Kreuzfahrthafen Ushuaia in Südargentinien: Ausgangspunkt für Antarktisreisen
Kreuzfahrthafen Ushuaia in Südargentinien: Ausgangspunkt für Antarktisreisen
Foto: Natalie Tepper/ Arcaid Images / IMAGO

Hapag-Lloyd Cruises Kreuzfahrtpassagiere müssen in Quarantänehotel für 650 Dollar – am Tag

Dreifach geimpft und ab in die Antarktis auf ein Luxusschiff von Hapag-Lloyd Cruises: So hatte sich ein Paar eine 45.000 Euro teure Hochzeitsjubiläumsreise vorgestellt. Stattdessen gibts kalten Kaffee aus Plastikgeschirr.
Von Antje Blinda

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Hans-Peter V. sitzt in seinem Hotelzimmer, in der Nähe des Hafens von Ushuaia. »Vorhin hat es getutet«, sagt der 71-Jährige am Telefon, »vielleicht legen sie jetzt ab. Vielleicht machen sie ja einen Ausflug.« Er und seine 60-jährige Frau wären jetzt gern an Bord, auf der »Hanseatic Nature«. Das Luxusexpeditionsschiff hätte schon vor drei Tagen von der Südspitze Südamerikas aus zu einer Rundreise in die Antarktis aufbrechen sollen.

Mehrfach waren von ihnen gebuchte Fahrten von der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Cruises abgesagt worden: aufgrund von Corona. Jetzt sollte es klappen, »endlich, ein paar Tage vor unserem zehnten Hochzeitstag, konnten wir auf eine besondere Reise in einer besonders luxuriösen Schiffskabine gehen«, sagt V., ein deutscher Ökonom, der in der Schweiz lebt. Offiziell habe der Preis für die zwölftägige Fahrt 44.980 Euro betragen. Jetzt sitzt das Paar statt in seiner 70 Quadratmeter großen Grand Suite in einem einfachen Hotelzimmer: wegen Corona. Hans-Peter V. ist positiv getestet worden.

Und er ist wütend. Von seinem Reiseveranstalter, der Reederei, fühlt er sich hier, am sogenannten Ende der Welt, sitzen gelassen, »entsorgt«, wie er sagt. Er sowie seine Frau seien dreifach geimpft, doch bei dem obligatorischen Test vor dem Boarding ist bei ihm eine Coronainfektion festgestellt worden. Inzwischen habe er leichte Symptome, sagt er mit deutlich belegter Stimme. Seine Frau hingegen sei auch gestern wieder negativ getestet worden. Sieben Tage Quarantäne müssen die beiden nun in dem Hotel am Hafen einhalten. Das habe er gegoogelt. Von seinen Ansprechpartnern bei Hapag-Lloyd hätte er die richtige Info erst nach Tagen bekommen.

Gestrandet in der Fremde

»Mit Coronafällen an Bord hat die verzögerte Abfahrt der ›Hanseatic Nature‹ nichts zu tun«, sagt die Pressesprecherin von Hapag-Lloyd Cruises, Karen Schmidt, »sondern mit Wartungsarbeiten.« Erst seien Facharbeiter vor Betreten des Schiffes positiv getestet worden, und die Crew habe auf Ersatz warten müssen. Dann mussten die Inspektoren für die finale Abnahme aus Buenos Aires anreisen. Inzwischen habe die Reise gen Weddellmeer und zu Adelie-, Esels- und Goldschopfpinguinen begonnen. Die »Hanseatic Nature« hat ohne die V.s abgelegt, die nur noch das Schiffshorn hören durften.

»Hanseatic Nature«: Im Mai 2019 in den Dienst gestellt, nimmt das Luxusexpeditionsschiff 199 Gäste mit in die Antarktis

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Foto: Andre Lenthe Fotografie / imago images/Andre Lenthe

Coronainfektionen unter Passagieren und Crewmitgliedern bereiten der Branche in diesen Tagen immer wieder Probleme, Fahrten mussten abgesagt werden, Gäste vor einer Heimreise tagelang in Häfen ausharren. Auch Hapag-Lloyd Cruises hat Reisen über Silvester mit der »Europa« und der »Europa 2« bei Fahrten über Dubai abbrechen oder umplanen müssen. Die US-Gesundheitsbehörde überwacht laut der »Washington Post« zurzeit mehr als 60 Kreuzfahrtschiffe mit Coronainfizierten an Bord.

Was ist aber mit Urlaubern, die sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mit dem Coronavirus infiziert haben und in der Fremde von Bord müssen oder – wie die V.s – gar nicht erst an Bord kamen?

Hans-Peter V. und seine Frau waren nach zwei Wochen Buenos Aires mit einem etwa vierstündigen Sonderflug der Reederei nach Ushuaia gelangt. Schon vor Abreise in Deutschland, so die Einreisebedingungen Argentiniens, hatten sie einen PCR-Test durchgeführt. In einem Hotel am Kreuzfahrthafen wurden ihnen mittags erneut Abstriche für einen Test entnommen, anschließend gab es ein Mittagessen mit anderen Gästen am Tisch.

