Langzeitreisen mit dem Trekkingrad "Ich erlebe ständig neue Abenteuer"

Mit kleinem Budget und wenig Gepäck radelt Jannik Jürgens immer wieder für mehrere Monate hinaus in die Welt. Am Ziel ist er auch nach 20.000 Kilometern nicht.

Jannik Jürgens

Ein Interview von


Zur Person
  • Jannik Jürgens
    Jannik Jürgens, Jahrgang 1993, kommt aus Oldenburg und hat vor seiner Reise als Sozialassistent gearbeitet. Seit 2014 ist er immer wieder monatelang mit dem Fahrrad unterwegs und baut derzeit gemeinsam mit seiner Freundin Tomorrow's People auf - eine Community für Fahrradreisende.
    https://tomorrowspeople.site

SPIEGEL ONLINE: Herr Jürgens, wo auf der Welt haben Sie Ihr Fahrrad gerade abgestellt?

Jürgens: In einer Wohnung in Mailand, wo meine Freundin und ich derzeit ihre Familie besuchen. Außerdem verdienen wir als Radkuriere Geld für unsere nächste Tour: Wir wollen bis nach Indien fahren.

SPIEGEL ONLINE: Ganz ohne Flugetappen?

Jürgens: So ist der Plan. Von Italien aus wollen wir über Südosteuropa in die Türkei. Nach einem Abstecher über Georgien und Aserbaidschan fahren wir dann durch Iran. Wir wollen uns bewusst Zeit lassen. Schön wäre es, an der Küste über Pakistan bis nach Indien zu fahren. Das wird aber von den politischen Umständen und unserer eigenen Verfassung abhängen.

SPIEGEL ONLINE: Vor fünf Jahren kündigten Sie Ihren Job als Sozialassistent, verkauften Ihren Besitz und stiegen auf das Fahrrad in Richtung Spanien. Warum hat man mit 21 Jahren schon genug vom Alltag?

Jürgens: Ich hatte schon relativ früh das Bedürfnis nach totaler Freiheit. Ich wollte in der Natur sein, neue Kulturen kennenlernen und mich gleichzeitig sportlich betätigen. Das Rad zu nehmen, es minimal zu bepacken und einfach loszufahren, war für mich die beste Art, all das zu kombinieren.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das Reisen mit dem Fahrrad so besonders für Sie?

Jürgens: Der normale Urlaub war für mich immer nur eine kurze, intensive Auszeit vom Alltag. Bei Langzeitreisen mit dem Fahrrad hingegen erlebe ich ständig neue Abenteuer. Ich bin flexibel und habe alles Essenzielle dabei. Mit dem Fahrrad kann ich mir an jedem Ort ein kleines Zuhause aufbauen. Auch der ökologische Aspekt ist mir wichtig. Man ist frei, ohne jemandem zu schaden.

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Mit dem Fahrrad durch die Welt: Noch lange nicht angekommen

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile haben Sie gut 20.000 Kilometer zurückgelegt. Wo sind Sie schon überall gewesen?

Jürgens: In Europa habe ich in den vergangenen Jahren ziemlich viele Länder besucht - Spanien und Portugal, Frankreich, Italien und die Schweiz. 2018 bin ich von Deutschland über Holland nach Belgien und bei einer weiteren Tour nach Dänemark und Schweden gefahren. Den Rest des Jahres habe ich mit meiner Freundin in Griechenland verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Welche Touren haben Sie besonders geprägt?

Jürgens: 2015 bin ich die spanische Küste von Barcelona nach Almería im Süden entlanggefahren und wollte weiter nach Marokko. Tatsächlich bin ich dann für sechs Monate in Almería geblieben und habe eine Zeit lang in einer Kommune in den Bergen gelebt, die von Radfahrern gegründet wurde. Wir haben eigene Lebensmittel angebaut und mit Straßenmusik Geld für die Gemeinschaft verdient.

SPIEGEL ONLINE: Nach Marokko sind Sie ein Jahr später dennoch gefahren. Inwiefern hat sich dieser Trip von denen in Europa unterschieden?

Jürgens: Obwohl ich unterwegs überall nette Menschen treffe, die mich in ihrem Zuhause nächtigen lassen, existiert in Marokko noch einmal eine andere Gastfreundschaft. Ich bin unzählige Male zu Tee und Tajine eingeladen worden. Trotzdem war ich mit meinem Fahrrad ein ziemlicher Exot. Ich bin Polizisten und Soldaten begegnet, die mir teilweise nicht geglaubt haben, dass ich nur aus Spaß mit dem Rad unterwegs bin. Manches Mal durfte ich nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch Touren, die Sie am liebsten abgebrochen hätten?

Jürgens: Bei meiner ersten Reise nach Portugal hatte ich in Frankreich einen Tiefpunkt. Meine Kreditkarte war blockiert, und es gewitterte stark. Ich schlief unter einer Brücke, alles war überflutet - und ich kurz vorm Verzweifeln. Als am nächsten Morgen die Sonne rauskam, habe ich mich fürs Weitermachen entschieden. Ich war stolz darauf, diese Situation irgendwie bewältigt zu haben. Anders als vor zwei Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Was war passiert?

Jürgens: Ich war in Barcelona, ohne Rad allerdings, und habe dort zwei Monate in einem Park geschlafen und Straßenmusik gemacht. Ich war zu der Zeit dort, als ein Attentäter mit einem Lieferwagen durch eine Menschenmenge auf dem Boulevard La Rambla raste. Das war eine sehr schockierende Erfahrung, die noch lange nachgewirkt hat. Ich bin danach erst einmal für mehrere Monate nach Deutschland zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind diese Auszeiten vom Reisen für Sie?

