Quirpon Island: Wal vor der Haustür
Quirpon Island: Wal vor der Haustür
Foto: Viking Trail Tourism Association

Leuchtturmhotel auf Quirpon Island Da taucht er!

Ab Frühjahr ziehen Eisberge vor der Haustür vorüber, ab Sommer heißt es Wale zählen. Das Lighthouse Inn ist die einzige Unterkunft auf Quirpon Island in Neufundland und eine der abgelegensten Kanadas.
Von Ole Helmhausen

»Hallo? Ist jemand da?« Im winzigen Hafen von Quirpon sehe ich keine Menschenseele, geschweige denn ein Lebenszeichen von Ed English. Mit ihm, dem Besitzer von Linkum Tours, wollte ich mich hier treffen.

Um bis hierher zu gelangen, war ich an diesem Spätsommertag den über 400 Kilometer langen Viking Trail die Northern Peninsula hinaufgefahren, an der 436 nach L'Anse-aux-Meadows und fünf Kilometer vor der Wikinger- und Unesco-Stätte nach Quirpon abgebogen. In Plum Point auf halber Strecke hat mir der Tankwart beigebracht, dass Quirpon »Karpoon« ausgesprochen wird und sich mit »harpoon«, dem englischen Wort für Harpune, reimt. »Karpoon« also hat 77 Einwohner, besagt das Schild am Ortseingang – dahinter steht ein relativierendes »some days«.

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Quirpon Island in Neufundland: Wal-Spotten, bis die Augen schmerzen

Foto: Ole Helmhausen

Vor der Tür eines der Lagercontainer liegt ein Paar Gummistiefel, unter einem Carport daneben parkt ein BMW Roadster mit Florida-Kennzeichen. Ich klopfe energisch. Dann taucht Ed aus dem Halbdunkel auf, streift die ölverschmierten Hände am Overall ab und ruft fröhlich: »Schön, dich zu sehen!« Und: »Ich kann dich heute leider nicht zum Lighthouse Inn bringen. Zu hoher Seegang!«

Wie bitte? Deswegen war ich doch hierhergekommen. Ed, Mitte fünfzig, in West-Neufundland geboren und bekannt als Eisbergspezialist, erfahrener Kajaker und geborener Storyteller, reckt seine drahtige Statur und blinzelt vergnügt durch seine verschmierten Brillengläser. »Aber das ist kein Problem, wenn du nichts gegen einen Spaziergang hast.«

So ist Ed. Dass sein Lighthouse Inn auf der Nordseite von Quirpon Island steht und er noch eine zweite Anlegestelle hat, und zwar in Sichtweite der uns gerade unmittelbar gegenüber liegenden Inselsüdseite, verrät er nur nach und nach. Wenig später powern wir in seinem Schlauchboot mit Festrumpf hinüber. Überall sonst gäbe es jetzt einen »waiver«, eine zu unterzeichnende Verzichtserklärung, die alle Anbieter solcher Unternehmungen einem zu Beginn unter die Nase halten.

Doch Ed sagt, dies sei Neufundland, und erzählt mir lieber von Wikingern, Seeräubern und Geistern und wie sein Großvater, ein Schiffskapitän, die »SS Ethie« während eines Sturms im Winter 1919 nicht weit von hier auf Grund laufen ließ und damit Besatzung und Passagiere rettete. Als ich nach Walen frage, erklärt er, dass Quirpon Island der beste Ort für Walbeobachtung ist.

»Wir liegen in der Iceberg Alley. Das bedeutet, dass die starken Meeresströmungen nicht nur die Eisberge aus Grönland direkt vor unserer Haustür vorbeitreiben, sondern auch, dass riesige Fisch- und Krillschwärme mit dabei sind. Und damit mehr Wale als du jemals gesehen hast!« Dazu erzählt er gleich noch die Geschichte eines Kajakfahrers, der hier stecken blieb und einen Umweg machen musste. Einfach, weil vor dem Bug zu viele Wale unterwegs waren.

Die längsten Saisons für Wal- und Eisbergbeobachtungen

Während ich mit diesem Bild im Kopf an Land stolpere, rät er mir, immer schön rechts von der Stromleitung zu bleiben. Dann macht er kehrt und braust zurück. Damit stehe ich nun allein auf dieser baumlosen, sechs Kilometer langen und knapp halb so breiten Insel am Nordzipfel Neufundlands. Ein seltsames Gefühl. Versprengte, auf Eisbergen südwärts reisende Eisbären sind nicht zu befürchten, dafür ist es dieses Jahr zu spät.

