Schaefer


Sie sitzen an einem einfach zusammengezimmerten Tisch, trinken Tee und streichen Vegemite auf Brotscheiben. Monatelang haben die Männer die Wanderung geplant, einen Termin verabredet, eine Tour herausgesucht. "Seit Pfadfinderzeiten haben wir nichts mehr zusammen unternommen", sagt John, der älteste der vier Brüder aus Christchurch.

Eigentlich hatte er eine Route im Abel-Tasman-Nationalpark vorgeschlagen, im Norden der Südinsel. Da transportiere ein Veranstalter das Gepäck, sagt er. Aber seine Brüder, alle zwischen 40 und 50 Jahre alt, hätten ihn ausgelacht. Und so sind sie heraufgestiegen auf die Luxmore-Hütte für die erste Nacht auf dem Kepler Track.

55 Wanderer sitzen in der Hütte, exakt so viele wie am Abend vorher und an den meisten anderen Abenden auch. Denn wer auf Neuseelands Great Walks unterwegs ist, muss sich beim Department of Conservation (DOC) anmelden und im Voraus den Schlafplatz bezahlen. Mehr als 55 Leute haben keinen Platz in den Stockbetten im Schlafsaal. Für die Wanderer ist das gut, denn so ist die Anzahl der Menschen, die einem tagsüber auf der Tour begegnen, deutlich limitiert.

Die vier Brüder sind etwas aus der Puste am Abend, die großen Rucksäcke sind schuld. Sie sind ein wenig aus der Übung seit ihren Pfadfinderzeiten. Was aber nicht weiter auffällt, denn trotz des einschüchternden Namens "Great Walk" sind hier nicht nur erfahrene Outdoor-Spezialisten unterwegs. Im Gegenteil. So mancher, der Urlaub macht in Neuseeland, findet einen Ausflug in die Berge des Südens verlockend, auch wenn er einen Wanderurlaub in der Steiermark oder im Harz niemals in Betracht ziehen würde.

Ein junger Mann aus Berlin sinniert auf der Terrasse rauchend vor sich hin. Ob er sich auch so eine Fleecejacke kaufen soll? Er trage eigentlich Baumwolle, aber zum Wandern sei das wohl nicht so geschickt. Ach was, sagt eine junge Französin mit Nasenring. Sie trage doch auch einfach ihr Surfer-T-Shirt.

Hitzestau und Schlamm

Für eine Wanderung, die sich von einer Tour in den Münchner Hausbergen hauptsächlich durch stärkere Wettereinbrüche unterscheidet, klingen die Broschüren des DOC sehr dramatisch. Die Naturschutzbehörde warnt vor Unterkühlung und vor Hitzestau, man müsse außerdem mit unebenen Wegen und Bachquerungen nach Regengüssen rechnen. Und mit nassen, schlammigen Schuhen.

Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann sich auf eine schöne Wanderung freuen. Und auf Begegnungen, die so nur in Neuseeland möglich sind. Der Kepler Track gilt mit seinen 60 Kilometern als der leichteste und kürzeste der neuseeländischen Great Walks. Los geht es am DOC-Center, direkt am Te-Anau-See.

Maori-Stämme kamen erst im 15. Jahrhundert hierher; den Polynesiern war es so weit im Süden zu kalt. Bis heute ist die Südinsel dünn besiedelt. Theoretisch kann der Wanderer also entlang der eiszeitlichen Gletscherfjorde bestimmt irgendwo als erster Mensch seinen Fuß auf den Boden setzen. Auf dem Kepler Track ist das jedoch unwahrscheinlich: 8000 Ausflügler sind hier im Jahr unterwegs.

Kiwi-Zone, Hunde verboten

Sanft um den See herum führt der Weg bis zur Broad Bay. Ein weit geschwungener Strand, grober Sand. Wind und Wellen und der Blick auf die Berge. Farne öffnen sich wie gigantische Blütenkelche, über ihnen recken sich Buchen in den Himmel, dazwischen Baumfarne, filigran wie Palmen, wie urzeitliche Wesen. Am Boden wuchern Moose, die Baumstämme glänzen schwarzgrün. Dazwischen windet sich der Weg in Serpentinen nach oben.

