Himalaya-Bergsteiger Jost Kobusch "Mit 22 fühlt man sich unsterblich"

Sein Erdbeben-Video aus dem Everest-Basislager ging um die Welt: Als eine riesige Lawine auf ihn zurollte, hielt der deutsche Bergsteiger Jost Kobusch mit der Handykamera drauf. Hier schildert er erstmals, wie er die Katastrophe erlebte.

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Kobusch, Ihr Video vom Lawineneinschlag im Basecamp des Mount Everest wurde seit Sonntag bei YouTube fast 20 Millionen Mal aufgerufen - wie haben Sie diese dramatischen Momente erlebt?

Jost Kobusch: Wir saßen im Essenszelt beim Frühstück, ein paar Bergsteiger aus unserer Gruppe waren gerade aus dem Khumbu-Eisfall zurück. Ich fühlte mich an dem Morgen nicht gut und war deshalb im Lager geblieben. Dann begann die Erde zu beben. Ich bin rausgegangen und habe angefangen, mit dem iPhone zu filmen. Wenn ich unterwegs bin, versuche ich immer, alles zu filmen und zu fotografieren. Das veröffentlichte Video ist allerdings nicht komplett, weil es zu groß zum Hochladen war. Es fehlen die ersten 35 Sekunden.

Zur Person
  • jostkobusch.com
    Der Bergsteiger Jost Kobusch, 22, stammt aus Borgholzhausen. Zum Zeitpunkt des Erdbebens in Nepal befand er sich im Everest-Basecamp, um mit dem Lhotse (8516 Meter) seinen ersten Achttausender zu besteigen. Im Jahr 2014 war er der jüngste Kletterer, der den Ama Dablam (6814 Meter) im Alleingang bestiegen hatte.
  • Homepage von Jost Kobusch
SPIEGEL ONLINE: Was passierte in diesen 35 Sekunden?

Kobusch: Am Anfang, als die Erde wackelte, war alles noch sehr lustig, wir haben gescherzt und gelacht. Doch plötzlich fiel mir auf, dass weit vor uns Leute rannten. Und dann kam diese riesige Wand aus Eis auf uns zu.

SPIEGEL ONLINE: Anstatt auch zu laufen, sind Sie stehengeblieben und haben weiter mit dem Handy gefilmt.

Kobusch: Das ist schon unvernünftig. Mit 22 fühlt man sich unsterblich, man hat sein ganzes Leben noch vor sich und so viele Pläne. In dem Moment hat mich irgendwie mein Unterbewusstsein geleitet: Ich wollte unbedingt einen Film über diesen Moment haben. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, ob es überhaupt etwas bringt, wenn ich weglaufe.

Fotostrecke

10  Bilder
Erdbeben in Nepal: Lawinendrama im Everest-Basecamp
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich dann in Sicherheit gebracht?

Kobusch: Wir haben uns im letzten Moment hinter Zelten und hinter einem Felsblock auf den Boden geworfen. Zum Glück waren wir nicht im Zentrum der Lawine - einige der Bergsteiger, die gestorben sind, wurden samt ihrer Zelte bergab geschleudert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sah das Lager nach der Lawine aus?

Kobusch: Wie ein Schlachtfeld, das war ein ziemlicher Schock. Zelte, Schlafsäcke, kaputte Stangen und Schuhe lagen überall verteilt, es roch nach Benzin. Zunächst haben Sherpas angefangen, die Ausrüstung einzusammeln. Eine Schneedecke bedeckte den Boden. Natürlich herrschte große Verwirrung: Was ist hier passiert, gibt es Verletzte, gibt es Tote?

SPIEGEL ONLINE: In dem Video hört man Sie rufen, dass alle zum Küchenzelt gehen sollten - warum dorthin?

Kobusch: Unser Küchenzelt, in dem wir gerade noch gefrühstückt hatten, war gut verankert, großräumig und stabil. Deshalb dachte ich, wir sollten uns dort sammeln. Dann haben wir gemerkt, dass die Lawine auch dieses Zelt komplett zerstört hatte.

SPIEGEL ONLINE: Die betroffenen Bergsteiger sind nur ein winziger Teil der Katastrophe - konnten Sie sich schon ein Bild machen über das Ausmaß des Unglücks und die Folgen für Nepal?

Kobusch: Wir sind nun in Lukla im Everest-Gebiet und damit in einer Region, die nicht so sehr betroffen ist, die Zerstörungen sind hier nicht so stark. Man ist da wie in einer kleinen anderen Welt. Morgen werde ich nach Kathmandu zurückreisen und dort wohl erst begreifen, was passiert ist.



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