Was ich wohl überhört habe: Außer der Stromleitung gibt es auch noch einen Trail, den Ed mit seinem Allrad Quad hinterlassen hat. Ich stapfe also los, genieße auf Hügelkuppen mit grünen Matten subarktischer Vegetation fantastische Rundumaussichten und balanciere auf wackeligen Holzschienen durch feuchte Niederungen. Der Wind ist stark, aber noch nicht kalt. Zwei, drei Stunden später blitzt das Weiß-Rot des Leuchtturms und des Lighthouse Inns daneben auf.

1998 hat Ed English unbesehen das alte Leuchtturmwärterhäuschen hoch über dem Meer gekauft und in nur sieben Monaten in eine der abgelegensten Unterkünfte von Nordamerika verwandelt. Für den Spontankauf, mit dem er auch sein Unternehmen  startete, gab es drei gute Gründe: die längsten Saisons in der Provinz Neufundland und Labrador für Wal- (Juni bis September) und Eisbergbeobachtung (Anfang Mai bis Ende Juli). Und schlicht und einfach die Lage: gefühlte Lichtjahre abseits aller touristischen Trampelpfade.

»Hallo, ist jemand zu Hause?«, rufe ich auch hier, trete in das Inn ein und bin sogleich von Wärme umhüllt. Links wartet ein altmodisches, dunkel vertäfeltes Wohnzimmer mit Sofa, Tisch und Ohrensesseln. Rechts geht es zum gemeinschaftlichen Speiseraum, und gleich daneben öffnet sich die Küchentür. »Hi, du hast uns gefunden!«, sagt Maria, Eds Lebensgefährtin. Sie kommt aus Miami – wo auch Ed im Winter wohnt – und hat an diesem Wochenende den Küchendienst übernommen. Ich beziehe mein Dachzimmer, mit modernem Bad und Meeresblick.

Surfende Buckelwale, Orcas auf Kies

Abends sind wir sechs am Tisch, Ed hatte noch vier weitere Gäste zum Inn übergesetzt. Zu Fish and Chips, Wein und Pudding erzählt er, dass die Fischer einst nur mit Kruzifixen in den Händen die Insel betraten, aus Angst vor Geistern und Dämonen. Aber das sei lange, lange her. Wie so viele der Geschichten des Abends, am Ende grinst er und sagt: »Die Hälfte davon ist wahr. Ihr entscheidet, welche das ist!«

Quirpon Island in Neufundland

Wahr ist: Vor der Haustür wimmelt es anderntags nur so von Walen. Natürlich sieht Ed sie eher als seine Gäste. »Ich sehe fünf, und ihr?«, sagt er und reicht uns die Ferngläser. Die nächsten zwei Tage verbringe ich meist auf den grauschwarzen Felsen unterhalb des Inns, scanne das kabbelige Wasser, bis die Augen schmerzen, und zähle Buckelwale, Zwerg- und Finnwale. Nach diesen sanften Riesen Ausschau zu halten, zu wissen, dass sie ganz in der Nähe sind und jederzeit auftauchen können, hat etwas Magisches, Magnetisches.

Eds Landestelle, an der ich zunächst an Land hätte gehen sollen, befindet sich ein paar Hundert Meter vom Inn entfernt an einer alten Betonmauer in einer kleinen Felsenbucht. »Da kommen die Orcas gern hinein, um sich die Bäuche auf dem Kies zu reiben«, sagt er. Dort habe ich das meiste Glück. Fischende Basstölpel schießen im Sturzflug ins Wasser, Zwergwale surfen in den Wellen. Und weiter draußen mache ich mit dem Fernglas einen Buckelwal aus, der den hohen Wellengang dazu benutzt, sich von ihm mit weit aufgerissenem Maul eine schräge Felswand hinauf- und hinabtragen zu lassen. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Abends fragt Ed, wie mein Tag gewesen ist. Unbeschreiblich, sage ich und erzähle. Ed strahlt. Er kennt den Felsen, sagt er. Wer dort oben lang genug warte, habe gute Chancen, den Walen direkt ins Maul zu blicken. Dieses Mal bin ich mir hundertprozentig sicher: Das ist eine Geschichte, die wirklich wahr ist.

Anmerkung zur Transparenz: Ole Helmhausen ist freier Autor des SPIEGEL. Diese Reise wurde von Newfoundland & Labrador Tourism  und Go Western Newfoundland  unterstützt.

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