Von Wanderern abgesehen leben hier nur Vögel. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen des DOC geht. Alle Säugetiere in Neuseeland, von einer Fledermausart abgesehen, sind Immigranten und nicht willkommen. Denn schon mehrfach sorgten sie für Probleme: Ratten versteckten sich als blinde Passagiere auf Schiffen, Hermeline und Possums wurden als Jagdtiere ausgesetzt und vermehrten sich rasend, weil sie keine Fressfeinde hatten. So wurden sie zur größten Bedrohung der neuseeländischen Vogelwelt.

"Kiwi-Zone. Hunde verboten", steht auf Schildern am Weg. Und mit Kiwi sind nicht die Neuseeländer gemeint, sondern die flugunfähigen Vögel, die nur hier leben. Auch Keas hüpfen herum, die Bergpapageien amüsieren die menschlichen Besucher - bis einer der fliegenden Frechdachse einen Rucksack anknabbert und eine Proviantdose klaut. An manchen Bäumen hängen pinkfarbene, nummerierte Plastik-Dreiecke. Sie zeigen an, wo Holzkästen im Gestrüpp versteckt sind: mit Hühnereiern befüllte Tierfallen für Nagetiere.

Bibliothek im Rucksack

Als die vier Brüder aus Christchurch die Luxmore-Hütte erreichen, ist diese schon ziemlich voll. Außer dem jungen Deutschen, der mit spanischen und italienischen Reisefreunden auf der Terrasse sitzt, hat sich in dem spartanischen Raum eine geologische Exkursion breit gemacht, im Mittelpunkt ein aufgekratzter Professor, grauhaarig und verstrubbelt. Zwei Lehrerinnen umschwärmen und betüddeln ihn.

Der Professor sitzt im Sonnenlicht in der Hütte und untersucht mit der Lupe Steine. Laut verkündet er, was er gefunden hat, als wäre er in einem Hörsaal, als würde jemand mitschreiben. Wer nicht zur Exkursion gehört, lauscht trotzdem gerne. Denn wer kein Buch mitgebracht hat, der hat hier sonst nicht viel zu tun.

Annie und Glenn bekommen davon nichts mit. Sie haben eine ganze Bibliothek dabei und sitzen in ihre Lektüre versunken auf der Bank. Das junge Paar aus Schottland ist auf Weltreise, sie waren wandern in den Anden und in Nepal. Sie haben zwei e-Reader dabei. "Anders geht es nicht", sagt Annie. Auf ihrem hat sie 300 Bücher gespeichert, Glenn hat 250 dabei. Nein, sie tauschen die nicht aus. "Auf seinem sind nur Jungs-Bücher", sagt Annie.

Thai Curry aus der Tüte

Schwer schleppen will hier keiner. Die Supermärkte in Te Anau haben sich darauf eingestellt, und so stehen bald verschiedene Modelle der sogenannten Back Country Cuisine auf den Tischen. In den dicken Alubeuteln steckt Spaghetti Bolognese, glutenfreies Classic Beef oder auch Thai Chicken Curry, alles gefriergetrocknet und leicht. Wasser gibt es auf der Hütte, und Gaskocher auch. In der Küche zeigt sich, warum die Rucksäcke der Christchurch-Brüder so schwer sind. Sie tragen pro Mann je zwei Flaschen Wein mit sich herum. Was tagsüber ein Fluch sein mag, wird abends zum Segen. Die anderen trinken Tee.

