Kreative Isländer "Not bringt einer nackten Frau das Spinnen bei"

Was den Isländern immer wieder aus Krisen hilft, ist ihre extreme Flexibilität: So plant eine Kriminologin U-Boot-Touren für Urlauber - und auch der erfolgreichste Dramatiker des Landes ist sich für einen Touristenführer-Job nicht zu schade.

Henryk M. Broder

Aus Island berichtet Henryk M. Broder


Hansina Einarsdottir hat ihre Idylle am Walfjord, eine halbe Autostunde nördlich von Reykjavik, gefunden. Es ist ein altes Landschulheim, das sie Ende der neunziger Jahre mit ein paar Freunden gekauft hat, die wie sie "aus der Stadt raus" wollten. "Es war eine verrückte Idee, wir hatten keine Ahnung, worauf wir uns einließen."

Die Landkommune kam nicht zustande, das Haus stand jahrelang leer. Bis Hansina, die an der Universität von Oslo einen Master in Business Administration und einen Doktor in Kriminologie gemacht hatte, die Sache in die Hand nahm. Sie zahlte ihre Freunde aus, suchte sich "stille Teilhaber" und baute das ehemalige Landschulheim so um, wie sich Städter einen komfortablen Bauernhof vorstellen.

Das Glymur, benannt nach einem Wasserfall in der Nähe, sprach sich vor allem bei japanischen Europa-Touristen herum, die im Hot Pot sitzen und die Aussicht über den Walfjord genießen wollten - als wären sie im Kino und würden sich einen Film über Island ansehen.

Dann kam die Krise und die Japaner blieben weg. "Sie hatten die Demos im Fernsehen gesehen und dachten, bei uns ginge es drunter und drüber." Hansina beschloss, "den Sommer 2009 zu überspringen". Sie nutzte die Zeit für Reparaturarbeiten. Heuer wirbt sie um Gäste aus Reykjavik, für die Auslandsreisen zu teuer geworden sind.

Zum Glymur gehört auch eine kleine Kirche, in der junge Paare heiraten können; im Herbst will Hansina Workshops über isländische Küche, Geologie und Liedermachen anbieten. Und für das nächste Jahr hat sie sich einen Super-Scoop ausgedacht. Ein gelbes Mini-U-Boot, mit dem ihre Gäste im Walfjord tauchen können. Denn: "Die Not bringt einer nackten Frau das Spinnen bei."

"Wir haben schon Schlimmeres überlebt"

Die Art, wie die Isländer mit den Folgen der Finanzkrise von 2008 umgehen, macht den Nachkommen der Wikinger alle Ehre. Andere Völker wären in Panik oder Depression gefallen, die Isländer halten kurz die Luft an, nehmen Anlauf und springen über den Abgrund. Was ihnen dabei hilft, ist ihre eigene katastrophenreiche Geschichte.

Jedes isländische Kind weiß, noch bevor es in die Schule kommt, dass im Juni 1783 der Lakikrater explodierte. Der schwerste und folgenreichste Vulkanausbruch der Neuzeit dauerte neun Monate, verwüstete einen großen Teil der Insel und kostete 10.000 Isländer, ein Fünftel der Bevölkerung, das Leben. In ganz Europa kam es in den folgenden Jahren zu Missernten und sozialen Unruhen, die in der Französischen Revolution von 1789 gipfelten.

Gemessen daran, waren die Finanzkrise von 2008 und der Ausbruch des Eyjafjallajökull in diesem Jahr nur Fußnoten in der isländischen Geschichte. "Wir haben schon Schlimmeres überlebt", ist ein Satz, den man in diesen Tagen ständig und überall zu hören bekommt. Was den Isländern zudem hilft, mit den Nachbeben der Krise fertig zu werden, sind intakte familiäre Strukturen, eine positive Einstellung zur Arbeit und - extreme Flexibilität. Den Job zu wechseln, etwas Neues anzufangen ist so normal wie ein Bad in einem der vielen Hot Pots der Insel.

Regisseur als Touristenführer

Kaum vorstellbar, dass Künstler wie Ben Becker oder Claus Peymann in ihrer spielfreien Zeit Touristen durch den Westerwald oder das Riesengebirge führen würden, um ihnen Geschichten vom Räuber Hotzenplotz oder Rübezahl zu erzählen.

Kjartan Ragnarsson war sich für eine Arbeit als Tour Guide nicht zu schade. Er hat jeden Sommer Touristen zu Pferde an die Schauplätze der Egil-Saga begleitet, rund um den Ort Borgarnes, nördlich von Reykjavik. Erstens, weil er auf das Zusatzeinkommen angewiesen war, zweitens, weil ihm die Arbeit Spaß machte. "Das war meine Wanderbühne."

Ragnarsson, 1945 in Reykjavik geboren, ist der bekannteste und erfolgreichste isländische Dramatiker und Regisseur. Er hat drei Dutzend Theaterstücke geschrieben beziehungsweise für die Bühne adaptiert, darunter auch Romane von Halldor Laxness. Zuletzt hat er 2009 den "Besuch der alten Dame" am Reykjaviker Stadttheater inszeniert.

Da war er freilich schon seit drei Jahren Direktor des Settlement Centre in Borgranes. Und das kam so: "Ich saß auf einem Pferd, erzählte die Egil-Saga, und plötzlich hörte ich eine Stimme, die mir sagte: Kjartan, das geht auch anders!"

