Last Exit Huay Yai Stur gegen die Zensur

Es ist eine skurrile Mischung aus Völkerkunde, Schmökern und Politik: Der deutsche Kaufmann Ande führt in Thailand den ungewöhnlichen Buchverlag "White Lotus". In einem Land, in dem Pressefreiheit nur eingeschränkt möglich ist, ist das bisweilen ein Wagnis.

Aus Huay Yai berichtet


Schon wieder nichts als Ärger. Vier Druckereien haben bereits abgesagt, die fünfte will es wohl machen. Aber wer weiß! Thailand ist unberechenbar. Und die Menschen haben Angst. Diethard Ande kennt das. Seit 39 Jahren lebt der Verleger bereits im ehemaligen Siam. "Aber so schlimm wie im Moment war es noch nie", meint er.

Dabei scheint sein Anliegen harmlos. Ein neues Buch will er herausbringen; eins, das sich mit den politischen Turbulenzen der vergangenen Monate beschäftigt. Doch was in den meisten Demokratien eine Selbstverständlichkeit ist, gilt in Thailand bisweilen als tollkühn: ein politisches Buch zum Beispiel.

"Red vs. Yellow, Volume 1: Thailand's crisis of identity" soll es heißen, 160 Seiten dick, mehr als die Hälfte davon Bilder. Autor ist der deutsche Fotograf Nick Nostitz, auch er lebt schon lange in Thailand. Er hat wie kaum ein zweiter ausländischer Journalist die Unruhen verfolgt, die Besetzung des Flughafens, den Sturz der Regierung, die Tumulte von Rothemden und Gelbhemden, wie die politischen Lager genannt werden. Nun hat er ein beeindruckendes Kompendium schockierender Bilder und eindrucksvoller Berichte über das Chaos vorgelegt. Und kaum eine Druckerei wagt, das Zeitdokument zu vervielfältigen.

Ande wird das Ding trotzdem durchziehen. Er hat ein Faible für schöne Bücher und natürlich auch eins für Geschäft. Mit dem Nostitz-Projekt stößt er auf jeden Fall in eine Marktlücke, denn im buddhistischen Thailand herrscht derzeit so etwas wie das Schweigen der Lämmer.

Der König schweigt

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass regierungskritische Journalisten mundtot gemacht werden. Reihenweise wurden Internet-Seiten gesperrt, Anzeigen wegen Majestätsbeleidigung erlassen, Radiostationen stehen vor der Schließung. Wichtige oppositionelle Politiker sitzen im Knast oder Exil.

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr.

Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.
Neulich wurde sogar ein Australier monatelang weggesperrt, weil er im Selbstverlag einen Roman herausgegeben hatte, in dem die amourösen Verstrickungen eines nicht namentlich genannten Königssohns Erwähnung finden. Immer wieder kam es zu Gewaltausbrüchen zwischen Regierungsgegnern und Polizei. Jetzt brodelt es weiter unter der Oberfläche. Der König schweigt.

So eine Energie im Einsatz gegen den weltweiten Informationsfluss kennt man sonst nur aus Ländern wie Burma, Nordkorea oder China. Besonders der thailändische Justizminister gilt als treibende Kraft, am liebsten würde er die Höchststrafe für die Beleidigung des Königshauses von 15 auf 25 Jahre erhöhen, heißt es.

Von einer regelrechten "Panik, die gegenwärtig herrscht", schrieben die Blogger von "Fact" ("Freedom Against Censorship Thailand"). So sei am 14. Januar 2009 der Ölarbeiter Suwicha Thakhor verhaftet worden. Dem dreifachen Familienvater habe man vorgeworfen, "Material zu verbreiten, das die Monarchie beleidigt". Er wurde im April zu zehn Jahren Haft wegen Majestätsbeleidigung verurteilt.

Und als Anfang Dezember 2008, auf dem Höhepunkt der Bangkoker Flughafenbesetzung, das britische Wochenmagazin "Economist" eine Geschichte über die Rolle des Königshauses veröffentlichte, war in Thailand die ganze Ausgabe nicht erhältlich. Unter der Überschrift "A right royal mess" hatten die anonymen Autoren behauptet, "Thailands endloser politischer Konflikt" habe auch mit dem "Tabuthema seiner Monarchie" zu tun, und aus einem anderen indizierten Werk ("The King Never Smiles") zitiert.

