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29. Juni 2004, 11:28 Uhr

Kunstmetropole Akureyri

"Mein Museum ist ein Heiliger Gral"

Von Henryk M. Broder

Die Kleinstadt Akureyri hat ein Kunstmuseum, auf das jede europäische Großstadt stolz wäre. Das liegt vor allem am Direktor, der wie ein Diktator agiert und alles macht, was ihm Spaß macht: Hannes, der Sohn des Siegers.

Direktor Sigurdsson vor seinem Kunstmuseum: "Ich bin der König in meinem Schloss"
Ashkan Sahihi

Direktor Sigurdsson vor seinem Kunstmuseum: "Ich bin der König in meinem Schloss"

Es ist fast zwölf Uhr mittags, aber Hannes Sigurdsson sieht aus, als sei er eben aus der Disco gekommen. " Ich muss die Sonnenbrille anbehalten, es wurde sehr spät gestern." Dann greift er zu einem Wasserglas an und leert es in einem Zug. Der Nachdurst. "Wasser ist reiner Heiliger Geist, das beste, was New Age zu bieten hat." Aus einem Lautsprecher fließen Sphärenklänge, Räucherstäbchen verbreiten fern-östliche Gemütlichkeit. Willkommen im Art Museum von Akureyri, der nördlichsten Stadt Islands. Nach Reykjavik sind es über 400 Kilometer, zum Polarkreis grade 100. "Ich heiße Hannes, Sohn des Siegers. Manche Leute haben das Ego einer Ameise, ich habe das Ego eines Elefanten." An der Tür zu seinem Büro klebt ein Schild: "Gott kommt zu mir, um sich Rat zu holen."

Hannes, der Hausherr, hat ab und zu einen Katzenjammer, aber niemals auch nur einen Anflug von Selbstzweifel. Dazu gibt es auch keinen Grund. 1960 in Reykjavik geboren, hat er nach dem Abitur zuerst Naturwissenschaften, dann Musik und Kunstgeschichte studiert, in London den Bachelor und in Berkeley den Magister gemacht. Dann lebte er fünf Jahre in New York und schrieb Artikel für isländische Magazine über die amerikanische Kunstszene. Der nächste Schritt ergab sich fast automatisch. Er wurde "Kurator", um zeitgenössische Kunst und Künstler den Isländern nahe zu bringen. Seine erste Ausstellung präsentierte er 1990 im Café Mokka in Reykjavik. Das älteste italienische Caféhaus der Stadt gehörte zwei Isländern, die ein paar Jahre in Italien gelebt hatten, und sieht heute noch genau so aus wie 1958, als es eröffnet wurde. Hier lernte Hannes auch seine Frau kennen, die Tochter der Besitzer.

Schild am Büro: Ego eines Elefanten
Ashkan Sahihi

Schild am Büro: Ego eines Elefanten

1994 kehrte er nach Island zurück, und da er nicht gleich einen Job fand, servierte er erst mal Kaffee im Café Mokka. Nach einem Jahr wurde er Direktor eines kommunalen Kulturzentrums und einer Non-Profit-Galerie. "Ich verdiente kaum Geld, lernte aber viele Leute kennen." Im Juli 1999 zog er nach Akureyri um, wo man einen neuen Direktor für das 1993 gegründete Museum suchte. Kaum war er berufen, bedauerten die Stadtväter schon ihre Entscheidung. Denn die erste Ausstellung unter seiner Führung hieß "Orgasmus 2000" und thematisierte "Sexualität am Anfang eines neuen Jahrtausends". Bei der Eröffnung servierten Striptease-Tänzerinnen in sehr knapper Kleidung Getränke, "und die Stadt stand Kopf". Es war ein furioser Einstieg, aber die Zeit danach "war etwas schwierig".

