Last Exit Ko Lanta Friesentee unter Palmen

Ein Traum wird wahr: Zwei Ostfriesen verkaufen ihr Bauunternehmen und eröffnen eine Bäckerei auf Ko Lanta, einer thailändischen Inselgruppe in der Andamanensee. Dort schmieren sie Leberwurstbrote, kochen Tee und wundern sich - die seltsame Geschäftsidee geht auf.

Wollen wir gleich zu Beginn ein bisschen gemein sein und gucken uns an diesem Februartag einmal den Wetterbericht für die Stadt Leer in Ostfriesland etwas genauer an: Morgens vier Grad, mittags sechs, gefühlte zwei Grad. Leichter Regen, Graupelschauer sind nicht auszuschließen. Hinterm Deich tost kabbelige See unter dicken Wolkenbergen.

Ina Drechsel aus Leer lacht. Sie trägt ein leichtes, lachsfarbenes Top und dazu eine Strandhose. Ihr Mann Horst hat auch nicht viel mehr an, und er lacht auch. Den beiden geht es gut, und, man ahnt es: Sie sind nicht in Leer - die beiden sind bei 30 Grad und Sonne auf Ko Lanta, einer Insel in der Andamanensee im Süden Thailands.

Und was das Schönste ist: Wenn es das Leben gut mit ihnen meint, müssen sie gar nicht mehr zurück. Ina und Hot, wie er sich jetzt nennt - die Thailänder können seinen deutschen Namen nicht aussprechen -, sind ausgewandert. Auf und davon. Nach Thailand. Ins Paradies. Oder was manche dafür halten.

Ina und Horst, beide 48 Jahre alt, sind keine Lottogewinner und keine Steuerflüchtlinge. Ina und Horst sind bodenständig und bürgerlich. Sie haben sich nur ihren ganz privaten Traum von ständiger Sonne und lächelnden Menschen erfüllt.

Viele Freunde hatten sie anfangs für verrückt gehalten. Ausgerechnet in Thailand wollten die beiden Bauunternehmer aus Leer eine deutsche Bäckerei aufmachen: ein Ostfriesencafé mit Ostfriesentee und belegten Roggenbroten. Und dazu hatten sie sich ein Logo ausgedacht, das dem der Jever-Brauerei ("friesisch-herb") ähnelt. Einige bestellten sich erst mal einen Schnaps, als sie von dem Plan erfuhren. Inas Mutter weinte. Die beiden waren wohl verrückt geworden! Wo lag das überhaupt, dieses Ko Lanta?

Strandhütte und Tauchen mit Mantas

Die Leeraner guckten in ihre Reiseführer. Dass Ko Lanta aus zwei Inseln, nämlich Ko Lanta Yai und Ko Lanta Noi, besteht und 20.000 Einwohner beherbergt, stand da. Dass die Menschen überwiegend Muslime sind und die meisten von ihnen auf Shrimp-Farmen und Kokosnussplantagen arbeiten.

Und dass Teile von Ko Lanta Yai sowie einige kleinere Inseln 1990 zum Meeresnationalpark erklärt worden waren. Gegen die Pläne der thailändischen Regierung, die Inseln zum Naturschutzgebiet zu erklären, hatten sich die Insulaner jedoch erfolgreich zur Wehr gesetzt. Das Geschäft mit den Touristen wollten sie sich von ein paar Umweltschützern von außerhalb nicht verderben lassen.

15 Jahre lang kamen Horst und Ina regelmäßig hierher. Bei der Insel Hin Daeng könne man so wundervoll mit den Mantas tauchen, schwärmt Ina: "Und überhaupt ist das Wasser klar und voller Meeresgetier." Oft blieben Horst und Ina zwei, drei Monate am Stück fort. Auf Ko Lanta hatten sie sich eine kleine Strandhütte am Meer gepachtet, und gelegentlich erkundeten sie auch andere Tauchgebiete - auf den Philippinen oder in Indonesien.