Sicherheitshalber haben Ande und Nostitz ihr Buch vorher bei der Polizei vorgelegt und prüfen lassen. Niemandem ist bislang etwas Anstößiges aufgefallen. Das will nicht viel heißen. Es gehört jedenfalls Mut dazu, in einem solchen Land, das sich inmitten politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen befindet, so ein Buch zu veröffentlichen.

Ruheständler-Paradies von Huay Yai

2005 ist Diethard Ande mit seinem Verlag "White Lotus" und den vier Angestellten in das Dörfchen Huay Yai, gut zwei Autostunden südlich von Bangkok, gezogen. Vorher war er in der Hauptstadt. Aber Ande ist jetzt 71, er hat genug vom Lärm, den Staus, dem Gestank - den vielen Belästigungen, denen man in der thailändischen Hauptstadt unaufhörlich ausgesetzt ist. In Huay Yai geht es dagegen beschaulich zu.

Ande steht auf der Terrasse seines Verlagsgebäudes und blickt über Drachenfrucht-Plantagen. Weiter hinten zeichnen sich die Silhouetten ziemlich kitschiger Villen ab. Sie werden von Deutschen und Engländern bevölkert, die sich hier niedergelassen und den Traum vom Märchenschloss verwirklicht haben. Zum Meer fährt man eine Dreiviertelstunde. Die wenigsten in diesem Ruheständler-Paradies bekommen mit, was im Rest des Landes los ist. Anfang Juni haben im Süden ein paar Fanatiker eine Moschee gestürmt und zehn Menschen beim Gebet erschossen. Und im Norden bereiten Regierungsgegner neue Schlachten gegen das Establishment in Bangkok vor.

"Thailand könnte kurz vor einem Bürgerkrieg stehen", sagt Ande, der in seiner südostasiatischen Wahlheimat schon einige Staatsstreiche erlebt hat, "zum ersten Mal hat sich der Machtkampf auf das flache Land ausgedehnt, zum ersten Mal wurde die Wirtschaft des Landes angegriffen: Das ist nicht mehr mit den Coups der Vergangenheit vergleichbar".

Das Nordlicht Ande, in Hamburg geboren, in Flensburg aufgewachsen, kam wie so viele zum ersten Mal nach Thailand: als Rucksacktourist. Acht Monate lang war er 1966 durch Asien getrampt. Vier Jahre später hatte er dann in Berlin endlich sein Studium zum Wirtschaftsingenieur beendet. Doch wohin? Ande kaufte sich ein One-Way-Ticket nach Thailand. Und blieb.

Die ersten zwei Jahre arbeitete er als Geschäftsführer der Deutsch-Thailändischen-Handelskammer, doch dann schied der Präsident, der ihn geholt hatte, aus, "und es kam ein Arschloch". Ande kündigte. Aber als Hansdampf in allen Gassen fand er schnell einen Ausweg. 1972 gründete er die Firma "White Lotus" und importierte aus Europa, was sich so in Thailand losschlagen ließ: Autoersatzteile, Spezialschmierstoffe, Teflon. Irgendwann kamen Bücher ins Sortiment: Schmöker für die Hotels und ihre reisende Kundschaft.

"Hello My Big Big Honey" ist der Bestseller

Die Sache mit den Büchern gefiel Ande: "Man zahlt kaum Zölle und hat mit interessanten Sachen zu tun." Ande importierte Kunstbücher, antiquarische Werke, aber meist "das, was gerade gebraucht wurde". Anfang der Achtziger las er von den Yao, einem laotischen Volk, dessen Bewohner während des Vietnamkriegs nach Thailand abgedrängt wurden und, von Missionaren beeinflusst, ihre alten Kultgegenstände verkauften. Das Thema interessierte Ande, aber es gab noch nichts darüber. Also beschloss er, selbst Verleger zu werden, und begeisterte den Experten Jacques Lemoine für das Projekt. "Yao Ceremonial Paintings" wurde zum ersten akademischen Erfolg des Verlags. "Bis heute gilt es als Standardwerk", sagt Ande stolz.

