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Patagonien: Kontroverse am Cerro Torre

Foto: Keystone Features/ Getty Images

Kletterskandal in Patagonien Metalldiebe am Berg

Darf man Hilfshaken an einer historischen Kletterroute entfernen, weil sie den Berg verschandeln? Am weltbekannten Cerro Torre in Argentinien haben zwei junge Alpinisten genau das getan. Jetzt stehen sie im Zentrum einer Kontroverse um Ethik, Umweltschutz und Bergsteigertradition.

Hamburg - Zwei junge Kletterer besteigen eine Felswand. Sie erreichen den Gipfel, steigen wieder ab. Auf dem Rückweg haben sie offenbar noch viel Kraft. Kurzerhand reißen sie mit ihren Eispickeln mehr als hundert alte Bohrhaken aus der Wand, die dort vor Jahrzehnten in den Fels geschlagen wurden und den Alpinisten den Aufstieg erleichterten.

Nach ihrer Rückkehr in das nahegelegene Dorf, wo weitere Bergsteiger einquartiert sind, wird das Duo von Kletterern angegriffen. Die Polizei taucht auf und nimmt die beiden für ein paar Stunden mit auf die Wache. Der Vorfall sorgt in der Szene für Furore. In den folgenden Tagen debattieren wütende Alpinisten weltweit in Internetforen  in Tausenden Beiträgen über die Tat der Jungspunde: Etwa die Hälfte erklärt sie zu Helden, der Rest beschimpft sie als Vandalen.

Die zwei Kletterer heißen Jason Kruk, 24, und Hayden Kennedy, 21. Sie stammen aus Kanada und den Vereinigten Staaten. Die Felswand, die sie so von Haken befreiten, ist der Südostgrat des Cerro Torre in Patagonien, einer der schwierigsten Klettergipfel überhaupt, berühmt für extreme Steilheit und unberechenbare Wetterkapriolen. Noch in den fünfziger Jahren galt der 3128 Meter hohe Granitzacken als nicht besteigbar, "Schrei aus Stein" nannte ihn Bergsteigerlegende Reinhold Messner wegen seiner einzigartigen Form.

Mit der 100-Kilo-Bohrmaschine zum Gipfel

Sind Kruk und Kennedy nun Vandalen oder Helden? Man muss ins Jahr 1970 zurückgehen, um eine Antwort zu finden. Damals schrieb der italienische Bergsteiger Cesare Maestri Alpin-Geschichte, weil er der Erste war, der nachweislich das Gipfelplateau des Cerro Torre erreichte. Dazu wuchtete er eine 100 Kilo schwere kompressorbetriebene Bohrmaschine die Steilwand empor, um mehr als 300 Bohrhaken in die Wand zu schlagen: fingerlange massive Metallschrauben mit einem Ring, an dem er sein Sicherungsseil einhängte. Die Besteigung glich eher einer artistischen Handwerkerleistung als dem, was man sich gemeinhin unter Klettern vorstellt.

Schon damals war die Kompressorroute stark umstritten, noch immer gilt sie als Paradebeispiel für eine übertechnisierte Art des Eroberungskletterns, bei dem die Technik hilft, Wände zu meistern, die sonst nicht zu schaffen wären. Wie ein Mahnmal hängt bis heute die riesige Bohrmaschine des Italieners in der Wand.

"Maestris Handlungen waren eine absolute Gewalttat", schreibt Jason Kruk in einer Erklärung, die auf der Internetseite der US-Fachzeitschrift "Alpinist"  veröffentlicht wurde. "Dass er Bohrhaken und schweres Gerät benutzte, war ein Skandal, selbst in der damaligen Zeit. Die Südostwand wäre auch in den Siebzigern frei zu klettern gewesen, er hat diese Tour zukünftigen Bergsteigern gestohlen." Frei klettern, das bedeutet, dass man sich nur mit Hilfe von Muskelkraft nach oben bewegt, sich also nicht mit Seilschlaufen hochzieht und keine Haken als Tritt verwendet. Das ist die eine Seite in dieser Debatte.

Kletterrouten als Kunstwerke

Denn Hunderte Kletterer sahen und sehen das ganz anders. Sie nutzten Maestris Bohrhaken, als sie sich in den folgenden Jahrzehnten am Cerro Torre versuchten. Für sie bedeuteten die fest verankerten Metallringe eine Lebensversicherung. Auch zahllose berühmte Kletterrouten in den Alpen oder in US-Nationalparks sind mit solchen Hilfen gesichert. Ohne sie wäre es vielen Hobby-Kletterern, die nicht zur Weltelite gehören, nicht möglich, einige besonders reizvolle Touren zu wagen. Viele Bergsteiger verdanken der Stabilität eines vorher angebrachten Bohrhakens ihr Leben.

Außerdem verlangt ein ungeschriebenes Gesetz des Alpinismus, dass niemand Haken auf den Routen anderer entfernt, ohne den Urheber gefragt zu haben. Denn eine spektakuläre Aufstiegslinie am Fels gilt als eine Art Kunstwerk, das auch für andere nacherlebbar sein soll. Ein Kunstwerk wie ein Graffito in der Großstadt, das für manche eine Schönheit ist, für andere eine Verschandelung der Umgebung. Manche Touren sind in die Geschichte eingegangen, auch die Kompressorroute von Maestri, einem der besten Bergsteiger seiner Zeit - trotz oder gerade wegen der berechtigten Kritik an seinem Stil.

Schon seit Jahrzehnten wird in Patagonien debattiert, ob Maestris Bohrhaken entfernt werden sollten. Im Jahr 2007 stimmten 40 argentinische und ausländische Kletterer im Ort El Chalten darüber ab, drei Viertel von ihnen waren dafür, die nun "historischen" Überbleibsel am Berg zu belassen.

Kruk und Kennedy hielt das Votum nicht ab. Sie fragten auch nicht bei Maestri nach, der heute 82 Jahre alt ist und in einem kleinen Ort im norditalienischen Trentino lebt. Sie griffen zur Selbstjustiz. "Die verschiedenen Lager werden immer zu festgefahren sein, um ein gemeinsames Ergebnis zu erreichen", schreibt Kruk. "Wir gehören zur nächsten Generation junger talentierter Alpinisten. Dies ist ein Statement, das andere junge Bergsteiger hören sollen. Jetzt beginnt eine neue Ära für den Cerro Torre".

Nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr schaffte übrigens ein anderer Jungstar der Szene eine Sensation: Der 21-jährige Österreicher David Lama war der Erste, dem eine freie Begehung der Kompressorroute gelang - trotz der nun fehlenden Haken. Jahrelang hatte er sich darauf vorbereitet, war mehrfach gescheitert. Und hatte im Jahr 2009 eine andere große Cerro-Torre-Kontroverse losgetreten. Der Grund: Für sein Kamerateam ließ er neben der geplanten Route Fixseile anbringen und jede Menge neue Bohrhaken in die Wand drillen, die er bei seinem Rückzug nicht entfernte.

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