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Experimentelles Reisen: Per Zufall durch Vientiane

Foto: Marcel Klovert

Experimentelles Reisen in Laos Start bei HK/196

Nicht schon wieder "Highlights" aus dem Reiseführer! Wer eine Stadt mal anders erkunden möchte, kann das "experimentelle Reisen" probieren: immer links abbiegen etwa - oder wie Heike Klovert in Vientiane Initialen und Geburtsdatum als Startpunkt wählen.

Es ist heiß an diesem Mittwochvormittag in Vientiane. Die Sonne knallt auf die Kuppel des laotischen Nationalzirkus und auf den Betonplatz davor. Kein Mensch ist zu sehen. Wer geht auch vormittags in den Zirkus? Zögernd überqueren wir den Platz. Der Beton ist brüchig, in den Ritzen wächst Gras. Der Zirkus ist kein Zelt, sondern ein rundes, solides Gebäude. Daneben vermodert eine Holzbühne, irgendwo übt jemand Saxofon. Ich fühle mich wie ein Eindringling.

Wir sind hier, weil ich Heike Klovert heiße und mein Mann am 19. Juni geboren ist - und weil wir die Hauptstadt von Laos mal anders als mit dem Reiseführer in der Hand erkunden wollten. Also haben wir einen Stadtplan besorgt - einen künstlerisch gestalteten Plan, mit bunten Bildchen und Koordinaten, die bei HE anfangen und bei JJ enden. Wir wählten die Koordinaten HK und 196, und wo die Linien sich kreuzten, stand: "Lao National Circus". Voilà, das erste Ziel.

Maikham Livong trat früher selbst im laotischen Nationalzirkus auf

Maikham Livong trat früher selbst im laotischen Nationalzirkus auf

Foto: Marcel Klovert

"Can I help you?" Eine elegante, kleine Frau tritt durch die Hintertür des Zirkus, vor der wir uns herumdrücken. Sie trägt eine durchgeknöpfte Bluse und einen blauen Wickelrock, der im Mittagslicht glänzt. Ihr Gesicht wirkt mädchenhaft und reif zugleich. Hm, ja, wir sind hier, weil wir experimentell reisen wollen, erkläre ich. Das erste Ziel sei Zufall, und dann sollen uns die Menschen, die wir unterwegs treffen, zu ihren Lieblingsplätzen schicken.

Wir sind nicht die Ersten, die keine Lust mehr auf die Postkartenmotive haben, die jeder besucht. Der Franzose Joël Henry hat das experimentelle Reisen schon vor mehr als 20 Jahren entwickelt. Sein Labor für Experimentellen Tourismus  rät zum Beispiel, immer abwechselnd rechts und links zu gehen. Oder die Luftlinie zwischen der ersten Straße mit "A" und der letzten Straße mit "Z" abzuschreiten. Oder den Bus Nummer zwölf bis zur zwölften Haltestelle zu nehmen, zwölf Kreuzungen weiterzulaufen und dort das zwölfte Gebäude zu erkunden. Weil es Spaß macht. Weil es den Blick für die kleinen Besonderheiten schult, die jeden Ort ausmachen. Und weil man interessante Leute trifft.

Als kleines Mädchen kam Maikham Livong, 32, zum Zirkus. Sie turnte jahrelang über den Köpfen der Zuschauer in einem Ring und jonglierte mit Feuer. "Ich habe mich so oft verbrannt", sagt sie und zeigt auf die Narben an ihrem Bein und Rücken. Vor fünf Jahren gab sie den Job als Zirkusstar auf und führt nun Zuschauer zu ihren Plätzen auf den bunt angestrichenen Holzbänken. "Das ist weniger stressig", sagt sie, "und ich kann mich besser um meine beiden Söhne kümmern."

Wenn Maikham Livong Besuch bekommt, führt sie den stets zum That Luang. Der große, goldene Stupa ist das Nationalsymbol von Laos. "Wollt ihr nicht dorthin fahren?", fragt sie uns. Nein, eigentlich nicht. Das ist ja eine klassische Sehenswürdigkeit... Die wollen wir ja gerade meiden. Aber nicht wir bestimmen heute die Route - so ist ja die Regel. Also steigen wir aufs Moped und fädeln uns in Richtung Osten in den Strom der Tuktuks, Scooter und Autos ein.

Selfie vor Tempel: Hochschullehrer Pheuy Syvongsak und Tina Sysimsone

Selfie vor Tempel: Hochschullehrer Pheuy Syvongsak und Tina Sysimsone

Foto: Marcel Klovert

Das Heiligtum ist geschlossen. Eine Stunde Mittagspause. Ein lauer Wind streift über die adrett gestutzten Hecken vor dem Stupa. Wir setzen uns in den Schatten eines Banyan-Baums, neben uns ein Pärchen. Er: Sonnenbrille, grünes Hemd, Stehkragen, cool. Sie: helles Poloshirt, Rock, eher brav. Jeder leckt an seinem Stieleis. Zwei Frischvermählte in Flitterwochen?

