Liparische Inseln Vom Winde verwöhnt

Die Vulkaninseln nördlich von Sizilien bieten mehr als exquisite Kapern und spektakuläre Panorama-Aussichten: Weltweit bekannt wurde die Insel Salina durch den Filmklassiker "Der Postmann" – und auch danach kamen immer wieder Prominente auf eine Limonen-Granita vorbei.

Von Swantje Strieder


"Vergiss Capri", sagt Antonello, kneift die Augen gegen die Sonne zusammen und zupft energisch an seinen verhedderten Fangnetzen herum, "da ist es ja so eng wie in einer Sardinenbüchse!" Im vergangenen Frühjahr war der Sizilianer Antonello mit seiner jungen Frau dort auf Hochzeitsreise, weil die Schwiegerfamilie es so wollte. Er war heilfroh, als er wieder auf seiner geliebten Insel Salina war. Breitbeinig steht er über seinem Boot und zeigt auf die mit Ginster, Mohn und wildem Fenchel bewachsene Küste, auf die Klippen, wo sich die Gesteinsschichten wie goldbraune Falterflügel nach links und rechts ausbreiten, und auf den schwarzen Strand, wo die Brandung kratzend und schmatzend kreisrunde Lavasteine heranwogt. Wind, Wasser, rollende Steine, der Klang von Salina.

Die wilde Schönheit gehört zu den Äolischen Inseln, Vulkane allesamt, die wie ein Siebengestirn weitab von Sizilien im Mittelmeer liegen. Jede der Inseln hat ihre Persönlichkeit: Stromboli, die mythische Feuerspuckerin, Panarea, die Mondäne, Lipari, die Geschäftstüchtige, Vulcano, die Schwefelhaltige, Alicudi und Filicudi, die einsamen Außenposten, und schließlich Salina, die Grüne mit dem duftenden mediterranen Buschbehang. Wer das Glück hat, im Morgendunst mit dem uralten weißen Fährschiff aus Neapel anzureisen, der erkennt die romantische Silhouette Salinas von weitem: Wie Aphrodite schaumgeboren liegt sie da, die Zwillingsvulkane Monte dei Porri und Monte Fossa delle Felci ragen wie zwei volle Brüste in den Morgenhimmel.

Komm' auf mein Fischerboot

Wer einmal auf Salina gestrandet sei, behauptet Antonello, der komme so leicht nicht mehr los. Auch wenn es hier nicht viel mehr als Kapern, Fisch und klebrig süßen Malvasia-Wein, in Sommernächten viele Sternschnuppen und an Wintertagen reichlich Stürme gebe. Eine geheime Anziehungskraft sei da wohl, so wie die Sirenen einst Odysseus lockten. Jedenfalls kam seine blonde Maria Clara aus Monza im Norden Italiens an einem heißen Sommertag auf sein Fischerboot. Mit ihren Freundinnen. Nur, um zu baden. Und sie blieb.

Wobei das Schwimmen im Meer auf Salina oft eine abenteuerliche Sache ist. Denn hier gibt es nun mal keine feinen weißen Strände. Wir stehen ziemlich allein am schwarzen Kieselstreifen von Pollara, der nur nach einer Kletterpartie über die Klippen zu erreichen ist. Der beste Teil des Strandes ist auch noch durch einen Zaun versperrt, weil sich einmal ein Tourist den Knöchel verstauchte und den Bürgermeister von Pollara, dem kleinsten der drei Inseldörfer, dafür verklagte.

Touristen kommen gern an diesen Strand. Denn hier, auf den grünen Klippen von Pollara, wurde 1994 "Il Postino" ("Der Postmann") gedreht: die Geschichte einer Freundschaft zwischen Pablo Neruda, ins Exil nach Salina verschlagen, und dem einfachen Briefträger Mario, der dem chilenischen Dichter täglich die Post über die Steilküste heranradelt, sich das erste Mal für Poesie und Politik begeistert und die Liebe der Wirtstochter Beatrice gewinnt.

Ganz Italien weinte über den Postino, vor allem, weil der wunderbare italienische Schauspieler Massimo Troisi noch einmal sein Bestes gab. Sein Tod war nur im Drehbuch vorgesehen, nicht im wahren Leben. "Ciao, amici", soll er seinen Freunden vom Set gesagt haben, "ich geh’ mich mal ein bisschen ausruhen." Nur Stunden nach Beendigung der Dreharbeiten erlag der 41-jährige Troisi einem lange befürchteten Herzinfarkt.

"Der Troisi war reizend, er hatte das Zimmer da rechts oben”, sagt Clara Rametta, die eloquente Besitzerin vom Hotel "Signum" im Inselort Malfa, und zeigt auf das rosa Bauernhaus mit den dunkelblauen Fensterläden und den gelb leuchtenden Zitronenbäumen davor. "Er hatte überhaupt keine Starallüren, machte kein Aufhebens von sich." Vier Wochen war das gesamte Filmset mit dem französischen Star Philippe Noiret und dem neuen italienischen Busenwunder Maria Grazia Cucinotta in Claras Hotel. Wo sonst? Es gibt kein Hilton hier, und außerdem heißt es, dass die dynamische Hoteliersfrau sowieso den ganzen Deal mit dem "Postino" eingefädelt habe.

Während Michele, ihr Mann, als Küchenchef immer neue Fisch- und Kapern-Gerichte und Limonen-Nachtische kreiert, agiert Clara als grüne Aktivistin und kostenlose PR-Agentin. Vor 16 Jahren hat sie die Sagra del Cappero, das große Kapern-Erntefest, erfunden, das ein Hit zur internationalen Vermarktung der würzigen Knospen wurde. Claras neuestes Baby heißt Salina-Film, ein Festival für Dokumentarfilme, gesponsert vom italienischen Umweltministerium.

"Aber glauben Sie nur nicht, dass wir um Prominente auf Salina viel Gesums machen", sagt Clara resolut, "ob nun Isabella Rossellini bei unserem besten Eismacher Alfredo in Lingua eine Limonen-Granita schlürft oder das belgische Königspaar durch den Hafen bummelt, hier bleiben alle nett, aber normal." Noch geht das Leben auf der grünen Insel seinen beschaulichen Gang, wird von Lust, Laune und Langsamkeit bestimmt.



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