Auch zwei Frauen aus der Dunedin-Gegend nippen an ihren Weingläsern aus Plastik. Sie sind mit ihren beiden Töchtern unterwegs, zehn und elf Jahre alt. "Jammern ist nicht", erklärt eine der Mütter. "Die Mädchen kommen freiwillig mit, sie wissen, dass sie sich dann nicht beschweren dürfen." 800 Höhenmeter haben sie geschafft - ohne zu klagen. Das seien Outdoor-Kinder, sagt eine der Mütter, sie kämen vom Land. Außerdem seien ihrer Rucksäcke nicht schwer gewesen, "nur der eigene Schlafsack und ein bisschen was zu essen". Wie? Die Kinder haben auch ihre Schlafsäcke und Essen herauf getragen? "Ja, aber die Rucksäcke wogen nicht mehr als sieben Kilo oder so."

"Independent Tramping" heißt das in Neuseeland, Wandern mit viel Gepäck. Die Übernachtung im Schlafsaal kostet etwa 30 Euro, man muss selber kochen und morgens auch noch die Küche säubern und den Schlafsaal fegen. John und seine Brüder staunen, als sie erfahren, dass es in den europäischen Alpen Betten in den Hütten gibt.

Keplers Weitblick

Doch der Abend entschädigt für vieles. Der Vollmond hängt verkehrt herum am Himmel, sein Licht überstrahlt das Kreuz des Südens. Weiter südlich kommt nur noch die Antarktis. Johannes Kepler hätte seine Freude daran gehabt, hier die Planetenkonstellationen zu beobachten. Aber der schwäbische Astronom war schon über 200 Jahre tot, als erste Europäer hierher kamen und einen Gebirgszug nach ihm benannten. Die Sommernacht wird klirrend kalt.

Beim Frühstück das hüttenübliche Tütenrascheln, Thermoskannen-Füllen, Toastbrot-Kauen. Auf dem Weg zum Mount Luxmore liegen Kristalle, die aber den Geologie-Professor nicht interessieren würden. Es sind Eiskristalle, sie glitzern in der Sonne, bevor sie sich auflösen.

Die vier Brüder und alle Neuseeländer, die an diesem Morgen von der Luxmore-Hütte losgehen, tragen kurze Hosen. Unerschrocken kämpfen sie sich durch eisigen Wind, streifen mit nackten Beinen an den kratzigen Büscheln des Tussockgrases entlang, stemmen sich gegen den Sturm. Auf die Frage, ob lange Hosen in Neuseeland noch nicht erfunden wurden, sagt John verwundert: "Oh, but it's not cold today". Heute sei es doch nicht kalt.

Auf dem Gipfel angekommen, ducken sich die Brüder hinter ihre riesigen Rucksäcke, weil der Wind so pfeift. Als es anfängt zu hageln, ziehen sie lange Unterhosen an, Long Johns genannt. Zwei der vier Brüder tragen bunt geringelte unter ihren kurzen Hose und stapfen im Pippi-Langstrumpf-Look munter weiter. Die nächste Hütte ist nicht weit.



insgesamt 2 Beiträge
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Paddeljan, 31.05.2011
1. schlecht informiert
Der Kepler Track ist nicht der kürzeste der great walks. Milford, Abel Tasman und Rakiura sind kürzer. Ein einfacher Blick auf die Homepage der great walks hätte schon genügt. Ob der Kepler der einfachste der great walks ist bezweifel ich auch. Sowohl der Abel Tasman und der Milford sind keines wegs schwieriger. Gerade der permanente Anstieg am ersten Tag und der Abstieg am zweiten Tag machen den Kepler Track schon zu einer Herausforderung
karrieristen 31.05.2011
2. Wie die Kiwis im Job drauf sind?
Nun ja. Auf den NZ-Tracks wird geschwitzt wie anderswo, im Job auch. Und da konnten wir ebenfalls viel lernen. Sie tragen die Weite ihrer schönen Natur quasi direkt mit ins Büro. Wie das wohl in Deutschland wäre...(http://www.admirado.de/2011/05/wellington-wind-wellen-und-der-unternehmergeist/)
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