Last Exit Kongo Weltverbesserer im Tollhaus

Er kam als Entwicklungshelfer, heute stellt er Aids-Medikamente her: Der Mecklenburger Horst Gebbers versucht seit über 35 Jahren, Afrika voranzubringen - er blieb sogar im Kongo, als der Krieg ausbrach und Kugeln durchs Büro flogen.


Es könnte alles so schön sein. Sanft erheben sich die blassgrünen Hügel über dem bläulich schimmernden Wasser des Kivu-Sees; rot, orange und violett strahlen die Bougainvilleen, und am Himmel türmen sich Kumuluswolken zu immer neuen, bizarren Formationen. Träge gleiten auf der spiegelglatten Fläche des Sees Pirogen vorüber, und der monotone Rhythmus der Buschtrommeln, der aus der Ferne herüberweht, mischt sich mit den Rumbaklängen einer Tanzgesellschaft.

Seit über 30 Jahren blickt Horst Gebbers von seiner Terrasse auf dieses Tropenparadies in Bukavu, im Osten des Kongo. Er liebt es noch immer, doch in letzter Zeit fühlt er sich von der Schönheit betrogen. Die ganze Pracht erinnert ihn eher an eine fleischfressende Pflanze, deren Duftzauber erst unwiderstehlich und am Ende tödlich ist. Gebbers fühlt sich wie ein Gefangener, der nicht loskommt: nicht vom Kongo-Zauber und auch nicht von seiner eigenen Biografie.

Am Nordufer des Sees, wo sich hinter milchigem Nebel die Virunga-Berge auftürmen, zogen bis vor kurzem die Spießgesellen des mittlerweile festgesetzten Rebellengenerals Laurent Nkunda durch die Dörfer und mordeten und vergewaltigten. Im Westen des Kivu-Sees metzeln Maji-Maji-Krieger in Lendenschurzen und Leopardenfellen. Daneben marodieren ausgehungerte Regierungssoldaten - gierig, gewalttätig, verkommen.

Traum von einem friedvollen Kongo

Vier bis fünf Millionen Tote soll der Wahnsinn in den vergangenen elf Jahren bereits gefordert haben. Und mittendrin in diesem Tollhaus sitzt mit hochrotem Kopf Horst Gebbers, ein kleiner, gedrungener Landwirt aus Mecklenburg, und produziert unbeirrbar Malaria-Tabletten und Aids-Medikamente und träumt von einem friedvollen Kongo - einem Land, in dem die Kinder morgens in die Schule gehen und nicht ins Militärlager. Horst Gebbers träumt also von einem Land, das es so bald nicht geben wird. Und natürlich weiß er das. Doch warum ist er dann noch hier?

"Tja", sagt Horst Gebbers. Seit mehr als 35 Jahren ist er nun schon im Kongo, und eigentlich hat er das auch nie bereut. Seine beiden Söhne, Michael und Dirk, sind hier groß geworden. Zu den Kongolesen hat er ein gutes Verhältnis, mit 715 Angestellten ist Gebbers der größte Arbeitgeber in einem Gebiet so groß wie die Bundesrepublik. Er ist der Direktor von Pharmakina, und die produziert Medikamente gegen Malaria und Aids. Was soll er machen?

In die Südsee, Karibik oder an den Pazifik? Ans Kap der Guten Hoffnung oder nach Koh Lanta? In den Moloch von Bangkok oder Peking? Deutsche Auswanderer machen ihren Traum von einem neuen Leben wahr.

Was treibt sie um? Was wollen sie in der Ferne? Fragen, denen SPIEGEL-Korrespondent Thilo Thielke in seiner Kolumne "Last Exit ... " nachgeht.
Horst Gebbers trägt jetzt über seinem blau-weiß karierten Hemd einen weißen Kittel, der etwas spannt, und auf dem Kopf trägt er eine Art Duschhaube. Hinter ihm, in einer bitteren Staubwolke, spuckt eine Maschine unaufhörlich kleine, weiße Pillen aus, und um ihn herum wuseln dienstfertige Kongolesen, die Gebbers ihren Arbeitsplatz verdanken. Sie sortieren, verpacken und wuchten Kisten.

