Los-Angeles-Tagebuch "Holt Monika Lewinsky zurück"

Sticker, Bücher, Bastelpuppen: Das Bush-Bashing wird in den USA immer beliebter. Die US-Öffentlichkeit ist weniger gleichgeschaltet, als in Europa suggeriert wird. Wie ganz normale Amerikaner auf schlechte Nachrichten reagieren oder sie ignorieren.

Von Henryk M. Broder


Bei Barnes und Noble, dem größten Buchladen in Santa Monica, bekommt man alles, was der Mensch zum Lesen und Schreiben braucht. Bücher, Brillen, Kalender, Notizblöcke, Land- und Postkarten. Neben der Kasse liegen, wie in jedem Buchladen, die Artikel, die sich am besten verkaufen. Darunter auch ein Postkarten-Buch mit zehn Stickern zum Aufkleben. Die Amis mögen so was. Wer eine Meinung hat, der benutzt sein Auto als rollende Litfasssäule, um sich anderen mitzuteilen.

Bush-Bashing wird immer beliebter
Alex Gorski

Bush-Bashing wird immer beliebter

In diesem Fall geht es aber um mehr. "Help get your country back!" Hol Dir Dein Land zurück! Und: "Stick it to Bush!" Hau es Bush um die Ohren! Jeder der zehn Bumper Sticker verkündet eine Botschaft. "More Trees - Less Bush", "Four More Wars" (statt "Four More Years"); "Bring Back Monica Lewinsky". So kommt die Praktikantin, über die Bill Clinton beinah gestolpert wäre, wieder ins Gespräch. Das Buch gehe sehr gut, sagt die Frau an der Kasse, sie habe auch schon einige Exemplare gekauft und verschenkt, allerdings noch keinen dieser Sticker an einem Auto gesehen. Und dafür werden Bumper Sticker eigentlich gemacht.

Auf einem Tisch liegen alle Neuerscheinungen, die sich mit George Bush und seiner Regierung beschäftigen. Fast jede Woche kommt ein neues Buch dazu. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Bastler mögen das "Paper Doll Book - Starring W. And Friends" - der Präsident, der Vizepräsident, der Justizminister und der Verteidigungsminister zum Ausschneiden und Verkleiden. Intellektuelle kaufen eher das "George W. Bush Quiz Book", um ihr Allgemeinwissen auf den letzten Stand zu bringen. Der Autor ist ein bekannter Humorist, er hat schon einen Bestseller mit dem Titel "Die Kleider haben keinen Kaiser" geschrieben.

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Los-Angeles-Tagebuch: Bush Bashing

Auf dem Cover des Quiz Book sieht man einen Mann, der sowohl einem Affen wie dem Präsidenten sehr ähnlich sieht. Er soll die Frage beantworten, ob die Erde ein Würfel, eine Kugel oder eine Scheibe ist. Eine der Fragen, die der Leser beantworten soll, lautet: "An was dachte Bush, als er von einem 'bedeutenden Kontinent' sprach? A: Asien, B: Afrika, C: Australia, D: Austria." Die richtige Antwort lautet B, aber niemand wäre überrascht, wenn es D gewesen wäre.

Zwei Blocks weiter, vor dem Eingang zum "Johnny Rockets", hat Vincent seinen Tisch aufgebaut. Auch er verkauft Anti-Bush-Sticker - das Stück zu 1.50 Dollar, vier Stück für 5 Dollar - und sammelt Unterschriften für ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten. Vincent, 40, ist ein "Philosoph, Dichter, Träumer", einmal im Monat produziert er für "Adelphia", einen Offenen Kanal, ein TV-Programm namens "Street Talk". Leider sind die zwei schönsten Sticker ausverkauft: "Send Bush to Mars" und "Somewhere in Texas there is a village missing an idiot!". Aber "Bu...SH HAPPENS" ist auch ein schönes Wortspiel.

Hau es Bush um die Ohren!
Alex Gorski

Hau es Bush um die Ohren!

