Kristin Harila mit ihren zwei Sherpas auf dem Gasherbrum II
Kristin Harila mit ihren zwei Sherpas auf dem Gasherbrum II
Foto: Kristin Harila

Alle Achttausender in sechs Monaten Bergsteigerin muss Rekordversuch abbrechen

Die Norwegerin Kristin Harila wollte als erste Frau alle 14 Achttausender in einem halben Jahr besteigen. Doch daraus wird vorerst nichts – aus bürokratischen Gründen.

Sie wollte zeigen, dass Frauen das Gleiche leisten können wie Männer: Die norwegische Bergsteigerin Kristin Harila hatte sich vorgenommen, alle 14 Berge, die höher als 8000 Meter sind, innerhalb eines halben Jahres zu besteigen. Die 36-Jährige wollte damit den aktuellen Zeitrekord des bekannten nepalesischen Bergsteigers Nirmal »Nims« Purja unterbieten, der die 14 Gipfel in sechs Monaten und sechs Tagen geschafft hatte. Doch nun muss Harila ihren Rekordversuch schweren Herzens für gescheitert erklären.

Zwölf der 14 Gipfel hatte Harila bereits erreicht. Im August sprach sie während eines Heimataufenthalts mit dem SPIEGEL  über die Herausforderungen der Speed-Besteigungen. Kurz darauf brach sie zur letzten Etappe ihres Versuchs auf: Ihr fehlten noch der Cho Oyu und der Shishapangma in Tibet. Obwohl sie die Zulassungen für die beiden Berge noch nicht hatte, blieb sie zuversichtlich und flog nach Kathmandu, die Hauptstadt Nepals, um von dort sofort in die Basecamps der Achttausender fliegen zu können, sobald die Kletterberechtigungen eingetroffen waren. Doch sie wartete vergeblich.

Am Freitag ließ sie schließlich über ihren Manager verkünden, dass sie ihre Mission abbrechen müsse. Sie habe die Kletterzulassung für die beiden Berge nicht bekommen, die Zeit sei abgelaufen. »It’s over for now« (»Es ist vorerst vorbei«), schrieb sie in dem Statement, das per E-Mail an die Medien verschickt wurde. Inzwischen verkündete sie die Nachricht auch auf ihrem Instagram-Kanal.

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Sie müsse sich damit abfinden, dass all ihre Anstrengungen in den vergangenen sechs Monaten, die Genehmigungen für die letzten beiden Berge zu erhalten, vergebens waren. »Wir haben nichts unversucht gelassen und sind jeden möglichen Weg gegangen, aber leider haben wir die Zulassungen nicht mehr rechtzeitig bekommen – aus Gründen, die nicht in unserer Macht lagen«, schreibt sie.

Für den Rekord hätte sie am 4. November auf dem 14. Gipfel stehen müssen. Aber zwei Achttausender innerhalb von sechs Tagen zu besteigen, ohne bereits in der Akklimatisierungs- und Eingewöhnungsphase in den Bergmassiven unterwegs zu sein, ist selbst für Harila ein Ding der Unmöglichkeit.

»Wie ihr alle wisst, habe ich alles daran gesetzt, das möglich zu machen«, schreibt Harila weiter. »Nun aufgeben zu müssen, obwohl nur noch zwei Gipfel übrig sind, aufgrund von Faktoren, die ich nicht selbst in der Hand habe, ist etwas, mit dem ich gerade sehr hadere.« Nichtsdestotrotz sei es eine tolle Erfahrung gewesen. Harila vergleicht ihren Rekordversuch mit einer »Achterbahn mit vielen Aufs und Abs und sehr harter Arbeit dazwischen«. Die schwierigsten Phasen seien für sie diejenigen zwischen den einzelnen Besteigungen gewesen. Sie kündigte an, dass es einen Film über den Versuch geben werde.

Komplett aufgeben will Harila ihren Traum nicht: »Ich werde zurückkommen und den Rekord im kommenden Jahr schaffen. So nah dran zu sein, macht mich umso entschlossener, es zu schaffen!« Dafür müsse sie einen Weg finden, die Expeditionen erneut zu finanzieren. Für ihren Rekordversuch hatte sie einige Sponsoren davon überzeugt, sie zu bezuschussen, zudem hatte sie ihre Wohnung in Norwegen verkauft. Kletterzulassungen, Ausrüstung, Flüge und das Team sind teuer. Harilas Projekt kostete umgerechnet rund eine halbe Million Euro.

Sie sei nun auf dem Rückweg nach Norwegen zu ihrer Familie und engsten Freunden.

Hätte Harila es geschafft, wäre sie erst die fünfte Frau gewesen, die auf allen Achttausendern stand. Bevor Nims Purja für sich beanspruchte, neue Maßstäbe gesetzt zu haben, lag die schnellste Zeit für alle Achttausender bei sieben Jahren und zehn Monaten. Reinhold Messner, der als erster Mensch auf allen Gipfeln stand, brauchte dafür seinerzeit 16 Jahre. Allerdings kletterte er ohne Flaschensauerstoff, für Höhenbergsteiger die Königsdisziplin. Purja und Harila hingegen setzten auf alle technologischen Hilfsmittel, die das moderne Höhenbergsteigen bietet: Flaschensauerstoff, Fixseile, Sherpas, Helikopterflüge zu den Basecamps.

Im vergangenen Sommer hatte ein deutscher Forscher mit neuen Berechnungen zu den Achttausender-Besteigungen für Aufruhr im Alpinismus gesorgt . Eberhard Jurgalski kam zu dem Schluss, dass viele Bergsteiger gar nicht auf dem höchsten Punkt des jeweiligen Achttausenders standen – sondern andere Erhebungen für den Gipfel hielten. Ihm zufolge standen nur vier Alpinisten auf den wahren Gipfeln aller 14 Achttausender – Reinhold Messner war nicht darunter. Jurgalskis Aussagen sorgten für Empörung – nicht zuletzt, weil er selbst nie im Hochgebirge unterwegs war.

kry
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