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Lüderitz in Namibia: Hafenstadt mit Kaiser-Wilhelm-Ambiente

Foto: Jörn Vanhöfen

Lüderitz in Namibia Deutsche Geister in Südwest

Lüderitz in Namibia ist ein schroffer Ort, nachts ist es klamm und kalt, tags glühend heiß. In der kleinen Hafenstadt begann das koloniale Abenteuer des deutschen Kaiserreichs - viele Zeugnisse sind bis heute geblieben. Eine Spurensuche.
Von Zora del Buono

"Hey, jij!" - "Missis!" Drei Wörter, ins nächtliche Berlin gerufen, drei Wörter, die mehr sagen als manche Geschichtsschreibung, in denen so vieles enthalten ist, Freude, Unterdrückung, Distanz, Hierarchie und das ganze ambivalente Verhältnis zweier Menschen, die sich nicht kennen und doch miteinander verbunden sind auf alle Zeit.

"Hey, jij!", ruft sie also auf Afrikaans einem wildfremden schwarzen Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu, dem einzigen Passanten, den sie sieht, und meint damit "Hey, du da", sie, die 94-jährige Dame, die sich verirrt hat zu später Stunde in West-Berlin, damals, als die Stadt nachts noch dunkel war und ruhig, ein Jahr vor dem Mauerfall. Irgendwo beim Schloss Charlottenburg steht die Besucherin aus Afrika und weiß den Weg nicht mehr - wo wohnten sie doch gleich, ihre Verwandten?

"Missis!", ruft der Mann überrascht zurück, sie eilen aufeinander zu, die kleine weißhäutige Greisin und der hochgewachsene Schwarze, so fremd hier wie sie oder viel fremder noch. Später werden ihre Verwandten mit ihr schimpfen, einfach einen schwarzen Mann anzusprechen auf offener Straße, das gehe doch nicht. Er begleitet sie zum Haus, Arm in Arm spazieren sie und schwatzen freudig erregt, über das Licht in Afrika, die Weite des Landes und den Geruch des Meeres, über das ferne Namibia, ihrer beider Heimat, welch schöner Zufall.

Deutsches Schutzgebiet im fernen Afrika

In Berlin war es auch gewesen, da sich Otto von Bismarck nach langem Widerstand hatte überzeugen lassen, dass eine kolonialistische Betätigung dem Deutschen Reich zugutekäme. Es ging um Handelsinteressen, um eine Art Sendungsbewusstsein und zivilisatorische Mission, keineswegs frei von sozialdarwinistischem Denken. Es ging aber auch darum, die vielen Auswanderungswilligen nicht nach Amerika ziehen zu lassen und sie so zu verlieren an die Neue Welt, sie stattdessen in auslandsdeutschen Gemeinschaften anzusiedeln.

Und schließlich wollte man auch Leute loswerden, die bedrohlich werden konnten, die "Arbeitsscheuen" und "Vagabunden", wie Juristen und Adlige warnten, "Abzugskanäle für die alljährlich immer zahlreicher und gefährlicher werdenden Proletariermassen" schaffen, weg mit ihnen, am besten ganz weit weg, warum nicht nach Afrika.

So war Bismarck auf das Drängen des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz eingegangen, der 1882 im Süden Afrikas illegale Waffengeschäfte getätigt und viel Land am Atlantik gekauft hatte - gestohlen vielmehr, mit einem bösen Rechentrick dem Namahäuptling Josef Frederiks II. abspenstig gemacht, jenen staubigen Fleck Erde, in dem er große Bodenschätze erwartete, der ihm aber finanziell schnell über den Kopf wachsen sollte und den er vom Kaiserreich beschützt wissen wollte, vor den Einheimischen und den Engländern, die selbst Land beanspruchten.

Am 24. April 1884 erklärte Otto von Bismarck das 300 Kilometer lange und 150 Kilometer breite Küstenstück nördlich und südlich der Bucht Angra Pequena zum deutschen Schutzgebiet, ernannte einen Reichskommissar, entsandte zwei Kriegsschiffe und ließ am 7. August desselben Jahres die deutsche Flagge hissen. Die Bucht war Deutschlands erster Kolonialhafen, ein unwirtlicher Ort, der bald den portugiesischen Namen ablegen und den des Bremer Tabakhändlers tragen sollte und aus dem auch die Dame stammte, die im nächtlichen Berlin einen fremden Mann ansprach: Lüderitz.

