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Tokio in Rosa: Blüten-Hype in Japan

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Tipps für Tokio "Kirschblüten machen Japaner verrückt"

Rosa Reiskuchen, Brot in Form von Kirschblüten und Sake satt: Wenn in Tokio Sakura-Zeit ist, flippen die Japaner aus. Eine Einheimische erklärt den Blüten-Hype und verrät ihre persönlichen Hanami-Tipps.

Nach dem Aufwachen schaltet Misuzu Watanabe den Fernseher an. Dort verkünden Nachrichtensprecher in Sondersendungen die genaue Prozentzahl der Kirschblüten, die in Tokio ihre Knospen geöffnet haben. Dann setzt sich die 64-Jährige auf das Fahrrad und macht schon mal einen ersten Check.

Tagelang haben Experten des japanischen Wetterdienstes den offiziellen Kirschbaum am Yasukuni-Schrein beobachtet. Entdecken sie an seinen Zweigen fünf Blüten, wird in der Megametropole offiziell Sakura ausgerufen, die Kirschblüte - das Startzeichen für Hanami. Das Betrachten und Feiern der Kirschblüten ist ein gesellschaftliches Großereignis.

Wichtiger als der Start aber ist der Zeitpunkt der vollen Blüte. "Kirschblüten machen die Japaner verrückt", sagt Watanabe. "Mich auch."

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Tokio in Rosa: Blüten-Hype in Japan

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Die 150 Jahre alte Bäckerei Kimuraya, die auch den Kaiser beliefert, backt Brot in Form von Kirschblüten. Es gibt rosa Reiskuchen, verziert mit Kirschblüte und eingewickelt in ein grünes Kirschblatt. Tokios ältestes Kaufhaus Mitsukoshi bietet in seiner gigantischen Lebensmittelabteilung kunstvoll aus Zucker gefertigte, fast echt wirkende Blüten. Im Fischmarkt Tsukiji Uogashi liegen neben frischem Wasabi in Plastikfolie verpackte Kirschblüten. "Sie gehören jetzt zur Deko bei jedem Essen", erklärt Watanabe lächelnd.

Tokios schönste Orte zum Kirschblüte-Gucken

Schon morgens stehen die Tokioter am Eingang des berühmten Nationalgartens Shinjuku Gyoen Schlange, um einen der schönsten Plätze unter den vielen Kirschbäumen zu ergattern. Mit blauen Plastikplanen werden Plätze reserviert für die, die erst am Nachmittag kommen können.

Das Nationaltheater hat eine Sakura-Woche ausgerufen und präsentiert seine prächtigen Bäume mit einer vierseitigen Broschüre, in der es um die unterschiedlichen Blütensorten und ihre erwartete Blütezeit geht. Dutzende Mitarbeiterinnen verteilen sie an Besucher.

Schließlich ist Blüte nicht gleich Blüte. Watanabe läuft zur Hochform auf, wenn es um die Pflanzen geht: "Es muss die Somei Yoshino sein - die Fünfblättrige, die Königin. Nicht zu groß und nicht zu klein. Weiß. Nur ein bisschen Rosa." Als würde ein zartes Stück japanisches Papier einen winzigen Tropfen Rosa aufsaugen. Oder ihr flauschiger Schal, den sie zu einem purpurnen Wollmantel trägt.

"Die Japaner sehen ihr symbolisches Leben in der Kirschblüte: das Samurai-Leben. Ein bisschen einfach. Fast weiß - aber sooooo schön", flötet die ehemalige Computer-Ingenieurin mit viel Gefühl. Als Rentnerin wollte sie nicht daheim sitzen. Ihre beiden Töchter sind aus dem Haus. Mit Gleichgesinnten tat sie sich zusammen zur Edo-Tokio-Guide-Gruppe, um Fremden ihre Stadt zu zeigen: "Das bedeutet Spaß für beide Seiten, für mich und meine Gäste."

