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Ko Phi Phi: Feuertanz und Flatrate-Saufen

Foto: Janosch Siepen

Ko Phi Phi in Thailand Nichts Neues nach dem Tsunami

Thomas ist ein deutscher Tourist und will am tropischen Strand nur feiern. Shila ist Prostituierte und wartet auf Kundschaft. Was sie verbindet? Man könnte sagen, die gleiche Trostlosigkeit.
Von Janosch Siepen

Thomas*, 20, wischt sich den Schweiß von der Stirn und klopft sich den Sand von den Beinen. Gerade hat ihn ein Thai in Rückenlage auf den Oberschenkeln unter einer brennenden Stange hindurchgetragen. Der nächste Tourist steht schon für den Feuerlimbo bereit. Die Boxen dröhnen, Menschen tanzen, jubeln.

Es ist ein ganz normaler Abend am Loh Dalum Beach auf Ko Phi Phi vor Südthailand. Wenn die Sonne untergegangen ist und die Familien verschwunden sind, kommen die Feierwütigen. Dann wird aus dem ruhigen und idyllischen Strand ein Partymekka. "Das Meer, der Mond, die Outdoor-Disco. Alle Leute sind gut drauf. Einfach ansteckend, man ist im Feierrausch", sagt Thomas. "Das ist schon einzigartig."

Nach dem Abitur ging er zum Work-and-Travel nach Neuseeland, dann kam er nach Thailand. Er ist ein eher ruhiger Typ, stammt aus einem Dorf in der Nähe von Köln. Hin und wieder darf's allerdings auch mal ein bisschen Party sein. Und wenn nicht in Thailand auf einer der berühmten Strandfeten, wo dann?

Abhängen, feiern, die Zeit ausnutzen, bevor in Deutschland die Ausbildung und damit wieder der Alltag beginnt - doch an diesem Abend ist das alles noch weit weg. "Ich fühle mich hier nicht fremd. Ich bin gerade erst angekommen, aber schon direkt mittendrin." Ein Freund kommt angelaufen und nimmt ihn mit.

Feuerlimbo am Loh Dalum Beach: Thomas auf den Knien eines Thailänders

Feuerlimbo am Loh Dalum Beach: Thomas auf den Knien eines Thailänders

Foto: Janosch Siepen

Einige hundert Meter entfernt sitzt eine kleine Frau auf den Stufen eines Massagesalons. Der Laden liegt an einem kleinen Weg mit spärlicher Beleuchtung. Links ein Supermarkt, gegenüber auch. Daneben eine Pension. Manchmal kommt ein Tourist vorbei. Dann formt sie eine halbgeöffnete Faust und bewegt diese auf und ab. Shila* ist eine der knapp zwei Millionen Prostituierten Thailands. Die meisten Freier sind Touristen. Offiziell ist ihre Arbeit verboten, doch der Sextourismus ist eine gute Einnahmequelle.

Mittlerweile blinkt der gesamte Loh Dalum Beach im Rhythmus der Bässe. Thomas geht zur Bar Slinky. Er will sich einen "Bucket" kaufen. So heißen die kleinen Eimer, gefüllt mit Wodka und Fruchtsäften. "Hier laufen alle damit herum, ich will das auch probieren." Er legt 400 Baht auf den Tresen, umgerechnet rund zehn Euro. Dann verschwindet er wieder in dem tanzenden Pulk.

Zehn Jahre nach dem Tsunami

Nach der Tsunamikatastrophe, bei der im Dezember 2004 hier mehr als 800 Menschen starben, wollte man einen "sanften", umweltschonenden Tourismus etablieren - alles anders machen als vorher. Jetzt kommen jährlich Hunderttausende Reisende, unzählige Betonhotels werden gebaut, Dutzende Shops und Reisebüros säumen die Straßen. 25 Tonnen Müll fallen täglich auf Ko Phi Phi an.

Die guten Vorsätze von früher sind vergessen, die Tsunamikatastrophe sowieso. Stattdessen gibt man sich dem Rausch hin. Am Strand beginnen die Feuerkünstler ihr Schauspiel. Brennende Ringe werden aufgestellt, durch die die Touristen hindurchspringen. "Feuertanz und Flatrate-Saufen" nennt Thomas das. Auf einem Pfahl posiert ein Thailänder. Aus den Bars plärrt Musik über den Strand hinweg hinaus auf das Meer.

Alles wie gehabt: Ein Paradies für Partytouristen

Alles wie gehabt: Ein Paradies für Partytouristen

Foto: SAKCHAI LALIT/ AP

Als die Welle kam, war Shila nicht auf Ko Phi Phi - sie arbeitet erst seit fünf Jahren in dem Massagesalon. Ihre Heimat ist Isan, der Nordosten Thailands. Es ist der ärmste Teil des Landes. Shila will auf der Insel östlich von Phuket Geld verdienen. Ein paar Dutzend Euro bekommt sie für ihre Dienste. Je nachdem, was der Freier verlangt.

Zu Shila kommt an diesem Abend kaum jemand. Vielleicht ist es das Alter. Sie ist jetzt 45 Jahre alt. Eine zierliche Frau, die sich eine weise Gutmütigkeit bewahrt hat. Manchmal kümmert sie sich um Betrunkene. Gibt ihnen Wasser, hilft ihnen, den Weg ins Hotel zu finden.

Shila selbst hat drei Kinder. Deren Vater? "Seit 20 oder 30 Jahren nicht gesehen." Ihre Söhne wohnen auf Phuket und in Bangkok, die Tochter in Europa. Sie schlägt ein Fotoalbum auf - darin sind Bilder ihrer Kinder. Ob sie glücklich sei? Shila lächelt. Dann nickt sie.

Thomas muss auf die Toilette. Der 20-Jährige hat seinen zweiten "Bucket" geleert und ist mittlerweile angetrunken. Am Eingang hält ein junger Thailänder für die Touristen Klopapier bereit. Er dreht seine Hand um und zeigt einen Joint. Auf Drogenbesitz stehen in Thailand hohe Gefängnisstrafen. Der Junge ist 12, vielleicht 13 Jahre alt.

Neben Shila im Massagesalon wartet Pa. Sie ist 19, etwa so alt wie Thomas, und ebenfalls Prostituierte. Pa findet das nicht ungewöhnlich: "In Thailand sind 19 Jahre nicht jung." Sie macht ein paar obszöne Gesten und kichert. Dann geht sie hinaus. "In die Stadt, um Billard spielen zu lernen."

Shila bleibt. Einer muss im Laden bleiben. Manchmal geht auch Shila abends in die Stadt oder ins Slinky. Dort tanzt sie oder singt. Doch heute Abend muss sie arbeiten, Geld verdienen, sie will endlich die Familie im Norden besuchen können. Also setzt sie sich wieder auf die Stufen.

Thomas steht auf. Er hatte sich vor einem Supermarkt ausgeruht. Die Party war anstrengend, die Menschen, die Musik, der Alkohol. Thomas hat keine Lust mehr. Er ist müde, betrunken, er will zurück ins Hotel. Der Weg dorthin führt an Shilas Salon vorbei.

Shila sieht ihn kommen, macht ihre Gesten. Vielleicht ein Kunde? Ein gutes Geschäft? Wird es doch noch ein guter Abend? Thomas geht vorbei. Shila wartet weiter. Dann steht auch sie auf, geht hinein in den Massagesalon und macht Feierabend. Die Sonne geht bald auf.

*Namen von der Redaktion geändert.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir Schätzungen zur Zahl deutscher Sextouristen in Thailand mit jährlich 400.000 wiedergegeben. Dies ist nicht richtig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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