Doch jetzt ist Berlin weit weg, die alte Dame längst verstorben und auch Adolf Lüderitz seit 135 Jahren tot, verschollen an der Küste von Deutsch-Südwestafrika, in einem Faltboot während einer Expedition verunglückt, keine Spur fand sich mehr von dem ersten deutschen Siedler. Die Hafenstadt Lüderitz aber steht noch, und der Enkel der alten Dame ist ein einflussreicher Mann, Direktor des besten Hotels im Ort, Deutsch-Namibier in dritter Generation.

Lüderitzbuchterin mit Regensburger Wurzeln

Deutsch ist in Lüderitz nach wie vor vieles, doch nicht so viel wie im 300 Kilometer nördlich gelegenen Strandbad Swakopmund, der Sommerfrische der Namibier, wo Busse voller Touristen aus Celle, München oder Dresden ankommen, um die wilhelminischen Schnörkelbauten zu bestaunen, wo man in den Cafés Schwarzwälder Kirschtorte mit Schlagsahne bestellt und der Graupapagei aus dem Kongo Ulrike heißt.

Lüderitz hingegen ist roh, karg und weitab von jedweder Leichtigkeit, ein schroffer Ort. Nachts ist es klamm und kalt, tags glühend heiß, oft ziehen Nebel vom Meer her an Land und wollen einfach nicht mehr weichen. Wenn sie aber endlich weichen, kommt ein eigenwilliges Städtchen zum Vorschein, staubig zwar, dafür bunt. Hier zu leben erfordert Durchhaltevermögen oder eine spezielle Liebe zu diesem Landstrich, ein Grundvertrauen auch oder einfach nur die jahrzehntelange Gewohnheit.

Marion Schelkle ist so eine, die durchgehalten hat, obwohl der Sohn weggegangen ist, in Deutschland lebt als Koch in einem Golfresort. Sie ist eine Alteingesessene, eine Lüderitzbuchterin, wie die Frauen genannt werden, die hier groß geworden sind. Ihr Großvater Paul Weiß kam mit seinen vier Brüdern 1898 aus Regensburg in der Holzhüttensiedlung rund um die markanten Felsen an, fünf abenteuerlustige Burschen, die sich in Bremerhaven eingeschifft hatten, um in Lüderitz an Land zu gehen und Afrika zu entdecken.

Die Kolonie war zu der Zeit noch einmal größer geworden, eineinhalbmal so groß wie das Deutsche Reich, sie erstreckte sich bis zum Sambesi-Fluss im Norden hin - ein Landgewinn durch den mit Großbritannien abgeschlossenen Helgoland-Sansibar-Vertrag. Zu Großvater Weiß' Zeit lebten in Deutsch-Südwestafrika rund 200.000 Afrikaner, dazu kamen 2500 Deutsche, 1300 holländischstämmige Buren und 400 Briten.

Bergzebra für 500 Euro

Marion Schelkle betreibt in der Hauptstraße den Souvenirladen, der gleichzeitig das Reisebüro und der Treffpunkt der deutschen Community ist; sie hat eine Mitarbeiterin, Liz, deutschstämmig auch sie, eine herzliche Frau. Russische, im Privatjet angereiste Kunden, die sich selbst "eliteclients" nennen, obwohl sie nur zu Geld gekommene Angeber seien, wollen Jagdtouren organisiert bekommen.

Auch Deutsche jagen gerne im Land, im Flugzeug von München nach Windhoek saßen überlaute, schwergewichtige Bayern, daneben Slowenen und Italiener, die alle ihrer Tötungsgier frönen wollten, die Bayern sogar im grünen Jagdkostüm, den Gamshut auf dem Kopf. Ein Bergzebra kostet 500 Euro Abschussgebühr, eine Giraffe 1500, ein Pavian ist schon für 50 Euro zu haben, für Geparden und Leoparden muss man tiefer in die Tasche greifen. Jagdsafari heißt das dann.

Manchmal sei es sehr einsam hier, sagt Marion Schelkle, und es macht sie nicht froh, dass es im Hinterland auf den Farmen immer noch Menschen gibt, die Hitlers Geburtstag feiern, auch wenn sie selbst sagt, sie sei stolz, Deutsche zu sein, und traurig, dass es immer weniger Deutsche gibt. Die Jungen verlassen die Stadt, verlassen auch das Land, ziehen hinunter nach Südafrika oder gleich nach Deutschland irgendwo.

Alle paar Monate räumt sie im Laden die Regale frei, dann kommt der Optikerfreund aus Swakopmund angereist, und halb Lüderitz quetscht sich in den einen Raum, es wird diagnostiziert, verkauft und angepasst, man will ja sehenden Auges durch die Wüste gehen. Überhaupt ist immer etwas los in dem Geschäft. Vorhin kam eine verschwindend kleine Greisin in elefantenfußgroßen, fluoreszierend gelben Plastikschuhen hereingeschlurft.