Der Schock kam um 15 Uhr: Das Testergebnis des Ehemanns war positiv. Auch ein Kontrolltest brachte einen positiven Bescheid. Und dann? Warteten die beiden stundenlang in einem abgesonderten Bereich, so V., niemand habe ihnen sagen können, was passieren wird. Die Antwort auf ihre WhatsApp-Anfragen immer die gleiche: Warten Sie ab. Gegen 19.30 Uhr verließen die Hapag-Lloyd-Mitarbeiter das Hotel und somit die V.s. Gegen 23 Uhr erschien eine Taxifahrerin mit ihren Pässen und Koffern und lud sie ohne Angabe des Ziels ein.

Doppelzimmer im Quarantäne-Hotel: Eingeschlossen für sieben Tage

Doppelzimmer im Quarantäne-Hotel: Eingeschlossen für sieben Tage

Foto: privat

In einem Quarantänehotel wurde den V.s beim Check-in sofort der Zimmerpreis für sieben Tage abverlangt, Hans-Peter V. musste per Telefon aus einem Nebenzimmer die Transaktion regeln: »650 Dollar pro Nacht und Zahlung nur per Kreditkarte möglich.« V. zahlte. Und wartet seitdem, dass sich jemand von der Reederei angemessen kümmert. »Wir dürfen nicht vor die Tür«, sagt V. Die Mahlzeiten würden vor der Tür abgestellt. »Morgens war der Kaffee kalt. Mittags das Essen. Das Essen besteht aus Zucker und poliertem Weizen – ungesund.« Das Zimmer: einfach. Masken und Desinfektionsmittel: nicht vorhanden.

Was ist, wenn auch Frau V. positiv wird?

Die Kommunikation zwischen den V.s und Hapag-Lloyd Cruises ist mühsam. Der 71-Jährige ist enttäuscht von den E-Mails aus Hamburg – und dass seine Betreuung nicht von der Zentrale übernommen wird: »Hapag-Lloyd hatte uns an externe Dienstleister entsorgt«, sagt er unzufrieden. Auch kein Mitarbeiter vom Schiff habe sich bei ihnen gemeldet: »Man hätte uns fragen können, wie es uns geht und ob wir im Hotel etwas benötigen. Oder man hätte frisches Essen vorbeibringen oder uns eine Hapag-Lloyd-qualifizierte Unterkunft anbieten können.«

Verpflegung im Quarantänehotel: »Morgens war der Kaffee kalt. Mittags das Essen«

Verpflegung im Quarantänehotel: »Morgens war der Kaffee kalt. Mittags das Essen«

Foto: privat

Seine dringenden Fragen würden nicht beantwortet: Wie könne seine Frau isoliert werden? »Wir sind in einem kleinen Raum zusammengeschlossen!« Und was passiere, wenn auch sie positiv wird? Weitere sieben Tage Quarantäne? Sei das nicht unterlassene Hilfeleistung? Ein »Diego« sei vorbeigeschickt worden, wer sei denn das?, fragt V. gen Hamburg. Dies sei der angekündigte Kontakt vor Ort, antwortet die Produktmanagerin und: »Bitte nehmen Sie diese Möglichkeit wahr, damit organisatorische Themen schnell vor Ort für Sie gelöst werden können.«

Der Mann, der von dem großen Balkon vor seiner Grand Suite geträumt hatte, von den »strahlenden Farben, dem Blau und den Weiß, die es auf keiner anderen Reise gibt«, von den Vogelkolonien, Robben und Pinguinen auf seiner ersten Antarktisreise, muss mit der argentinischen Realität fertig werden. Sollte ein Gast vor der Einschiffung positiv getestet werden, teilt die Presseabteilung der Reederei mit, würden die lokalen Behörden eine Quarantäneunterkunft an Land anordnen. Diese hänge von den lokalen Möglichkeiten ab.

Geschirr im Quarantänehotel von V.: »Man hätte uns eine Hapag-Lloyd-qualifizierte Unterkunft anbieten können«

Geschirr im Quarantänehotel von V.: »Man hätte uns eine Hapag-Lloyd-qualifizierte Unterkunft anbieten können«

Foto: privat

»Hapag-Lloyd Cruises hat leider weder Einfluss auf die vorgegebene Unterkunft, noch auf jeweilige Transferzeiten.« Die Reederei betreue die Betroffenen auch über einen medizinischen Dienstleister und unterstütze bei der Rückkehr an den Heimatort.

Auf den Ausgaben für das Hotel in Ushuaia werden die V.s aber wohl nicht sitzen bleiben. Die argentinische Regierung schreibt den Urlaubern für die Einreise eine Corona-Versicherung vor, die auch die Kostenübernahme für Quarantänezeiten umfasst. »Wir bedauern sehr, sollte ein Gast einmal nicht zufrieden sein«, sagt Sprecherin Schmidt. V.s Traum von der Kreuzfahrt ins Eis ist allerdings vorerst geplatzt.

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