Las Vegas Das echte Haus der Simpsons

Die Fassade knallgelb wie die Simpsons, Maiskolben-Vorhänge, roter Flur, ein Ölfleck in der Garage - das ist das Haus zur Fernsehserie. Das Zuhause von Homer & Co. gibt es wirklich. Aber Fans der kultigen Trickfilmserie finden es nicht in Springfield.

Von Martin Wachtelborn


Henderson - 742 Evergreen Terrace? Klare Sache für echte Simpsons-Fans, hier - im fiktiven Springfield - wohnt die wohl berühmteste Trickfilm-Famailie der Welt mit dem überkorrekten Ned Flanders als Nachbarn. Wenn dagegen von der 712 Red Bark Lane die Rede ist, wissen nur die wenigsten Anhänger der in Deutschland täglich auf Pro Sieben laufenden Fernsehserie, was sich dahinter verbirgt: ebenfalls das zweigeschossige Haus der gelben Sippe – allerdings in echt und zum Anfassen.

Seit Juni 1997 steht der Bau in Henderson, einer Trabantenstadt der Spielermetropole Las Vegas (US-Bundesstaat Nevada). Anfangs wurde das Haus noch als Touristenattraktion vermarktet. Inzwischen ist es für Simpsons-Fans ein Geheimtipp, nach dem man suchen muss: Die Besitzerin des Anwesens gibt sich verschlossen, und auch die grellen Farben sind längst dem Einheitsbeige der Eigenheimsiedlung gewichen.

Das Haus mit angeschlossener Garage entstand als Hauptpreis eines Gewinnspiels des Getränkekonzerns PepsiCo, des Immobilienvermarkters KB Home und des TV-Kanals Fox, der die Simpsons in den USA ausstrahlt. Sowohl außen als auch innen war es bei seiner Fertigstellung in weiten Teilen mit dem gezeichneten Vorbild identisch: In der Küche etwa hingen die Maiskolben-Vorhänge von Mutter Marge, der Flur strahlte in knalligem Rot und in Sohn Barts Zimmer stand auf dem Nachttisch ein funktionierender Wecker im Krusty-der-Clown-Design.

"Die hatten sogar den großen Ölfleck in der Garage nachgemacht, den es in der Serie gibt", erzählt Mario Cortez, der Nachbar von gegenüber. "Und für das Baumhaus wurde im Garten extra ein neuer Baum gepflanzt", sagt der 46-Jährige, der nach der Eröffnung selbst mehrere Dutzend Male im Simpsons-Haus war.

Die Gewinnerin verkaufte das Simpson-Haus

Fotos und Werbeaufsteller erinnern in Cortez' Garage an die turbulente Zeit von damals. Mehr als 30.000 Menschen besichtigten wie er in den Sommermonaten die Kopie, bevor sie am Jahresende verschenkt wurde. In Bussen kamen die Fans zur South-Valley-Siedlung, lange Warteschlangen zogen sich durch die Nachbarschaft. Selbst kleine Ungenauigkeiten konnten die Euphorie nicht trüben: So ließ sich beispielsweise der Garagenanbau konstruktiv nicht detailgenau aus Springfield in die Realität übertragen. In den beiden Etagen selbst mussten die Innenarchitekten einige Räume gestalten, die in der Trickfilm-Welt nie aufgetaucht waren.

Die frühere Fabrikarbeiterin Barbara Howard war schließlich diejenige, die im Dezember 1997 das Glückslos präsentieren konnte. Doch die gefeierte 63-Jährige aus Richmond in Kentucky entschied sich gegen einen Umzug in die Wüste und für 75.000 US-Dollar in bar. Das 204 Quadratmeter Wohnfläche bietende Haus ging auf den freien Markt und bei einer Auktion an die heutige Besitzerin – eine Mitarbeiterin von KB Homes. Die allerdings nichts für die Simpsons übrig habe, heißt es in der Nachbarschaft.

Das einst farbenfrohe Haus unterscheidet sich jedenfalls kaum mehr von denen daneben. Lediglich zwei Details erinnern an die glamouröse Vergangenheit der 712 Red Bark Lane: Die nachgebildeten Backsteine an der Spitze des Schornsteins sowie der Homer-Kopf, die Handabdrücke und die Unterschrift, die Simpsons-Erfinder Matt Groening vor fast zehn genau Jahren im noch frischen Beton des Fußweges hinterließ.

Nachbar Cortez hätte es lieber gesehen, das Haus weiter für die Fans offen zu halten statt es zu verkaufen. Trotz des Rummels: "Das hätte sich doch bald gelegt", ist er sich sicher. Der Kurierfahrer verfolgt auch weiterhin die Simpsons, deren mittlerweile 19. Staffel ab September in den USA läuft. "Wir erzählen gerne, neben welchem Haus", sagt Cortez. Die ganze Nachbarschaft fühle sich auch ein bisschen wie in Springfield. Mit einer Ausnahme aber, wie Cortez mit einem Lächeln erklärt: "Natürlich will keiner von uns wie Ned Flanders sein."



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