Vor der britischen Botschaft, die nur einen Katzensprung vom Nationaltheater entfernt liegt, hat 1898 Sir Ernest Satow Kirschbäume gepflanzt. Ein bisschen steif stehen die Diplomaten in ihren dunklen Anzügen und englischen Schuhen unter den unzähligen Blüten und feiern mit Bier in Pappbechern und Gästen Hanami. Bei den japanischen Geschäftsleuten ein paar Schritte weiter geht es lässiger zu. Die Schuhe haben sie fein säuberlich zur Seite gestellt. Auf dem Boden sitzend lassen sie es krachen.

Ihren absoluten Lieblingsplatz steuert Watanabe als Höhepunkt an. Nirgendwo sonst ist die Kirschblüte so schön wie am Chidori-ga-fuchi, dem nördlichen Burggraben des kaiserlichen Palastes. Dort legen sich die Blüten wie Wolken über den steilen grünen Abhang entlang des Wassers. Am anderen Ufer verschmelzen sie zu einem weiß-rosa Himmel, unter dem die Tokioter in Massen pilgern.

Unendlich scheint die Schlange an der Ruderbootanlegestelle. Wer einen exklusiven Blick vom Wasser aus auf das Blütenmeer werfen will, der muss zwei Stunden anstehen. Oben drängen sich die Kirschblütenfans, fotografieren um die Wette, als wollten sie jede einzelne Blüte dokumentieren.

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Kirschblüte rund um die Welt: Pretty in Pink

Foto: KIMIMASA MAYAMA/ EPA-EFE/ REX

Auch Watanabe zückt ihr Handy. Unzählige Fotos hat sie schon gemacht. In diesem Jahr und all die Jahre zuvor. Schließlich ist Sakura für sie und die Japaner auch ein Höhepunkt der Zeitrechnung. "Unsere Erinnerung des Lebens kommt mit der Kirschblüte", erklärt sie. "Das neue Schuljahr beginnt am ersten April. Man wechselt den Job zu dieser Zeit. Zur Hochzeit gibt es Kirschblüten-Tee. Es kommt der Frühling."

"Weitergehen! Nicht stehen bleiben!"

Schon vor mehr als 1200 Jahren, in der Nara-Zeit, hat sich die Tradition des Hanami entwickelt. Seitdem wurden unzählige Geschichten und Gedichte geschrieben. Einer der berühmtesten Dichter ist Basho (1644 bis 1694): "Glockenton verhallt - und schwingt fort im Blütenduft. Abend ist es nun."

Wenn es dunkel wird, kommt Misuzu Watanabe noch einmal an den Burggraben. Der verwandelt sich nun in einen Zauberwald. Scheinwerfer tauchen die Blüten in ein magisches Licht. Nicht einmal die schneidende Stimme der Ordner kann die Schönheit stören. "Weitergehen! Nicht stehen bleiben!" versuchen sie, per Megafon den Strom der Tokioter in die richtige Bahn zu lenken.

Trotzdem findet Watanabe noch einen ruhigen Platz. Aus ihrer Tasche zieht sie eine kleine rosa Thermoskanne und schenkt in Pappbecher heißen Sake ein, den Glühwein der Japaner. "Das ist unsere kleine Hanami-Party", sagt sie.

Die Nächte in Tokio sind noch kalt. Schnell packt sie wieder alles ein. Seit einem Giftanschlag 1995 in der U-Bahn hat die Mega-Metropole alle Mülleimer abgebaut. Jeder nimmt seinen Müll mit nach Hause.

Am nächsten Morgen wird die 64-Jährige wieder den Fernseher anschalten, um den Nachrichten zur Kirschblüte zu lauschen. Bis die Tage kommen, an denen dann alle schauen, wie die Blütenblätter fallen und im Wind tanzen.

Im Video: Made in Tokio - Kunst, Mode und Musik in der Megacity

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Angela Böhm, srt