"Man hat Verantwortung", sagt Gebbers. Als Unternehmer ist er auch eine Art Entwicklungshelfer. Einer, der im vielleicht gottverlassensten Teil der Erde hilft. In einer Welt, die von Macheten regiert wird und in der Bäche von Blut fließen.

1972 zog Gebbers in den Westen des Kongo. Er hatte zwei kleine Kinder und eine Frau, die bereit war, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Es hieß Entwicklungshilfe in Afrika: Bauer Gebbers sollte die Rinder von Missionaren betreuen.

Damals herrschte noch Mobutu Sese Seko über Zaire - ein korrupter Typ, dessen Beiname "der starke Hahn, der keine Henne unbestiegen lässt" lautete. Dennoch herrschte auch so etwas wie Aufbruchstimmung. Die belgischen Kolonialherren waren fort, die Katanga-Separatisten besiegt, zum legendären Box-Event "Rumble in the Jungle" in Kinshasa kamen Mohammed Ali und George Foreman.

Tote in den Straßen, Kugeln im Büro

Vier Jahre blieb Gebbers bei den Missionaren. Dann zog er in den Osten, wo die zu Boehringer Mannheim gehörende Arzneimittelfirma Pharmakina jemanden suchte, der ihre Plantagen beaufsichtigte. Pharmakina baute Chinarindenbäume an, aus denen Chinin gewonnen wird. Chinin wird für Malaria-Tabletten benötigt. Ein gutes Werk, ein guter Job in einer der reichsten und schönsten Gegenden des Kontinents also. Damals lebten hier sogar noch ein paar Belgier, zu Besuch kamen dann und wann Touristen, und durch die Wellen des Kivu-Sees pflügten Sportboote.

Dann versank der Kongo im Chaos. 1996 stürmten ruandische Truppen Bukavu, und Pharmakina wurde zum ersten Mal geplündert, Schaden: zwei Millionen Dollar. Danach wurde der Ostkongo immer wieder heimgesucht. Auf den Straßen stapelten sich die Toten, und manchmal lag Horst Gebbers stundenlang unter dem Schreibtisch in seinem Büro, während über ihn hinweg die Kugeln aus den Kalaschnikows sausten.

Boehringer Mannheim wurde an Hoffmann-La Roche verkauft, und Roche wollte Pharmakina loswerden. Nur Gebbers konnte nicht fort. Da waren die Angestellten, die er nicht alleine lassen wollte, und da kam ihm auch die eigene Biografie in die Quere. Gebbers kam schließlich, um Afrika auf die Beine zu helfen - da nimmt man nicht Reißaus. Erst recht nicht, wenn um einen herum alles zusammenbricht. Mit einem elsässischen Kompagnon kaufte Gebbers Pharmakina und kämpft seitdem als Fabrikant mit dem alltäglichen Wahnsinn.

Aids-Therapie für 21 Dollar im Monat

Ideen hat der Unternehmer, scheitern wird er dennoch. Als Gebbers las, dass kleine Firmen Aids-Medikamente herstellen dürfen, um eine finanzierbare Therapie in Afrika zu ermöglichen, handelte er kurzentschlossen und rüstete Pharmakina um. Er baute Laboratorien und eine Produktion. Gebbers Aids-Therapie ist seitdem für 21 Dollar im Monat erhältlich.

Dennoch geht der Plan nicht auf. Statt 140.000 Abnehmer, so viele könnten von Pharmakina versorgt werden, hat Gebbers nur 150. Für die meisten Kongolesen sind 21 Dollar noch zu viel. Der kongolesische Staat, der Gebbers' Präparate zuließ, gibt selber kein Geld für die Gesundheit seiner Bürger aus, und die internationale Aids-Hilfe wie der Global Fund kauft nur bei den teuren Großkonzernen ein. Ein Zulassungsverfahren, um von der internationalen Entwicklungshilfe für würdig befunden zu werden, würde Gebbers rund eine Million Dollar kosten.

"Nun wissen wir auch nicht mehr weiter", sagt Horst Gebbers und schaut den beiden Kronenkranichen nach, die über seinen Rasen flanieren. "Eigentlich war ich immer Optimist, aber so langsam verliere ich den Glauben."



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