Es muss, vermutet Ragnarsson, Egil selbst gewesen sein, Hauptfigur der gleichnamigen Saga, Sohn eines Wikingers und ein Raufbold, der im Alter von sieben Jahren einen Widersacher mit der Axt erschlug. "Die Sagas", sagt Ragnarsson, "sind für uns das, was die Geschichten aus dem Wilden Westen für die Amerikaner sind", nur viel älter und noch blutiger. Sie spielen im 9. und 10. Jahrhundert, zu der Zeit, als Island besiedelt wurde. Die Sagas wurden aber erst später, im 13. Jahrhundert, niedergeschrieben.

Grüne Lagune im Hochland

Statt also die Egil-Saga immer wieder aufzusagen, schlug Ragnarsson den Stadtvätern von Borgarnes vor, in einem verlassenen alten Haus ein historisches Zentrum einzurichten, in dem die Geschichte der Besiedlung Islands im Allgemeinen und die des Saga-Helden Egil im Besonderen erzählt werden sollte.

Die Stadtväter waren begeistert, zumal Kjartan Investoren mitbrachte, die bereit waren, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Jetzt kann das kleine Borgarnes am Borgafjord (2000 Einwohner) gleich mit drei Attraktionen auftrumpfen: zwei multimediale Ausstellungen, die den Besucher in die "Landnahmezeit" entführen, und "das beste Restaurant in der Gegend, weil es auch das Einzige ist". Mit den Gewinnen aus dem Restaurant- und einem Theaterbetrieb werden die Anlaufkosten der Ausstellungen abbezahlt.

Und so kommen Kjartan Ragnarsson und seine 17 Mitarbeiter gut über die Runden. So gut, dass der Boss schon etwas Neues plant. Eine "grüne Lagune in historischer Umgebung", im Hochland östlich von Borgarnes. Sie soll 2013 eröffnet werden.

Zwei Investoren, Isländer, die ihr Geld in Japan und Südamerika gemacht haben, hat Kjartan schon gefunden.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
thomas bode 09.06.2010
1. Jedem Arbeitslosen sein U-Boot
Was sagt uns der Artikel ? Wieder mal dass "wir nicht so jammern sollen sondern uns ein Vorbild nehmen an tatkräftigen Völkern wie den Isländern, den Amis sowieso, auch wenn die hier vielleicht nicht erwähnt werden... Diese Art oberflächlicher Behandlung zentraler gesellschaftlicher Themen und Probleme, besserwisserisch und gleichzeitig ach so humorvoll, fällt nur jemanden ein der so arriviert ist dass ihm der existentielle Horror von Menschen an der Armutsgrenze überhaupt nicht mehr nachvollziehbar ist. Sollen die doch Kochbücher schreiben für das Mini-Budget mit dem die Familie durchgebracht werden muss, sollen sie mit U-Booten im Main Touristentouren durchführen, usw...
Ylex 09.06.2010
2. Hmh...
Hmh... wirkt routiniert zusammengeschrieben, dieser Artikel - erinnert mich irgendwie an Readers Digest. Aber ganz lustig, was die Isländer so treiben.
archie, 09.06.2010
3. Virtuelle Krisen
Zitat von thomas bodeWas sagt uns der Artikel ? Wieder mal dass "wir nicht so jammern sollen sondern uns ein Vorbild nehmen an tatkräftigen Völkern wie den Isländern, den Amis sowieso, auch wenn die hier vielleicht nicht erwähnt werden... Diese Art oberflächlicher Behandlung zentraler gesellschaftlicher Themen und Probleme, besserwisserisch und gleichzeitig ach so humorvoll, fällt nur jemanden ein der so arriviert ist dass ihm der existentielle Horror von Menschen an der Armutsgrenze überhaupt nicht mehr nachvollziehbar ist. Sollen die doch Kochbücher schreiben für das Mini-Budget mit dem die Familie durchgebracht werden muss, sollen sie mit U-Booten im Main Touristentouren durchführen, usw...
Wir jammern doch gar nicht. Wenn ich weder Zeitung lesen noch fernsehen würde, hätte ich von all den Krisen, von Schweinegrippe über Flugasche bis zur Finanzkrise, überhaupt nichts mitgekriegt. Findet das alles eigentlich nur in den Medien statt?
therealstevemcqueen 09.06.2010
4. Arsch hoch!
Zitat von thomas bodeWas sagt uns der Artikel ? Wieder mal dass "wir nicht so jammern sollen sondern uns ein Vorbild nehmen an tatkräftigen Völkern wie den Isländern, den Amis sowieso, auch wenn die hier vielleicht nicht erwähnt werden... Diese Art oberflächlicher Behandlung zentraler gesellschaftlicher Themen und Probleme, besserwisserisch und gleichzeitig ach so humorvoll, fällt nur jemanden ein der so arriviert ist dass ihm der existentielle Horror von Menschen an der Armutsgrenze überhaupt nicht mehr nachvollziehbar ist. Sollen die doch Kochbücher schreiben für das Mini-Budget mit dem die Familie durchgebracht werden muss, sollen sie mit U-Booten im Main Touristentouren durchführen, usw...
Genau das, Herr Bode. Und das ist auch richtig so. Weil man das dauernde Gejammere wirklich mehr hören kann. Arsch hoch kriegen, das wäre mal was!
Katrine 09.06.2010
5. Sehr gut!
Danke für die guten Nachrichten aus Island! Sehr symphatisch sind mir diese findigen und optimistischen Menschen!
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