Wenn sie wieder in Leer waren, hatten sie Heimweh nach Thailand, manchmal wochenlang. Aber watt mutt, datt mutt, dachten sie sich. Da war schließlich das Bauunternehmen. Und ab und zu musste man doch auch nach dem Rechten sehen. Aber die Zeiten wurden härter für die Baubranche in Ostfriesland. Da kamen immer mehr Konkurrenten aus dem Osten und immer mehr Schwarzarbeiter. Das Geschäft war kaum noch lukrativ. Als die Ökoregierung in Berlin an die Macht kam, stiegen die Drechsels auf Wärmedämmung um. Aber es war nicht mehr wie früher.

Als Ina und Horst im Frühjahr 2007 von Freunden erfuhren, dass auf Ko Lanta die Bäckerei Santos dichtgemacht hatte und ihr Inventar verhökerte, war die Zeit reif. Die beiden Ostfriesen zögerten nicht lange. Die Firma in Leer wurde verkauft, nach 18 Jahren, und 80.000 bis 100.000 Euro Startkapital lockergemacht.

Ostfriesentee unter Palmen

Mit 170 Kilogramm Gepäck kamen Horst und Ina auf Ko Lanta an und mieteten sich einen Suzuki. Außerdem hatten sie ja die Hütte am Meer. Aber wie wird ein Bauunternehmer Bäcker? Ina beherrschte ja gerade einmal ein paar Torten. Zum Glück kannten Bekannte vom Bodensee richtige Bäcker: Günther und Beata, die hatten Lust und drei Monate Zeit. Doch als die Bodenseebäcker im Oktober 2007 ankamen, war die Arbeitsgenehmigung für Horst und Ina noch nicht da. Die Firma dagegen war gekauft - alles offiziell - und "Nang Sabai" getauft.

Die Zeit rannte. Als das Dokument endlich da war, blieb dem ambitionierten Gespann gerade einmal vier Wochen, das Brezel- und Brötchenbacken zu lernen. Doch alles ging gut. Bald standen die ersten Schwarzwälder Kirschtorten im Regal, Roggen- und Leberwurstbrote. Das Firmenschild mit dem Slogan "Ostfriesisch-herb" baumelte an der Straße. Der Tee dampfte unter Palmen, die ersten Gäste kamen.

Ko Lanta boomt ja, seit vor einigen Jahren eine Autofähre in Betrieb genommen wurde. Seitdem siedeln sich hier auch immer mehr sonnenhungrige Europäer an, die ihre Reviermarken an die Straße hängen: "Hammarby Bar", "Brits Café", "Café Francais". Auch 50 bis 60 Deutsche leben auf den Inseln. Die kamen natürlich als Erste in die "German Bakery". Und dann kamen die Touristen.

Die Hotels auf Ko Lanta sind sehr schön, und die Strände sind traumhaft, aber das Frühstück! "Meistens gibt es da nur schrumpelige Würstchen und kalte Spiegeleier", sagt Ina. Schnell stellten sich die Neubäcker auf die Lage ein. Jeden Morgen ist das Café für Frühstücksgäste jetzt geöffnet. An der Wand hängen die Ostfrieslandfahne und die von der Stadt Leer.

Im Angebot befinden sich elf heiße Kaffeesorten und sechs kalte. Ein Roggenbrot mit Leberwurst gibt es für 90 Baht (rund zwei Euro) und Toast Hawaii für 80 Baht, und man kann sich einen "Herrentoast" mit Schweinefleisch und Spargel bestellen. Die Zutaten kommen fast ausschließlich aus Deutschland - über einen Importeur in Bangkok.

Schnell mussten die Drechsels Personal einstellen. Neun Thailänder arbeiten jetzt schon für sie. Der Arbeitstag beginnt um 4 Uhr morgens. Haben sie sich das so vorgestellt? "Wir wussten doch, dass es hier nichts umsonst gibt", sagt Horst, "Aber zurück? Nein, zurück wollen wir nicht."

Jetzt bleibt den beiden Aussteigern nur zu hoffen, dass Bangkok nicht schon wieder verrückt spielt. Als im Dezember Demonstranten den internationalen Flughafen lahmlegten, brach auch auf Ko Lanta der Tourismus ein.