Los Angeles Wo die Verrückten wohnen

Plastische Chirurgen für Haustiere, der Weltuntergang als Party-Gag und Klingonen in den Cafés. Los Angeles ist das größte und sympathischste Irrenhaus der Welt.

Von Helge Sobik


Neun Millionen Menschen leben im Ballungsraum L.A.
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Neun Millionen Menschen leben im Ballungsraum L.A.

In Los Angeles werden jeden Tag so viele TV-Shows aufgezeichnet, dass das Publikum knapp wird. Schulklassen und Kirchengruppen treten dort gegen Geld als Zuschauer an. Im Stadtteil Burbank trifft man zur selben Zeit Klingonen in den Cafés - "Star Trek"-Drehpause in den benachbarten Studios. Und in Venice Beach kann man sich gegen drei Dollars Gebühr im Alien-Kostüm unter Palmen fürs Urlaubsalbum ablichten lassen.

Verrückter Alltag in Kalifornien, abgedrehte Wirklichkeit zwischen Pazifikstränden und St. Andreas-Spalte. Los Angeles ist vielschichtig, vielseitig und mehr als der 15 Meter hohe weiße Hollywood-Schriftzug an den Hügeln. Heute leben im Ballungsraum L.A. neun Millionen Menschen - darunter mehr Koreaner, Armenier und Mexikaner als irgendwo sonst außerhalb ihrer Mutterländer.

L.A.: Begegnung mit Arnold Schwarzenegger nicht ausgeschlossen
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L.A.: Begegnung mit Arnold Schwarzenegger nicht ausgeschlossen

Dennoch ist die cineastische Traumfabrik das Markenzeichen der Millionenmetropole - mit allen Konsequenzen. Shopping-Begegnung mit Demi Moore am Rodeo Drive, Zufalls-Frühstück mit Schwarzenegger in dessen Lokal "Schatzi´s on Main", Überraschungs-Drink mit Richard Gere in der Bar des eleganten "Regent Beverly Wilshire"-Hotels, das Namen und Kulisse für "Pretty Woman" hergab - in L.A. alles möglich . Und auch der Weltuntergang als Party-Gag ist machbar - jeden Abend im Restaurant "Epicentre" in Downtown. Statt Nachtisch heißt dort der letzte Gang auf der Speisekarte "Aftershock". Höhere Star-Quoten allerdings weist das "Chasen´s" in Beverly Hills auf. Das Problem ist nur, man muss jemanden kennen, der einen kennt, der wiederum einen kennt, um einen Tisch zu bekommen. Der Laden ist normalerweise auf Wochen im Voraus ausgebucht.

Die Stars und Sternchen dieser Stadt achten auf perfekte Kulissen. Ein Hotel in der "Stadt der Engel" ist auf die fürsorgliche Nachbehandlung von Schönheitsoperierten spezialisiert und hat eine ganze Zimmerflucht speziell für die Bedürfnisse von Kunden dieses boomenden Wirtschaftszweigs hergerichtet. Inzwischen haben hier sogar die ersten plastischen Chirurgen für Haustiere ihre Praxen eröffnet, nachdem sich Tierpsychologen bereits als treue Zuhörer von Cocker Spaniels, freundschaftliche Ratgeber schwarzer Katzen und fürsorgliche Betreuer neurotischer Kakadus Villen in Beverly Hills zusammenverdient haben.

In Venice Beach locken nicht nur Akkupunkteure
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In Venice Beach locken nicht nur Akkupunkteure

Finanziell noch in den Kinderschuhen stecken dagegen im direkten Vergleich die Akkupunkteure und Masseure auf der Promenade von Venice Beach, die sich unter freiem Himmel aufgebaut und mitten im Gewühl der Sonnenhungrigen ihre lakenbezogenen Streckbänke ausgeklappt haben. Wer mag, kann es sich dort vor aller Augen gemütlich machen und den verzogenen Rücken fachgerecht von tätowierten Händen für fünf Dollars massieren lassen. Am Fußende glimmen Räucherstäbchen, und auch die Stimmung ist bestens - alles kein Problem, wenn der Masseur Alt-Hippie ist und er sein Credo per T-Shirt-Aufdruck verbreitet: "I drink beer only on days with a Y". Und da das Y im Englischen in jeden Wochentag vorkommt, ist der Bierbauch entsprechend dick. Und das Wichtigste: zur Selbstironie fähig - typisch Los Angeles.

Ein Bild, ein Dollar -mit Künstler das doppelte: Sandburgerbauer in Santa Monica
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Ein Bild, ein Dollar -mit Künstler das doppelte: Sandburgerbauer in Santa Monica

Ebenfalls auf das Geschick seiner Hände setzt ein Lebenskünstler am Strand von Santa Monica. Er baut Sandburgen der Extraklasse. Wer sie fotografieren will, zahlt einen Dollar, mit Künstler zwei. Die Werke haben Bestand, obwohl sie weder erdbebensicher noch wasserfest sind, denn es regnet selten in L.A. - fast ganzjährig im Schnitt über 20 Grad Tagestemperatur, fast immer blauer Himmel. In den Wintermonaten kann es allerdings zu teilweise heftigen Regenfällen kommen.

Wer trotz längerem L.A.-Aufenthalt keinen Star in freier Wildbahn getroffen hat und nicht ohne Handschlag mit einer Hollywood-Größe abreisen will, kann sich den Traum über Spezialagenturen verwirklichen lassen. Bezeichnender Name des Marktführers: "Dreams come true". Auch vor der Realisierung von Sonderwünschen wird nicht Halt gemacht. Der bislang teuerste war die perfekt arrangierte Sprengung eines Hauses, bei der der Kunde die entscheidende Taste drücken durfte. Wenn Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, dann muss Los Angeles seine Hauptstadt sein.



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