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07. Januar 2019, 04:52 Uhr

Langlauf in den Rocky Mountains

Wo die Grizzlys schlafen

Von Winfried Schumacher

Banff ist Kanadas meistbesuchter Nationalpark - im Sommer wie im Winter. Langläufer aber können dem Rummel entfliehen und haben die Rocky Mountains dann fast ganz für sich allein.

Wenn die Bären doch bloß dieses Panorama sehen könnten: Wie der Mount Fairview hinter dem verschneiten Bergwald aufragt. Wie die im Pulverschnee versunkenen Fichten in der Wintersonne funkeln und die im Frühjahr so lauten Gebirgsbäche zu stillen Eiskunstwerken erstarrt sind. Diese Aussichten auf den Banff-Nationalpark verschlafen Grizzlys und Schwarzbären oft komplett. In der kalten Jahreszeit halten die wohl bekanntesten Bewohner der kanadischen Rocky Mountains ihre Winterruhe.

"Um als Langläufer auf einen Grizzly zu treffen, muss man schon ein echter Pechvogel sein", sagt Randy Fagan und zieht sich die Mütze tiefer in die Stirn. Der Ski-Guide steht vor einem gefrorenen Wasserfall, dahinter erhebt sich die Gebirgskette am Lake Louise. "Dafür kann man aber im Schnee die Spuren anderer Räuber entdecken", sagt der 46-Jährige. Wie die von Wölfen, Luchsen und Pumas.

Mit der dicken Daunenjacke, dem gepackten Rucksack und den vor Kälte roten Wangen wirkt Fagan, als habe er bereits eine Expedition hinter sich. Für heute steht jedoch nur ein Tagesausflug auf den Langlaufpisten des Nationalparks im Westen der Provinz Alberta an. "Erst wenn man ganz allein hier draußen ist, bekommt man ein Gefühl dafür, was wahre Wildnis ist", sagt Fagan. Überfüllte Abfahrtspisten sind für den wortkargen Kanadier nichts. "Warteschlangen vor den Skiliften haben für mich nichts mehr mit Natururlaub zu tun."

Après-Ski-Partys in Lake Louise

Banff ist der älteste und meistbesuchte Nationalpark Kanadas. Etwa vier Millionen Touristen kommen jährlich in das Schutzgebiet. Der Besucherstrom stellt Naturschützer und die Parkverwaltung vor gewaltige Herausforderungen: Im Hochsommer drängen sich auf den Busparkplätzen und Aussichtspunkten Reisegruppen aus aller Welt. Selbst auf entlegeneren Wanderwegen herrscht dann Hochbetrieb. Und im Winter gehören die Skigebiete zu den beliebtesten Kanadas. Die Lifte von Lake Louise oder des bis zu 2770 Meter hoch gelegenen Sunshine Village sind von November bis Mai geöffnet. Dann werden im Nationalpark Après-Ski-Partys gefeiert.

Anders als auf die Abfahrtspisten gibt es auf die Langlaufloipen nie einen Massenansturm. "Als Langläufer kann man dem ganzen Rummel entfliehen", sagt Fagan. Seit vielen Jahren begleitet er Touristen: Im Sommer führt er Wander- und Klettergruppen, im Winter zeigt er Skilangläufern die schönsten Loipen im Banff-Nationalpark. Er steuert aber auch die weniger bekannten Gegenden im Umland an - wie den Yoho-Nationalpark jenseits der Grenze zu British Columbia und die Peter-Lougheed- und Spray-Valley-Naturparks im Kananaskis Country.

Das Bergpanorama des Kananaskis-Parksystems war bereits Kulisse für großes Kino. Hier wurden Teile von "Brokeback Mountain" und "The Revenant" gedreht. Wer das Abenteuer mag, kann sich eine eigene Route von Hütte zu Hütte zusammenstellen, die die Kanadier Backcountry Huts nennen. Einige der Unterkünfte sind im Winter nur auf Skiern zu erreichen.

Nach dem ersten Tag im Nationalpark trauen sich die Langläufer auch ohne Guide in die Wildnis. Auf dem Bryant Creek Trail im Spray Valley, etwa eineinhalb Stunden südlich vom Ort Banff, treffen sie tatsächlich nur auf wenige Skifahrer. Am Pistenrand warnen Schilder vor Bären: Im Sommer sollten sich Wanderer in Acht nehmen, da hier eines der Kerngebiete der Grizzlys der Region liegt. Dann ziehen besonders viele Bärenmütter ihre Jungen auf.

Elche zu Besuch

An diesem Wintermorgen ist es still im Bergwald. Von Weitem ist hin und wieder das leise Glucksen von Tannenhühnern zu vernehmen. Sonst nichts als das Flüstern von Schnee, der von überladenen Zweigen fällt, und das Knirschen der Skier. Fast lautlos fließt der Bryant Creek vorbei an Eis- und Schneeinseln dem alles überragenden Cone Mountain entgegen. Der Berg sieht aus wie eine Pyramide, an der ein riesiger Grizzly seine mächtigen Pranken gewetzt hat.

Eine Büffelkopfente zieht im eisfreien Bach ihre Kreise, in den Wipfeln am Ufer schimpft ein Schwarm Seidenschwänze. Wie die Ente sind die Singvögel mit der spitzen Federhaube nur Gäste und kehren im Frühjahr zum Brüten in die Taiga zurück.

Die Loipe führt weiter in die Waldeinsamkeit zum stillen Watridge Lake. Sein im Sommer türkisblaues Wasser hat sich in eine Schneefläche verwandelt. Noch eindrucksvoller ist der lang gestreckte Marvel Lake mit dem matterhorngleichen Mount Assiniboine. Irgendwann verliert sich die Skispur im Neuschnee, und der Langläufer muss sich seinen Weg durch die Wildnis bahnen.

Als Tagesausflug oder Teil eines mehrtägigen Abenteuers lässt sich der Bryant Creek Trail mit verschiedenen Routen verbinden. Wer von der Abgeschiedenheit nicht genug haben kann, mietet sich eine Nacht in der Schutzhütte von Bryant Creek ein oder schlägt sich über den Wonder-Pass nach British Columbia durch. Mehr Komfort bietet die Mount Engadine Lodge, von der aus etliche Langlauftouren möglich sind. Hier kann man sich nach einer Skitour am Kaminfeuer wärmen und blickt von der Terrasse auf eine Bergkette an Dreitausendern.

"Fast jede Nacht haben wir hier Elche zu Besuch", sagt Lodge-Mitarbeiter Nick Kostiuk. "Im Herbst konnten wir sogar ein Rudel Wölfe beobachten, das mit einem Grizzly um seine Beute kämpfte." Angst vor den Räubern vor seiner Tür hat der 25-Jährige nicht. "Ich habe vor einem ausgewachsenen Elch sehr viel mehr Respekt."

Bei Nacht dringt Wolfsgeheul von den umliegenden Berghängen bis zur Lodge. Ist das Knacken, das da gerade draußen zu vernehmen war, etwa ein Elchbulle oder gar ein Puma? Morgen in aller Frühe werden es ihre Spuren verraten. Wie beruhigend, dass wenigstens die Grizzlys schlafen.

Win Schumacher ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Recherchereise wurde von Travel Alberta unterstützt.

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