Last Exit Hongkong Eisbein statt Ente süßsauer

Es gibt Weißbier, Haxen oder Currywurst - Kanton-Kost ist dagegen verpönt: Ein badischer Spielwarenhändler bringt den Chinesen seit 1984 deutsche Küche nah. Jetzt versucht er in Hongkong, die Weltwirtschaftskrise auszusitzen.


Vielleicht ganz gut, dass er mittlerweile zweigleisig fährt, denkt Peter Seeger. Was für verrückte Zeiten. Was für unsichere Zeiten vor allem! Gerade hat er die Zeitung aufgeschlagen, und das hat ihm eigentlich schon wieder den Tag verdorben. Einbruch des Exports um 21,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, meldet das "Wall Street Journal" - der schlechteste Wert seit 1958: "Man nimmt an, dass Hongkongs Wirtschaft, die sich schon in einer Rezession befindet, im Jahr 2009 um weitere drei Prozent schrumpfen wird." Längst hat die weltweite Krise Asien erreicht.

Spielzeughändler Peter Seeger nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Schneider-Weißbier. Krise macht durstig. Nebenan sitzt ein Bayer vor seinem zweiten Hellen, und hinten in der Ecke schlagen sich ein paar Chinesen den Bauch mit pork knuckles, mit Schweinshaxe, voll. Zum Glück gehört Peter Seeger auch die Kneipe. Das Geschäft mit Barbie, Godzilla und Tamagotchi läuft nicht besonders gut derzeit. Im Hafen von Hongkong stapeln sich die Container, und alle Prognosen deuten daraufhin hin, dass sich so schnell nichts ändert.

Im September 1984 hat er als zweites Standbein den "Biergarten" (8 Hanoi Road, Kowloon) eröffnet und sich an der Mündung des Perlflusses niedergelassen. Hongkong kannte er natürlich schon länger, seit Beginn der siebziger Jahre. Schließlich wurde hier all das Spielzeug hergestellt, mit dem sich die Kinder im wohlhabenden Westen die Zeit vertrieben - "Made in Hong Kong" war das Markenzeichen schlechthin für den globalen Plastikkram, und Seeger verdiente nicht schlecht an dem Boom.

Ein Platz für deutsche Gemütlichkeit

In dieser Glitzermetropole zu leben, konnte sich der Unternehmer aus der badischen Provinz irgendwann gut vorstellen, und da war er nicht der Einzige. Mit dem expandierenden Fernost-Geschäft kamen immer mehr deutsche Unternehmer nach Hongkong - "6000 sollen mittlerweile Inhaber einer Hongkong-ID-Card sein", sagt Seeger. Tagsüber scheffelten sie bislang Geld und machten wichtige Abschlüsse, und nach Dienstschluss sehnten sie sich nach Eisbein und Haxe, Weißbier, Knödeln und Sauerkraut und wollten nicht immer nur chinesisches Tsingtao-Bier trinken und Ente süßsauer essen.

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr.

Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.
"Einen Platz für deutsche Gemütlichkeit in dieser hektischen, pulsierenden Stadt zu schaffen - das wäre doch mal eine Idee", dachte sich Seeger und machte den "Biergarten - German Pub and Restaurant" auf. "Home far away from home" sollte sein Slogan werden. Das Geschäft brummte.

Nebenbei handelte der Unternehmer weiter mit Spielzeug, schließlich war Seeger nicht im Hauptberuf Gastronom. Doch die Zeiten wandelten sich, und Hongkong wandelte sich mit. Nach und nach verlagerten immer mehr Fabriken ihren Sitz nach China, an das Hongkong 1997 schließlich zurückgegeben wurde. Hongkong verlor also seine Rolle als Brückenkopf des Vereinigten Königreichs und seine Bedeutung als Billigproduzent. Stattdessen entwickelte sich die Stadt zunächst zum Handels-, später zum Bankenzentrum. Und Seeger war nun nicht mehr als Einkäufer von Spielwaren gefragt, sondern als Vermittler zwischen den großen Ketten wie Toys'R'Us und den chinesischen Spielwarenproduzenten.

