Khao San Road Tüte voller Plastikbuddhas

Kaum eine andere Reiseadresse ist unter Rucksacktouristen bekannter als die Bangkoker Herbergenmeile Khao San Road. Erstreisende und Globetrotter-Routiniers aus aller Welt geben sich hier ein bizarres Stelldichein.

Von Lasse Dudde


Morgens um sechs gibt es in den "Guesthouses" schon Frühstück. "American" mit Scrambled Eggs. "Continental" mit Toast und Marmelade. Oder "Thai Style", was für manchen Neuankömmling noch zu scharf ist.

Nervende "Insekten": Die Bangkoker Tuk-Tuks
Foto: Lasse Dudde

Nervende "Insekten": Die Bangkoker Tuk-Tuks

Man könnte auch Müsli bekommen. Oder Ovomaltine. Einige bestellen sich indes das erste Bier. Oder das letzte: Denn manche sind gerade erst gelandet und kommen aus Amsterdam oder Kopenhagen, wo die Kneipen längst noch nicht ans Schließen denken. Oder aus New York, wo jetzt gerade Lunchtime ist.

Zwischen den Autos auf der Strasse: Die Zeitungsjungs mit der "Bangkok Post" wie jeden Morgen.

Noch kann man atmen. Dabei kommt das Knattern aus allen Himmelsrichtungen. Eigentlich hört er auch nachts nie auf: der notorische Lärm der Tuk-Tuks, einer Art Insekt aus buntem Blech auf drei Rädern. Mit Moped-Motor. Zweitakter.

Stets ist ein Schwarm unterwegs von irgendwo nach nirgendwo, rund um die Uhr. Stechend ist besonders der blaue Dunst, den die Gefährte hinter sich herziehen.

Aus einem Exemplar steigen gerade drei junge Männer aus. Sie kommen direkt vom Fußballspiel in Klein Schwertheim, wo der FC mal wieder verloren hat und wundern sich, dass sie nun plötzlich mitten in der thailändischen Hauptstadt stehen. Und dass der Fahrer des Insektes keine deutsche Mark nimmt.

So stehen die drei da: in blauen Adidas-Jacken und mit dem Fußball unterm Arm. Einer muss gesagt haben: Lasst uns mal zum Airport fahren und die Kohle auf'n Kopp hauen.Ohne Gepäck. Aber mit dem Ball unterm Arm und einem Hundertmarkschein in der Hand. Noch hat keine Bank oder Wechselstube offen, um das Geld zu tauschen für den Tuk-Tuk-Fahrer, der offenkundig allmählich das Gefühl bekommt, hier einem abgekarteten Spiel beizuwohnen.

Verirrt? Die Khao San Road ist vor allem das Revier der Rucksacktouristen
Foto: Lasse Dudde

Verirrt? Die Khao San Road ist vor allem das Revier der Rucksacktouristen

Wer hier anlandet, weiß gewöhnlich ganz genau, wo er sich befindet. Die Khao San Road kennt nicht nur jeder in Bangkok. Die Straße in Fußmarschnähe des Königspalastes ist das unbestrittene Zentrum des internationalen Rucksacktourismus, eine eigene Hauptstadt im Universum der Backpackers.

Wer um die Welt reist, fährt auch nach Asien. Wer nach Asien reist, will auch nach Thailand. Zumeist gelangt man automatisch in die Khao San Road. Denn hier steht die mit 300 Meter Länge größte Jugendherberge der Welt - der schmierig-heiße Asphalt als Lobby einer immer geöffneten Lagerstatt, in der es für wenig Geld so gut wie alles gibt: heruntergekommene Sperrholz-Verschläge mit verstopften Gemeinschaftstoiletten, in denen andere leere Shampooflaschen haben stehen lassen. Zimmer ohne Fenster, dafür gekachelt wie ein gerichtsmedizinisches Labor. Aber billig.