Sigurdsson holt die ganze Welt in sein Haus

Vier Jahre und zwei Dutzend Ausstellungen später hat sich Hannes Sigurdsson nicht nur durchgesetzt, er kann praktisch machen, was er will, denn er hat die Kleinstadt Akureyri als Kunstmetropole etabliert. "Es gibt zwei Kirchen in Akureyri", sagt er, "die Kirche und mein Museum. Ich bin der König in meinem Schloss. Ich bin ein Diktator. Mein Museum ist ein Heiliger Gral." Auch das ist wahr. Hannes führt das Museum wie ein Feudalherr, denn außer ihm und einem Assistenten hat er keine festen Mitarbeiter. Alle Arbeiten, vom Aufhängen der Exponate bis zum Verschicken der Einladungen, werden "outgesourct", das ist einfacher und billiger.

Im Jahre 2000 hatte er ein Budget von umgerechnet 200.000 Dollar, in diesem Jahr sind es über 400.000 Dollar; 350.000 Dollar gibt die Stadt, den Rest sammelt er bei Sponsoren ein. Überall in Europa würde das für ein paar bunte Dia-Nachmittage bei Kaffee und Kuchen reichen, im Heiligen Gral von Akureyri scheint Geld nur ein Faktor unter vielen zu sein. Hannes zeigt die Arbeiten von Künstlern, die aus Akureyri stammen oder in der Stadt leben, er stellt alte isländische Meister aus ("Ein Volk formt sich"), und er holt die ganze Welt in sein Haus. Aktionisten wie David McDermott und Peter McGough ("The Lust that Comes from Nothing"), Barbara Caveng mit ihren "Final Meals", Rekonstruktionen der Henkersmahlzeiten von Todeskandidaten; die "Omega Series" von Lucinda Devlin, eine Reise durch die "Death Chambers" in amerikanischen Gefängnissen. Und zwischendurch "Moderne Kunst aus der arabischen Welt", von Marokko bis Jemen.

Sigurdsson in Goya-Ausstellung: "Ich schaute dem Direktor tief in die Augen"
Ashkan Sahihi

Sigurdsson in Goya-Ausstellung: "Ich schaute dem Direktor tief in die Augen"

Der absolute Hit aber war eine Ausstellung im Jahre 2002 mit 55 Gemälden holländischer Meister, darunter 30 Rembrandts. Wie holt man solche Kunstwerke in eine Kleinstadt unter dem Polarkreis? "Ich fuhr nach Riga ins Museum für Auswärtige Kunst und schaute dem Direktor tief in die Augen", sagt Hannes, beugt sich vor und wiederholt seinen "eye drill". Ein wenig half ihm dabei, dass Island schon früh Lettland als souveränen Staat anerkannt hatte. 12.000 Menschen kamen in die Ausstellung, die Stadt zählt 15.000 Einwohner. Auf die gleiche Art brachte er 80 Goya-Zeichnungen nach Akureyri. Er fuhr nach Madrid und redete so lange auf den Direktor der "Calcografia Nacional" ein, bis der endlich nachgab: "Okay, let's do it."

Für das Volk, durch das Volk

Doch es ist nicht nur die Mischung aus Charme, Chuzpe und Größenwahn, die Hannes einsetzt. Er handelt mit Spediteuren und Versicherern Sonderkonditionen aus und macht "Barter"-Geschäfte mit Kollegen: "Gibst du mir, dann geb' ich dir." Die Goya-Ausstellung, zum Beispiel, verleiht er weiter an andere Museen, so macht er einen "kleinen, aber ordentlichen Gewinn". Dabei kostet der Eintritt nur 400 Kronen (etwa 4,50 Euro) und am Donnerstag ist der Eintritt frei. "Für das Volk, durch das Volk" ist seine Parole. Und wenn eine Touristengruppe kommt, stellt er sich zum Erinnerungsfoto zu den Besuchern, das gehört mit zum Service.

Als Nächstes plant der "Sohn des Siegers" eine "kosmische Ausstellung" in Akureyri. "Wir sind das Fenster zur Welt, ein globales Museum, und jetzt gehen wir in den Weltraum." Die Isländer wissen, dass sie Hannes Sigurdsson ernst nehmen müssen. Und die Aliens werden es bald erfahren.

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