Bush-Bashing ist eine beliebte Disziplin, nicht nur im Alten Europa, auch in Amerika. Wer die amerikanischen Zeitungen liest oder fern sieht, muss sich wundern, dass in Europa immer wieder behauptet wird, die US-Öffentlichkeit sei gleichgeschaltet, niemand traue sich mehr, die Regierung zu kritisieren, wer sich frei äußern wolle, der müsse nach Europa fahren, wie es die alternativen Amerikaner, von Michael Moore bis Susan Sontag, auf ihren Tourneen immer wieder suggerieren. Die Stimmung im Land spiegelt sich auch auf den Leserbriefseiten der Zeitungen wider. Da gibt es alles, vom bedingungslosen Patriotismus über Galgenhumor bis zur verbalen Selbstgeißelung.

"Ich sehne mich nach den Tagen", schreibt ein Leser der "LA Times", "da wir uns über eine nackte Frauenbrust im Fernsehen aufgeregt haben". - "Hab ich irgendetwas nicht mitbekommen?", fragt ein anderer, "hätte dem Sturz der Saddam-Statue nicht der Abriss des berüchtigten Abu Ghureib Gefängnisses folgen müssen?" "Ich muss mich wundern", erklärt ein dritter, "was wäre, wenn die Lage umgekehrt wäre? Wenn unser Land überfallen worden wäre? Wenn man uns eingesperrt hätte? Wie würden wir reagieren? Wie würden wir uns rächen?" - "Wir heucheln Empörung und Überraschung angesichts der Bilder, die wir zu sehen bekommen. Es wird mir übel, wenn ich daran denke, wie die Schnappschüsse aus Guantanamo aussehen könnten", heißt es in einer Zuschrift. "Holt alle Amerikaner zurück. Warum sollten noch mehr für Bushs Krieg sterben?", steht in einer anderen.

 Mehr Bäume, weniger Bush!
Alex Gorski

Mehr Bäume, weniger Bush!

Natürlich sind solche Äußerungen nicht repräsentativ. Aber es gibt sie, und es sieht so aus, als würden es täglich mehr. Was man allerdings auch zu hören bekommt, ist Schweigen. Als wäre der Krieg und alles, was damit zusammenhängt, eine Krankheit, über die man nur mit seinem Hausarzt reden möchte. Man kann einen ganzen Abend bei einem Dinner oder auf einer Party verbringen, ohne dass ein einziges Mal das Wort "Irak" fällt. Fragt man doch nach, bekommt man Antworten, die so konfus sind wie die Situation, auf die sie sich beziehen. "Der Aufbau einer Demokratie im Irak ist nicht das Leben eines einzigen Amerikaners wert", sagt Norman, der anfangs für den Krieg war und inzwischen seine Meinung geändert hat, "soll sich doch die Arabische Liga um ihre unterdrückten Brüder kümmern". - "Wir haben die falschen befreit", sagt Clara, die von Anfang an gegen "das Abenteuer" war, "man kann nicht Leute befreien, die nicht befreit werden wollen". - "Man kann keinen Krieg mit einer Hand auf dem Rücken gewinnen", sagt Ron, der selber in der Armee gedient hat, "wenn wir alles einsetzen würden, was wir einsetzen können, wäre die Sache in drei Tagen entschieden".

"Wir können nicht mehr gewinnen, wir haben den Krieg längst verloren", sagt Will, "die Frage ist nur, ob wir uns gleich oder später aus dem Irak zurückziehen. Ich bin für gleich." Und dann hebt Max das Glas, sagt: "To a regime change!", und man redet wieder über das Wetter, den neuen Dracula-Film und die langen Wartezeiten an der Grenze zu Mexico.

Wer unbedingt mehr sagen möchte, der fährt nach Venice an die Promenade und hofft, dass ihm jemand zuhört. Wie "Bruder Abraham", ein schwarzer Aktivist, der sich nur von hinten fotografieren lässt, weil er nicht erkannt werden möchte. Er bietet selbst gemalte Plakate an ("USA - The Real Terrorist") und auf sein weißes T-Shirt hat er mit roter Farbe "Revolution Now!" geschrieben. Bis zum letzten Wochenende freilich ohne sichtbare Folgen.



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