Blogger aus Bayern Viel reisen, aber nachhaltig - geht das?

Als Lisa Kraft und Maximilian Gierlinger zu ihrer Weltreise starteten, wollten sie aus ihrem Alltag ausbrechen. Die Monate unterwegs veränderten sie - jetzt bloggen sie über umweltbewusstes Reisen.

Zweidiereisen

Eigentlich sollte es für Lisa Kraft und Maximilian Gierlinger, 27 und 28, in wenigen Wochen nach Bali gehen. Sie wollten dem deutschen Herbst entkommen und ihre Lieblingsinsel genießen. Doch dann kam das schlechte Gewissen. Denn den beiden ist klar: Solche Fernreisen sind schädlich für die Umwelt. Immerhin verdienen sie ihr Geld als Reiseblogger und haben sich dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. Manchmal ist dies ein Widerspruch, der schwer aufzulösen ist.

Darüber hatte das Paar sich im Mai 2017 noch keine Gedanken gemacht. Als Kraft und Gierlinger damals zu ihrer Weltreise starteten, wollten sie einfach nur aus ihrem Angestelltenleben ausbrechen, mehr Freizeit haben - und hatten nicht viel Ahnung vom Reisen, schreiben sie auf ihrem Blog. Aber die Monate unterwegs veränderten sie. Sie beobachteten schockiert die Müllberge in Indiens Slums, den Smog in Manila und Tierleid in vielen asiatischen Ländern.

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Zweidiereisen: Bloggen in Sachen Nachhaltigkeit

Auf Bali fiel ihnen der Umgang mit Plastik auf. "Dort herrscht ein ganz anderes Verständnis als bei uns", sagt Kraft. In Supermärkten werde alles dreimal in Plastiktüten verpackt, und es komme nicht selten vor, dass eine Tüte am Körper klebt, wenn man aus dem Meer steigt. "Wenn man dann noch weiß, dass Deutschland einen Großteil seines Mülls in diese Länder exportiert, ist das schon ziemlich schockierend", sagt die ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin.

In Australien entdeckten sie veganes Essen für sich, nahmen Billigjobs als Rikschafahrer und Promoter an - und erlebten, dass sie nicht viel Geld benötigen. "Generell fing ich von diesem Zeitpunkt an, bewusster zu konsumieren", schreibt Lisa Kraft, "Secondhandläden den riesigen Modehäusern vorzuziehen, in Bioläden und regional(er) einzukaufen und mich generell einfach über die kleineren Dinge zu freuen."

Reiseblogger und Influencer

Auch nach ihrer Rückkehr ließ das Reisen Gierlinger und Kraft nicht los - heute sind sie etwa sechs Monate im Jahr unterwegs, die andere Hälfte in der Nähe von München zu Hause. Seit Anfang dieses Jahres begreifen sich die Bayern als Influencer - das heißt, sie promoten auf ihrem Blog "Zweidiereisen" Produkte und Dienstleistungen und werden dafür gesponsert. Sie wollen aber auch darüber aufklären, was Reisende selbst in Sachen Umweltschutz tun können.

Das Reisen genießen und zugleich auf Land und Leute achten - in der Fotostrecke finden Sie zehn Tipps für Ihren nächsten Urlaub:

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Tipps für Reisende: So urlauben Sie grüner

Bisher spielt Nachhaltigkeit für die Mehrheit der deutschen Urlauber beim tatsächlichen Reiseverlauf nur eine geringe Rolle. Das hat die Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V für 2018 gezeigt. Nur sehr wenige kompensierten CO2 oder achteten auf Umweltzeichen wie Tourcert oder Greenglobe, zugleich erreichte die Zahl der Auslandsreisen eine Rekordhöhe.

"Gefühlt fahren jetzt viele noch einmal ins weit entfernte Ausland, weil das Ansehen von Fernreisen immer schlechter und die Flugscham größer wird", sagt Hartmut Rein, Professor für nachhaltigen Tourismus an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Wie groß der Effekt der Diskussionen um die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg auf das Reiseverhalten der Deutschen sein wird, lasse sich noch nicht absehen.

Seife statt Duschgel, Holzbestecke statt Plastik

Noch sehr unübersichtlich sind nach Einschätzungen des Experten die Informationen, die Touristen bei der Reiseplanung einbeziehen können. "Es gibt immer noch relativ wenige Plattformen und Infos, wie man nachhaltig reisen kann. Das ändert sich zum Glück langsam", sagt Rein. Helfen könnte da vielleicht ein Blog wie "Zweidiereisen", der mit seinen posierenden Pärchenfotos auch über Instagram Leser findet und positives Feedback für die praktischen Tipps bekommt.

