Libyen Ein Traum von einer Oase

Der ehemalige Schurkenstaat Libyen mausert sich zum beliebtesten Sahara-Reiseland. Die nordwestliche Region Tripolitanien bietet zwischen der Oasenstadt Ghadames und der Küste viele einzigartige Kulturschätze. Am 29. März lockt eine totale Sonnenfinsternis.

Von Florian Harms


"Schaut auf diese Stadt!" Hischam Gaga tritt noch einen Schritt näher an den Rand der Dachterrasse. Seine Hand lässt er in einem weiten Kreis durch die Luft schweifen, als wolle er die weißen Häuser ringsum streicheln. Ergriffenheit, Stolz und Wehmut schwingen in den Worten des Berbers, als er anhebt, seine Heimatstadt zu beschreiben: "Seht nur, die grünen Palmgärten zwischen den strahlenden Fassaden und den Sanddünen! Schaut euch dieses vollkommene Prinzip der überdachten Gassen an, das die Frauen auf den Dächern vor den Blicken der Männer verbarg! Dort drüben bin ich aufgewachsen. Habt ihr das Haus gesehen?"



Hischam bricht ab. Doch seine Worte geben den Zauber wider, der über dieser seit langem unbewohnten Stadt im Dreiländereck von Libyen, Algerien und Tunesien liegt. Ihre ehemaligen Bewohner sprechen von ihr wie von einer verlorenen Tochter, dabei waren sie es selber, die diesem Ort den Rücken kehren mussten: Ghadames, Perle der Sahara und Quell der Fruchtbarkeit in der Wüste. Sie war einst die stolze Herrscherin über die Karawanenrouten des Transsahara-Handels. Dattelpalmen, Feigen-, Granatapfel- und Zitrusbäume, Zucchinistauden und Melonenfelder gedeihen hier seit eh und je. "Den Tuareg erschien Ghadames als das Paradies", sagt Hischam Gaga.

Heute ist das Paradies verlassen. Im Rahmen eines ideologisch motivierten Modernisierungsprogramms erbaute die libysche Regierung im Jahr 1983 direkt neben der alten Stadt eine Siedlung aus Betonhäusern, zwang die sesshaft gewordenen Tuareg dorthin umzuziehen und vernichtete so über Nacht eine Jahrhunderte alte Stadtkultur. Doch seit kurzem wird das Paradies von europäischen Touristen wiederentdeckt, die sich nicht vom immer noch zweifelhaften Ruf Libyens abhalten lassen. Sie werden angelockt von einer der eindrucksvollsten Regionen Nordafrikas: Tripolitanien im Nordwesten Libyens bietet zwischen der Oasenstadt Ghadames und den antiken Ruinen an der Küste so viele Sehenswürdigkeiten, dass es sich nicht hinter den Besuchermagneten Tunesien und Ägypten verstecken muss.

"Medien blenden das Leben der Menschen aus"

Die Region beginnt sich gerade erst vorsichtig dem Fremdenverkehr zu öffnen, folglich stoßen Besucher allerorten auf eine erfrischende Unprofessionalität. Man mag es auch Unverdorbenheit nennen. Wer nicht auf Planungssicherheit besteht, kann in Libyens Schmuckkammer Kulturschätze ersten Ranges entdecken, ohne aufpassen zu müssen, dass ihm ein Tourist in einer Ruinenstadt wie Leptis Magna vor die Kamera tappt oder eine laute Reisegruppe die Magie dieser besterhaltenen römischen Metropole Nordafrikas stört.

Zahlreiche Polizeidienste observieren das wohlhabendste Land Afrikas, ohne dass der Eindruck eines Überwachungsstaates entstünde. Entführungen wie im Nachbarstaat Algerien gab es hier noch nie. "Mittlerweile schreiben sogar unsere eigenen Zeitungen kritisch über die Regierung, und Gaddafi gesteht Fehler seiner früheren Politik ein", sagt ein Rechtsanwalt. "Unser Ansehen in der Welt ist auch deshalb so negativ, weil die westlichen Medien, wenn sie sich schon mal mit Libyen befassen, nur die Politik beleuchten, das Leben der Menschen aber ausblenden."