Der große Verkaufsschlager wurde das Buch nicht. Bis heute hat sich "Hello My Big Big Honey. Love Letters to Bangkok Bar Girls" am besten unter die Leute bringen lassen. Aber man muss flexibel sein als Verleger. In Andes Sortiment finden sich mittlerweile Nick Knatterton neben Tiziano Terzani ("Saigon 1975") und Bücher über das burmesische Marionettentheater neben solchen über paramilitärische Gruppierungen in Thailand.

Im Moment läuft das Geschäft nicht so gut. Die meisten "White Lotus"-Kunden sind Reisende, und in Zeiten der Wirtschaftskrise stehen auch in Thailand viele Hotels leer. Aber wer weiß. Vielleicht wird ja das Nostitz-Buch über die politischen Scharmützel der Gegenwart ein Knüller - wenn es nicht vorher von den Zensoren der neuen Regierung aus dem Verkehr gezogen wird.



insgesamt 141 Beiträge
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Johann43, 18.06.2009
1. Wie wahr!
Ich kenne zwar nicht Herrn Ande, doch dafür den Fotojournalisten Nick Nostitz, der eine hervorragende Kenntnis über die politischen Vorgänge in TH hat und sich ständig in Gefahr begibt, wenn er seine Fotoberichte von den tatsächlichen Geschehnissen, welche von den Regierungsdarstellungen abweichen, veröffentlicht. Dafür hat er meiner Meinung nach, für seinen Mut, Anerkennung verdient. Es gibt leider zu wenig informative Bücher, in deutscher Sprache, welche die Situation in Thailand beschreiben. Informationen werden meist nur anonym geliefert, da die Autoren Angst vor Repressalien haben. Zu Recht! Da sich Herr Ande mit seinem Verlag in Thailand befindet geht er auch ein Risiko ein, denn man kann hier in Thailand niemals voraussehen wie sich so etwas entwickelt. Ich wünsche beiden viel Glück. Herzliche Grüße aus Khon Kaen Johann Schumacher
sozialgewissen 18.06.2009
2. Sind die "Rot-Hemden" wirklich.......
eine Volksbewegung in Thailand oder doch nur die Handlanger der "Neureichen" des Landes. Auch ich lebe in Thailand und zweifle bisweilen an der Ehrenhaftigkeit der Thaksin Anhänger. Zu gerne wurde in den Medien verschwiegen, dass die aus dem Norden herbeigekarrten Demonstraten, nicht nur mit ausreichend Alkohol in den Bussen angeheizt wurden, sondern auch gut 500 Thai-Bath pro Demo-Tag erhielten. (ein Tagelöhner auf dem Bau erhält für harte Arbeit 200,- Bath pro Tag) Ob Thaksin, der wieder zurück an die Macht will, dies für die einfachen Menschen Thailands tut, oder nur um seine 72 Milliarden Bath - von der Regierung gesperrtes Geld für den unversteuerten Deal seines Mobil-Funknetzes mit Singepore - wieder kassieren zu können - bleibt die Frage, die sich so einfach nicht beantworten lässt. Was für die Landbevölkerung oder den Mittelstand Bangkoks besser wäre, bleibt ebenfalls unbeantwortet, Die Unruhen in Thailand wurden in jedem Fall finanziert und es ist nicht schwer zu erraten von wem.
jona kompa 18.06.2009
3. White Lotus
White Lotus ist mir und meinen thailaedischen Designkollegen ein Begriff und der Verlag hat wunderbare Kunstbuecher herausgebracht. Die gegenwaertige Atmosphaere ist schon seltsam und es steht viel auf dem Spiel: das Koenigshaus verliert die Identifikation mit dem Volk und das Bild der Koenigin wurde in vielen Regierungsbureaus in laendlichen Gegenden abgehaegt seitdem sie der Bestattung einer der 'Gelbhemden' beigewohnt hatte - und damit Partei ergriffen hatte. Der Koenig ist sehr alt und haelt selbst mit seinem Schweigen das Land noch zusammen. Ich stimme damit ueberein dass die Gefahr eines Buergerkrieges immanent noch weiterhin besteht und es gibt einfach keine prominenten, respektierten und integrierenden Politiker hier in Thailand. Das geplante Buch ist gewagt und ich kann ihm nur viel Erfolg wuenschen. Andere kritische Photokuenstler in Thailand wie etwa Manit sind ja auch noch aktiv und munter. Dauemen druecken!
Fritz Walther 18.06.2009
4. Wie flach recherchiert?