Lisa Kraft und Maximilian Gierlinger achten möglichst schon beim Packen auf einige Basics - egal, wo der Urlaub hingeht:

  • "Wir haben zum Beispiel immer unsere eigene Trinkflasche oder Holzbesteck dabei, um Einwegplastik zu vermeiden", sagt Maximilan Gierlinger.
  • Statt Duschgel nehmen sie eigene Seifen mit und informieren sich vorher über die Möglichkeiten des jeweiligen Reiseziels.
  • "Wir suchen uns vorab nachhaltige Hotels oder vegane Restaurants heraus oder kaufen auf lokalen Märkten ein", sagt der gelernte Einzelhandelskaufmann.
  • Ein No-Go sei für die beiden Tourismus mit Tieren, wie Ausritte auf Elefanten oder Haifütterungen für Reisende. "Denn auch der artgerechte Umgang zählt für uns zum Thema Nachhaltigkeit", sagt Gierlinger.

Zur Recherche im Vorfeld des Urlaubs rät auch Rein. Wer eine Fernreise plant, sollte neben der angemessenen Dauer auch darauf achten, dass das Geld möglichst den Einheimischen zugutekommt, sagt der Experte. "Das betrifft vor allem Hotels und einheimische Restaurants, denn ansonsten landet das Geld anschließend bei internationalen Konzernen und nicht in der Region."

Statt nach Bali reisen die beiden ab Oktober durch Frankreich, Spanien und Portugal - per Zug. "Wir versuchen schon seit einiger Zeit, langsamer und regionaler zu reisen", sagt Lisa Kraft. Wenn möglich, steigen die beiden auf Alternativen zum Flugzeug um und teilen vermehrt Ziele in der näheren Umgebung mit ihren Followern. Sie waren in Amsterdam, der Schweiz, aber auch in ihrer Heimat Bayern. "Das hat uns verdeutlicht, dass Abenteuer genauso vor der eigenen Tür stattfinden können", sagt Kraft.

"Reisen hat etwas mit Weiterbildung zu tun"

Auf Fernreisen verzichten sie aber auch künftig nicht. Seine Indonesien-Reise hat das Paar nicht abgesagt, sondern nur verschoben. Allerdings plant es nun bewusster und schließt den Aufenthalt auf Bali an einen in Thailand an, der für Februar geplant ist. Damit wollen sie Langstreckenflüge sparen, sagen die beiden. Außerdem, sagt Gierlinger, "ist Reisen für mich auch etwas Kulturelles. Wir würden nie einfach zum Shoppen nach New York fliegen oder für einen Strandurlaub nach Asien. Reisen hat für uns immer etwas mit Weiterbildung zu tun."

Und so verstehen sie auch ihren Blog: "Es gibt Menschen, die einige Regionen der Erde nie selbst zu Gesicht bekommen werden. Wir wollen sie an diese Orte mitnehmen und sorgen damit vielleicht dafür, dass einige ihre vorgefertigte Meinung noch einmal überdenken", sagt Kraft. So war Gierlinger vor Kurzem für einige Wochen in Pakistan. "Über das Land gibt es viele Vorurteile, und ich wollte zeigen, wie schön es wirklich aussieht", sagt er.

Lisa Kraft und Maximilian Gierlinger arbeiten für ihren Blog mit Reiseveranstaltern, Tourismuszentralen und Ausstattern zusammen. Gelegentlich erreichen sie auch Vorschläge, die sie ablehnen: "Wir versuchen, das kritisch zu hinterfragen. Einige Angebote grenzen an Greenwashing", sagt Kraft.