Die Menschen aber erlebt man nur vor Ort. 35 Milliarden US-Dollar will die Regierung in den kommenden Jahren in den Tourismus investieren, dabei sollen Studienreisen für maximal drei Millionen Besucher pro Jahr im Vordergrund stehen. An Massentourismus ist nicht gedacht. Schon jetzt sind die wenigen Touren deutscher Studienreiseanbieter nach Tripolitanien regelmäßig ausgebucht. Allein zur totalen Sonnenfinsternis am 29. März werden Tausende von Gästen erwartet. Wer allerdings Geld sparen und mehr erleben möchte, wird sich lieber an einen lokalen Reiseveranstalter wenden.

Labyrinthartige Gassen als Verteidigungsstrategie

Denn anders gelangt man kaum an Menschen wie Hischam Gaga. Der Berber hat in der DDR studiert, was ihm aber wie vielen seiner Landsleute keinen dauerhaften Arbeitsplatz bescherte, und führt nun Besucher durch die labyrinthartigen Gassen seiner Heimatstadt Ghadames, wo einst fünf Karawanenrouten zusammenliefen. Anfang des 9. Jahrhunderts wurden hier jährlich 30.000 Kamele verkauft. Ghadames stieg zum wichtigsten Handelsplatz zwischen der Mittelmeerinsel Djerba und der Stadt Gao am Niger auf, später kamen Verbindungen nach Kairo, Tripolis und Timbuktu hinzu. Neben Edelmetallen und schwarzen Sklaven war Salz eines der begehrtesten Handelsgüter und wurde zeitweise teurer gehandelt als Gold.

Der ehemalige Reichtum ist der Stadt noch heute anzumerken. 1250 Gebäude schmiegen sich an- und ineinander, nur einzelne Lichtschächte durchbrechen die weißen Gewölbegänge zwischen den Häusern. "Nahten Feinde, sahen die Frauen auf den Dächern sie als Erste. Sie sangen eine bestimmte Melodie und warnten so ihre Männer, die in den Oasengärten arbeiteten", erzählt Hischam, "und dann deckten sie die Lichtschächte mit Palmmatten ab, so dass die ganze Stadt im Stockdunkeln lag und die Angreifer wie Blinde umhertappten."

Nicht nur die acht Hektar großen Oasengärten, auch die Stadt war zentimetergenau unter ihren Bewohnern aufgeteilt. "Wir waren zwei Berberstämme, die Beni Wasid im Süden und die Beni Walid im Norden", erinnert sich Hischam, "und diese waren wiederum in sieben Sippen unterteilt, die jeweils ein Stadtviertel bewohnten. Von den Versammlungsplätzen, den öffentlichen Bädern und den Moscheen abgesehen, hatte man außerhalb seines eigenen Viertels nichts zu suchen. Das hat uns als Kinder aber nicht abgehalten, in fremden Gassen herumzustromern."

"Hundertundzwei, mein Kleiner, hundertundzwei!"

"Al-ler-dings! Einen mordsmäßigen Radau habt ihr Lausbuben gemacht, besonders gern vor meiner Haustür! Wenn ich einen von euch zu fassen bekam, konnte er was erleben. Aber du bist immer rechtzeitig ausgebüxt..." - Plötzlich ist ein zahnloser Greis aus dem Dunkel einer Seitengasse aufgetaucht und fixiert Hischam mit stechenden Äuglein. Dann zucken die Mundwinkel des Männleins und geben ein meckerndes Lachen frei, das in der Gasse widerhallt. "Jetzt habe ich euch schön erschreckt, wie? Das war späte Rache! Komm, lass dich umarmen, Kleiner!" Erleichtert beugt Hischam das Knie, um sich von dem Alten an dessen ausgemergelte Brust drücken zu lassen. "Du bist doch sicher schon hundert Jahre alt, Onkel Ahmad!" - "Hundertundzwei, mein Kleiner, hundertundzwei!"

So ist das in Ghadames. Die Altstadt mag verlassen sein, aufgegeben ist sie nicht. Hochzeiten und andere Feste werden noch immer hier gefeiert, die Moscheen werden noch genutzt, und wer durch die dunklen Gassen streift, macht so manche unverhoffte Begegnung. Ein Traum von einer Oase.





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