Von den Hongkong-Chinesen habe er viel lernen können, sagt Seeger: "Als die Industrie Ende der achtziger Jahre in Hongkong zusammenbrach, hatten alle damit gerechnet, dass es nun auf einen Schlag Millionen Arbeitslose geben würde - doch was passierte? Die Menschen sattelten um - auf Taxifahrer oder Kellner - der Wandel verlief reibungslos. Die riesigen Fabrikhallen wurden in Lagerhäuser umgewandelt." Zum beruflichen Erfolg gesellte sich bei Seeger das persönliche Glück. Er heiratet eine Taiwanesin und wurde noch einmal Vater.

"Chinesen sind Weltmeister im Lernen"

Aber wie wird die Zukunft aussehen? Derzeit stehen alle Zeichen auf Sturm. Und Hongkong, so scheint es, ist als Nadelöhr zwischen China und den USA mit am stärksten von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen. "Die Hauptabnehmer der Chinesen waren doch bislang die Amerikaner", sagt Seeger und räumt ein: "Es sieht böse aus, 2009 kann man jetzt schon abschreiben." Und klar, das wirkt sich auch auf die Gaststätte aus: "Weniger Business heißt weniger Geschäftsleute heißt weniger Kundschaft."

Seeger bleibt dennoch Optimist. "Asien wird die Krise besser bewältigen als der Rest der Welt", glaubt er, "die Menschen hier reagieren schneller, die günstigen Produktionsstätten sind hier, die Menschen arbeiten härter, und die Chinesen sind Weltmeister im Lernen."

In den vergangenen 20 Jahren habe kaum einmal eine Arbeitskraft einen Tag ausfallen lassen. Ganz im Gegenteil: "Die sind alle froh und glücklich, wenn sie länger arbeiten können, und der Laden gut läuft - dann verdienen sie nämlich auch mehr." Auch wenn er an die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Hongkong denkt, gerät er ins Schwärmen: "Höchststeuersatz 15 Prozent, und die Einfuhrzölle auf Bier und Wein wurden ganz aufgehoben."

Nur die hohen Büromieten sind ein Problem. Nirgendwo auf der Welt sind sie höher als in der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole. Mehr als 145 Euro pro Quadratmeter muss man hinblättern, in Tokio sind es nur etwas mehr als 132 Euro, und das Londoner Westend wirkt im Vergleich zu Hongkong nachgerade billig: Da zahlt man "nur" 116 Euro. Natürlich wirkt sich das auch auf die Preise aus. Für die Schweinshaxe mit Sauerkraut und Kartoffelbrei nimmt Seeger 145 Hongkong-Dollar (die Währung ist an den US-Dollar gekoppelt) - das macht fast 15 Euro. Und ein halber Liter Bier (Bitburger) kostet außerhalb der Happy-Hour etwa sieben Euro.

"Unsere Currywurst ist die beste der Stadt"

Kein Wunder, dass in der Nachbarschaft italienische Restaurants wie Pilze aus dem Boden schießen. Kaum eine Küche ist billiger als die italienische - "klar, dass eine Pizzeria eine höhere Gewinnspanne hat als ein deutsches oder vielmehr ein französisches Restaurant". Davon, dass die Gäste auch weiterhin in seinen Biergarten kommen werden, ist Seeger dennoch überzeugt: "Die deutsche Küche ist besser als ihr Ruf, und unsere Currywurst ist die beste der Stadt."

Will er denn irgendwann nach Deutschland zurückkommen? Seeger kann es nicht ausschließen. Schon jetzt ist er fünf- bis sechsmal im Jahr in der Nähe von Karlsruhe. Seine beiden Töchter aus erster Ehe sind mittlerweile selber Eltern geworden. Seeger ist also Großvater. Seine Frau will auch etwas von der Welt sehen. "Man soll niemals nie sagen", sagt Seeger. Vielleicht macht er eines Tages ein Chinarestaurant in Süddeutschland auf.



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