Sie wissen, dass auch sie sich oft auf einem schmalen Grat bewegen. "Kein Mensch wird je zu hundert Prozent klimaneutral leben, das ist utopisch. Trotzdem sollten wir uns einfach anstrengen und das Bestmögliche versuchen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wird Hartmut Rein als Verfasser der F.U.R.-Reiseanalyse bezeichnet. Dies ist nicht richtig, wir haben es korrigiert.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
napoleonwilson 19.09.2019
1. Plastik....
Egal ob Indonesien Indien Sri Lanka ect. In diesen Ländern haben die Menschen andere Probleme als das Klima und Microplastik ect. Dort haben Sie das Problem, das Sie nicht wissen, wie Sie sich am nächsten Tag ernähren sollen. Keinerlei Schulbildung ect. Dort schlafen die Menschen auf der Strasse und besitzen nur das, was Sie am Körper tragen. Fragen Sie so einen Menschen als satter Europäer mal nach vegan und klimaneutral. Dort kippen die Menschen den Müll in den Fluss. Weil Sie keine andere Möglichkeiten haben. Und es dort auch niemanden interessiert. Dort ist es wichtig, das man nicht verhungert.Haben die Influencer das nicht wahrgenommen ? Weshalb wurde über diesen Sachverhalt nicht angemessen berichtet ? Wahrscheinlich ist, das die Wahrheit keine Klicks bringt. Und hier sowieso keinen interessiert. Wichtig ist das Klima. Und Greta.
ratx 19.09.2019
2. Reisen ist Luxus und Egoismus
Reisen kann nicht nachhaltig sein. Man bilde sich Mal dazu fort, was "Nachhaltigkeit" bedeutet und woher der Begriff stammt. Es gibt sicher auch dazu blogs. Wenn das Paar also reisen möchte, gut. Wenn sie dabei versuchen, trotz allem Verbrauch von Ressourcen dies sparsam und bewusst zu tun, um so besser. Aber bitte dann ohne diese Belehrungen und den vorgeschobenen Altruismus....
Flauschie 19.09.2019
3. Echt jetzt?
Wenn die beiden Reisen zu Ihrem Beruf gemacht haben, dann sollten sie bitte mal Ihre CO2 Bilanz aufstellen und in solche Artikel posten. Der Durchschnitt liegt in D bei 9t CO2/Jahr. Als Reiseblogge/-influencer kommt man kaum unter 30t CO2/Jahr durch wuerde ich mal vermuten. Es ist ja Ok, wenn man reist, aber man sollte nicht rumheucheln.
hans-rai 19.09.2019
4. Und wen beeinflussen sie wirklich?
Es gibt das alles schon ganz lange - man denke nur an "forum anders reisen". Und es mag ja auch lobenswert sein, wenn die beiden Dauerreisenden dabei darauf achten, möglichst wenig umweltschädlich unterwegs zu sein. Aber wen beeinflussen sie dabei wirklich? "Friday for future" zeigt Wirkung, auch in der Tourismusbranche sind sie alle plötzlich "GRÜN", "NACHHALTIG", "ÖKOLOGISCH" usw., usw. Neue Labels kommen auf den Markt wie Hochwasser, die alle anbieten, das jeweilige Objekt, Hotel oder ihre "Kochkünste" zu "ZERTIFIZIEREN". Aber natürlich alles im Rahmen …"zur Minimierung unternehmerischer Risiken", wie GreenSign philosophiert. Wer also nicht "GRÜN" zertifiziert ist, droht vermutlich, pleite zu gehen. Und dabei ist es doch so einfach: "Grünes Reisen" gibt es nicht! Also nicht auf die neuen vollmundigen Werbesprüche der Branche hereinfallen und genau prüfen, worauf man sich einlässt. Ob die beiden dafür einen Beitrag leisten, schön wäre es.
themistokles 19.09.2019
5.
Zitat von napoleonwilsonEgal ob Indonesien Indien Sri Lanka ect. In diesen Ländern haben die Menschen andere Probleme als das Klima und Microplastik ect. Dort haben Sie das Problem, das Sie nicht wissen, wie Sie sich am nächsten Tag ernähren sollen. Keinerlei Schulbildung ect. Dort schlafen die Menschen auf der Strasse und besitzen nur das, was Sie am Körper tragen. Fragen Sie so einen Menschen als satter Europäer mal nach vegan und klimaneutral. Dort kippen die Menschen den Müll in den Fluss. Weil Sie keine andere Möglichkeiten haben. Und es dort auch niemanden interessiert. Dort ist es wichtig, das man nicht verhungert.Haben die Influencer das nicht wahrgenommen ? Weshalb wurde über diesen Sachverhalt nicht angemessen berichtet ? Wahrscheinlich ist, das die Wahrheit keine Klicks bringt. Und hier sowieso keinen interessiert. Wichtig ist das Klima. Und Greta.
Ähm... Ja, die Menschen dort haben andere Probleme als wir hier. Aber weder in Indien noch in Indonesien oder Sri Lanka schlafen alle Menschen auf der Straße oder sind knapp vor dem verhungern. Ja, es gibt viele soziale Probleme, gerade in den ländlichen Bereichen. Daneben gibt es aber auch große Städte mit einigermaßen wohlhabenden Menschen und guter Bildung. Aber ihr letzter Satz entlarvt Sie eigentlich schon...
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