Roll with chicken? Für ein paar Mark in jedem der zumeist im Erdgeschoss eines der unzählbaren Guesthouses befindlichen Restaurants zu haben. Thailändisch, indisch, chinesisch oder indonesisch? Auch die billigen Gerichte schmecken meistens. Papaya, Mangos oder Ananas frisch von der Ernte. Alles vorrätig und im Angebot. Dabei sind offenbar viele Touristen hierher gekommen, um erstens Hamburger und Coca-Cola zu verdauen. Zweitens, um westliche Videofilme zu sehen. Oder um im Internet die Samstagsergebnisse der Bundesliga zu checken. Oder um E-Mails zu verschicken. Tagelang, wochenlang. Tripper, Zahnschmerzen, keine Regel? An der nächsten Straßenecke wartet schon ein passender Arzt.

Bei den vielfältigen "Sonderangeboten" ist erhöhte Vorsicht angeraten
Foto: Lasse Dudde

Bei den vielfältigen "Sonderangeboten" ist erhöhte Vorsicht angeraten

Es soll Reisende geben, die in der Heimat durchaus mit dem geäußerten Vorsatz gestartet sind, der westlichen Konsumgesellschaft zu entfliehen und sich auf eine fremde Kultur einzulassen. Nach drei Tagen erscheint allerdings manchem die günstige Rundumversorgung aus Geldautomat, Wäscherei, Essen, Trinken, Schlafen und Glotzen als wesentlich attraktiver als etwa die Aussicht auf das eigentlich geplante Trekking bei den Bergvölkern im Norden des Landes.

Anderen ist nach zwei weiteren Tagen oder drei langen Monaten in der Khao San Road selbst der Weg zum Flughafen zu weit. Oder schlechterdings nicht mehr finanzierbar. Hin und wieder kommt es vor, dass die Limousine einer westlichen Botschaft vorfährt, um den inzwischen mittel- oder besinnungslosen Landsmann vom Vagabonden-Status zu befreien und gegen eine selbstschuldnerische Unterschrift in den nächsten Flieger Richtung Heimat zu setzen.

Die meisten halten indes länger durch. Denn mit ein paar Travellerschecks oder einer halbwegs gedeckten Kreditkarte kann hier selbst ein zweiter Hilfsgärtner aus Vögelsen den Krösus spielen.

Im Angebot: Falsche Levis-Jeans oder Rayban-Sonnenbrillen, raubkopierte Kassetten und CDs, maßgeschneiderte Seidenanzüge, Perlenschmuck-Fakes, Tätowierungen, Versace-Mode, Rolex-Uhren, thailändische Hunde oder ausgefranste Lonely-Planet-Reiseführer und - SPIEGEL-Exemplare von 1991.

Alles genauso echt wie das Lebemann-Image, dem hier auch nickelbebrillte Psychologiestudenten aus dem Breisgau zu entsprechen suchen.

Hin und wieder mischt sich ein westliches Fernsehteam in den Pulk aus halbnackten Geldgürtelträgern und filmt den ganzen Wahnsinn: lila Frauen aus Bern meditierend bei sengender Hitze, Lärm und Gestank. Arrogante junge Israelis mit schwedischem Wodka in der Hand beim Billardspielen. Halbnackte Briten beim ambulanten Piercing. Australische Zopfmänner bei Preisverhandlungen mit einheimischen Kindfrauen. Japanische Rastas bei der Bedienung einer Wasserpfeife. Däninnen mit einer Tüte voller Plastikbuddhas. Texaner mit einer wassergefüllten Pumpgun in der Hand beim Geldwechseln. Oder drei deutsche Fußballer mit dem Rundleder unterm Arm.

Ab und zu tauchen auch ergraute Eltern mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern auf, um enttäuscht feststellen, dass auch die Khao San Road nicht mehr das ist, was sie zu Zeiten gewesen sein soll, als es noch echte Hippies gab. Und alles noch billiger war.

Nach Jahrzehnten ist die Bangkoker Straße so etwas wie ein Chamäleon. Sie passt sich stets den Erfordernissen des Tages an und bleibt doch immer dieselbe: Was unter den jungen Touristen gerade angesagt ist, gibt es garantiert auch in der Khao San Road.

Man braucht eigentlich nur eine Wechselstube. Und wenigstens eine leise Ahnung, wo man sich gerade befindet.



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