Nein, Pheuy Syvongsak, 31, und Tina Sysimsone, 29, sind schon eine Weile verheiratet. Sie unterrichten Laotisch an der Universität in Luang Prabang, zehn Stunden Busfahrt nach Norden. Die zwei Hochschullehrer sind gerade auf Kursfahrt - mit 66 Studenten. "Sie sind auf der anderen Seite der Stupa", sagt Sysimsone. Das Dozentenpaar hat sich über Mittag davongestohlen, doch viel Zeit bleibt nicht. Das Handy klingelt: Die Studenten warten schon. "Unser liebster Platz in Vientiane ist das Patuxai", sagen die beiden noch, und weg sind sie.

Na, super. Das Patuxai. Vientianes zweitwichtigste Touristenattraktion. Eine Art Pariser Triumphbogen in laotischem Stil mit mythischen Figuren an der Decke, in deren Armbeugen Spatzen nisten. Baujahr 1962. Fotografen sitzen auf den Bänken davor und warten auf Touristen. Sie haben sich eingemummt in Tücher, Hüte, Handschuhe, um sich vor der Sonne zu schützen, und sehen aus wie Vorstadtgangster.

Fotograf im Bild: Boonmee Chanta knipst Touristen vor dem Patuxai in Vientiane

Fotograf im Bild: Boonmee Chanta knipst Touristen vor dem Patuxai in Vientiane

Foto: Marcel Klovert

Boonmee Chanta, 56, trägt einen Hut in Tarnfarben. Er ist Fotograf #85, so steht es auf seiner Weste. Seit fünf Jahren lichtet er Touristen vor dem Patuxai ab und druckt ihr Foto im Kofferraum seines Hyundai Starex aus. Ein Dutzend dieser Kleinbusse reiht sich auf dem Parkplatz aneinander, jeder ausgerüstet mit einem Fotodrucker. Ein kleines Bild kostet umgerechnet 55 Cent, ein großes 2,20 Euro, es lassen sich vor allem Chinesen, Koreaner und Thailänder knipsen.

Chanta kommt aus den Bergen in Nordlaos, aber er lebt schon seit 28 Jahren in Vientiane. Er muss die Stadt also kennen. Sein Lieblingsplatz? Der gedrungene, freundliche Mann zuckt mit den Schultern. "Meine Frau verkauft jeden Tag Kräuter auf dem Markt. Wir gehen nie aus." Doch, halt, eine Sache gönnt sich Chanta mehrmals in der Woche: Nachmittags um vier laufe er zur nahen Shopping Mall für eine Massage. Gratis. Ob wir ihn begleiten wollen?

Wollen wir! Als wir um halb vier wiederkommen, hat Chanta Hut, Weste und Wollsocken ausgezogen, sein lichtes Haar glatt gestrichen, seine Kamera verstaut. Er führt uns in einen fensterlosen Raum im Keller des Einkaufszentums. 18 Massagebänke stehen darin, auf denen in Decken gehüllte Laoten liegen. An der Wand hängen Poster mit Schemata der Wirbelsäule.

Eine koreanische Firma hat die Bänke hier aufgestellt, damit die Menschen sie testen - und kaufen. Die meisten testen nur, so wie Chanta. 2980 US-Dollar für eine Bank, das könnte er sich nie leisten, sagt er. Trotzdem darf er sich dreimal in der Woche für 37 Minuten drauflegen. So lange dauert eine Runde. Bevor sie beginnt, singen die sechs Verkäuferinnen in Röcken und Blusen einen lustigen Werbesong, und die Leute, die auf den Plastikstühlen warten, klatschen dazu in die Hände.

Wir gehören zum letzten Schub, der durchgeknetet wird. Die Rolle bohrt sich schmerzend in meinen Rücken, das Wärmekissen auf dem Bauch ist viel zu heiß. Aber Chanta sieht danach entspannt aus. Als wir gehen, nehmen die Verkaufsdamen selbst auf den Bänken Platz. Eine lächelt uns zum Abschied zu. Bevor wir sie nach ihrem Lieblingsplatz fragen können, hat sie schon die Augen geschlossen. Wer weiß, wohin sie sich wegträumt?

Zu den Autoren
Foto: Marcel Klovert

Laos, Myanmar, Kambodscha: Heike und Marcel Klovert reisten in der Elternzeit anderthalb Jahre lang durch Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 brachen sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand auf. Seit Juni 2015 sind sie zurück in Deutschland.