Wer an Thailand denkt, denkt an Sextourismus??? Sicher denken viele so, aber jemand der in Thailand (nicht Huay Yai vor den Toren von Pattaya oder die Rotlichtbezirke, die es überall auf der Welt gibt) war oder ist, wird an andere Dinge denken. Der Autor des Berichts, scheint keinerlei Kenntnisse über Land und Leute zu verfügen. Es sollte vor Ort recherchiert werden. Aber Bangkok ist ja zu laut und ein stinkendes Moloch, laut Herrn Ande. Ja wenn er sich, wie viele seiner westlichen Freunde nur in seinem Milieu bewegt, kann ja nicht objektiv recherchiert werden. Diese Personen lassen sich nur zu gerne auf die Propaganda der Rothemden ein, weil sie die Thai Sprache nicht richtig verstehen und nur mit wenig gebildeten Einheimischen kommunizieren. Das Problem in Thailand ist nicht das Königshaus, sondern die Korruption der Legislative und Exekutive. Diese wurde durch die, von den Rothemden hochverehrten Expremierminister und seinem Pack perfektioniert. Die Pressefreiheit wurde unter dessen Regierung mit den Füßen getreten, während in diesen Tagen nur Artikel zensiert werden, welche gegen die Verfassung sind. Das würde auch in Deutschland geahndet werden. Die Autoren können sich gerne jederzeit an mich wenden, evtl. werden dann zukünftige Berichte mehr akkurat und man kann auch Aufmerksamkeit erwecken, ohne das Schlagwort des Sextourismus, welches in der Bild besser aufgehoben ist. Mfg
schnacker 18.06.2009
5. Rot gegen Gelb
Dieser bericht ist der erste der den zuständen in thailand nahe kommt. Ich kenne schon einige bilder von nick nostitz und einen bericht in dem er beschreibt wie ihm die kugeln aus armeegewehren um die ohren flogen. In thailand von pressefreiheit oder informationsfreiheit zu reden ist der hohn. Internetseiten werden geblockt radiosender werden geschlossen und auf alles was nicht auf linie der monarchie und der marionettendemokratie der militärs liegt wird eine regelrechte hexenjagt veranstalltet. Was aber für mich die krönung ist das in deutschen medien immer von regierung und regierungsgenern die rede ist. Meint man die "gelben" die mordend, plündernd und mit terroristischen mitteln internationale verkehrwege unterbrochen haben und hunderttausende touristen als geiseln genommen haben um eine rechtmäßig gewählte regierung loszuwerden? Während die "gelben"monatelang regierungsgebäude besetzt verwüstet und geplündert haben wurde der erste ministerpräsident von einer parteiischen justiz abgesetzt weil er in einer kochshow aufgetreten ist und eine unkostenbeteiligung bekommen hatte. Der zweite ministerpräsident immer noch von einer freien gewählten partei wurde von der justiz unter druck der mittlerweile besetzten flughäfen abgesetzt wegen angeblicher stimmenkäufe die in thailand üblich sind und von allen parteien betrieben wird. In dieser zeit standen polizei und armee tatenlos daneben. Nachdem dann die neue regierung der demokrat party mit massiven druck der millitärs genügend abgeordnete "überzeugt" hatte überzulaufen haben wir nun den zustand der jetzt in thailand herrscht. Tja und nun haben wir wieder eine regierung und regierungsgener die "roten" die gerechtigkeit verlangen, die wiedereinführung der verfassung von 1997 die dem putsch von 2006 oder war es 2003 zum opfer viel, die absetzung zweier kronräte die erwiesener maßen am putsch beteiligt waren und zu guter letzt neue freie wahlen. Die "roten" wurden als sie sich zu hunderttausenden meist friedlich in bangkok und vielen anderen städten in thailand versammelt hatten von der armee auseinander getrieben und zusammengeschossen worden. Das streitet die jetzige regierung natürlich ab aber fragen sie nick nostitz ihm sind die geschosse um die ohren geflogen und er ist um sein leben gelaufen, ihm glaube ich der regierung nicht. Der economist wurde nicht nur einmal sondern mehrfach nicht ausgeliefert. Ich würde mich freuen wenn der spiegel seinem guten ruf mal wieder nachkommt und in thailand vor ort recherchiert und der welt berichtet was hier geschieht.
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