Jürgens: Ich brauche jedes Mal eine Weile, um mich wieder an das normale Leben zu gewöhnen. Trotzdem schätzt man eine voll ausgestattete Küche oder eine heiße Dusche wieder mehr. Man muss auch dem Körper Zeit zum Regenerieren geben.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile sind Sie nicht mehr allein unterwegs, sondern mit Ihrer Freundin Isabel Rosati. Begann Ihre Liebe auch auf dem Fahrrad?

Jürgens: Das kann man wohl so sagen. Während einer längeren Europatour im vergangenen Jahr habe ich sehr viel mit Isabel geschrieben, die ich über Tinder kennengelernt hatte. Wir sind dann zusammen von Berlin nach Schweden gefahren. Auf so einer Tour lernt man einander sehr intensiv kennen, und ich fand es schön, alle Eindrücke endlich mit jemandem teilen zu können. Kurz danach sind wir weiter nach Italien und Griechenland. Dabei kam uns eine Idee.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Jürgens: Wir bauen gerade eine Community für Fahrradfahrer auf. Auf unserer Webseite wollen wir über das Reisen mit dem Rad aufklären und Menschen, die ähnlich ticken wie wir, miteinander vernetzen. Außerdem vertreiben wir darüber selbst angefertigte Bilder und Gedichte, die unsere Reisen zum Teil finanzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie teuer ist ein durchschnittlicher Tag auf Tour?

Jürgens: Unsere Kosten belaufen sich auf etwa 15 Euro am Tag. Meistens schlafen wir im Zelt, bei gutem Wetter auch mal direkt an der frischen Luft oder bei Bekannten.

SPIEGEL ONLINE: Was darf in keiner Gepäcktasche fehlen, wenn Sie losfahren?

Jürgens: Flickzeug, funktionale Kleidung, Zelt, Schlafsack, Isomatte und ein Campingkocher. Ein Handy oder irgendetwas zum Navigieren ist auch von Vorteil. Außerdem nehme ich immer noch etwas zum Ablenken mit - ein gutes Buch oder Musik. Ich persönlich bin Diabetiker und brauche Insulin. Auch über das Reisen mit der Erkrankung will ich auf unserer Plattform aufklären und Ängste nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich in 20 Jahren immer noch auf dem Fahrrad?

Jürgens: Für die nächste Zeit kann ich mir nichts Schöneres vorstellen. Ob ich mich mit 50 immer noch für diesen Lebensstil begeistern kann, weiß ich nicht. Ich träume zum Beispiel davon, später einen eigenen Gemüsegarten zu haben. Auf dem Fahrrad kann ich schwer etwas anbauen, auch wenn ich das tatsächlich schon überlegt habe.

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insgesamt 3 Beiträge
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klausleim 25.05.2019
1. Da ich noch
Brötchen verdienen musste, konnte ich nur am Wochenende auf Tour gehen. Mit 5 verschiedenen Bikes habe ich in 45 Jahren über 250.000 km/mls ( 6,3 mal rund Erde ) zurückgelegt. 2/3 davon in Westeuropa, den Rest nach dem Beginn der Rente, in Florida. Leider habe ich am Anfang nicht gewusst, was ich alles in dieser Zeit erleben werde. Ich habe es leider versäumt, Tagebuch zu führen. Ich wünsche dem Jannik noch alles Gute für seine weitere Reise.
Papazaca 27.05.2019
2. Reisen bedeutet auch, mal Pausen machen ....
um sich auf andere Welten einzulassen. Viele dieser kilometerfressenden Weltreisenden sind fast immer in Bewegung und bleiben selten irgendwo länger. Wenn man aber nur unterwegs ist, lernt man Straßen, Natur und andere Reisende kennen, eher selten die Menschen der Länder, die man durchfährt. Für mich sind Menschen aber mindestens so wichtig wie Sehenswürdigkeiten und Natur. Aber irgendwie passt dieser Ansatz nicht zu vielen Reisenden, für die ist Reisen in erster Linie Bewegung. Gut, das muß jeder letztlich für sich selbst entscheiden.
Hamberliner 29.05.2019
3. grenzwertig
Wirklich frei ist er nicht, das bildet er sich nur ein. Ich meine, sich mit Menschen einer völlig anderen Denke aus einem anderen Kulturkreis zu unterhalten ist zwar hochinteressant, es kostet aber auch allerhöchste Konzentration, genau zuzuhören und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Wenn man sich von anderen zum Übernachten einladen lässt soll man also fünf Minuten nach allerhöchster Konzentration einschlafen können? Und, wenn es Muslime sind, sich die Tortur antun ohne Bier oder Wein einzuschlafen? Dann ist man nicht frei, das ist Folter. Unfrei macht ihn auch seine selbst ausgesuchte Armut. Er setzt sich zum Betteln hin anstatt sich zu bewegen, dabei ist er unfrei, und er macht denen Konkurrenz, die wirklich betteln müssen. In Barcelona, meiner Ex-Heimatstadt, hat er sich höchstens eine Freiheit genommen, um die ihn niemand gebeten hat, nämlich ohne Gitarre spielen zu können wie Paco de Lucia und ohne so romantisch katalanischen Folk zu beherrschen wie Lluis Llac oder Maria del Mar Bonet irgendwelche beliebige Straßenmusik zu machen. Auf den Ramblas hätten ihn sowieso die Mossos d'Escuadra vertrieben, aber auch anderswo ist solche von Betteltouristen importierte Straßenmusik ein kultureller Angriff auf diese Stadt.
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