Wo hat sie die denn her? Die Frauen sind begeistert. Etwa vom Ramsch-Chinesen weiter unten um die Ecke? Aber nein, bei Chinesen kauft die Dame nicht, der Kaiser habe schließlich bereits 1902 vor der "gelben Gefahr" gewarnt, sagt sie und schaut bedeutungsvoll, alle nicken. Man möchte meinen, der Kaiser sei erst neulich zu Besuch gekommen.

Schutztruppen gegen die Nama

1902 war es in Lüderitz ruhig gewesen, auch die Jahre zuvor hatte sich in der Siedlung nicht viel abgespielt, während es im Landesinneren ereignisreich und zeitweise gewaltsam zugegangen war. Es war zwischen den Herero und Witbooi zu Kämpfen um Land und Vieh gekommen, die Deutschen hatten Schutzverträge mit beiden Stämmen abgeschlossen und wieder aufgelöst, ein einziges Schachern und Kalkulieren, gleichzeitig hatten sie kontinuierlich Land und Schürfrechte erstanden, eine Festung gegründet, die bald zur Hauptstadt Windhuk ausgeweitet wurde, eine Bahnstrecke von dort nach Swakopmund gebaut, die einheimischen Völker immer mehr bedrängt, sie mit Enteignungsplänen und der Schaffung von Reservaten bedroht und ihnen mittels massiver Landkäufe und skrupelloser Geschäftemacher jegliche Lebensgrundlage entzogen.

Der Aufstand der Herero unter deren Häuptling Samuel Maharero im Januar 1904, die darauf folgende Absetzung des als Schwächling verschrieenen Generals Theodor Leutwein, der verhandeln und nicht morden wollte, und die Ernennung des überaus brutalen, sogar in der Schutztruppe gefürchteten Generalleutnants Lothar von Trotha zum Oberbefehlshaber veränderte auch die Situation in Lüderitz.

Der Ort gewann durch die Stationierung der Schutztruppensoldaten, die gegen die mittlerweile ebenfalls aufständischen Nama kämpften, eine gewisse Bedeutung und einen wirtschaftlichen Aufschwung. Nicht zuletzt, weil auf Shark Island, einer rund zwei Kilometer langen und 300 Meter breiten Insel, die damals Haifischinsel hieß, ein Internierungslager eingerichtet wurde, das letztlich nichts anderes als ein Konzentrationslager war, eine klamme Hölle für 2000 Orlam- und Namakrieger und ihre Familien, von denen drei Viertel die Gefangenschaft nicht überleben sollten.

Die Leichname wurden zu Forschungszwecken nach Berlin überführt, die toten afrikanischen Körper seziert und studiert, Rassenkunde nannte man das, Eugenik war in dieser Zeit sowohl in Europa als auch in den USA eine Wissenschaft, die Zukunft versprach. 400 Meter trennten die Insel vom Festland; heute ist sie durch eine Landbrücke mit Lüderitz verbunden.

Mondäne Partys mit Champagner

Es ist nur ein kurzer Spaziergang von der Hauptstraße hinunter, ein paar freundliche Begegnungen unterwegs, über die Straße hinweg grüßt ein Schwarzer, zwei Hunde ohne Halsband und Leine folgen ihm, rauchende Handwerker scherzen vor einem Lebensmittelgeschäft, ein paar portugiesische Fischer, die seit den 1950er Jahren hier eine kleine, aber wichtige Gemeinde bilden, stehen vor ihren Booten, es geht gemächlich zu. Man kann Shark Island besuchen und auf der Halbinsel campieren, einen Zeltplatz gibt es dort, für Menschen, denen der Gedanke an das elende Sterben der Nama an eben genau diesem Ort keine schlaflosen Nächte bereitet.

Der Krieg gegen die Herero und die Nama ging als erster Genozid des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein, Leutnant von Trothas Aussagen "Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss" und "Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur aus dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen" empörten oppositionelle Deutsche genauso wie das europäische Ausland.

Der Völkermord kostete rund 90.000 Herero und Nama das Leben. Rund 1500 deutsche Siedler und Soldaten starben im Kampf oder wurden auf ihren Farmen ermordet; auch auf dem staubtrockenen kleinen Friedhof weit außerhalb von Lüderitz findet man ihre Gräber. Wer daran vorbeifährt - und eigentlich fährt fast jeder daran vorbei, denn es gibt nur diese eine Straße, die nach Lüderitz hinein- und auch wieder hinausführt -, sieht aus der Ferne schon die Häuser, die am Hügel kleben.

Wie leere Augen starren einen Fenster an, die keine mehr sind, Natur und Architektur in vollendeter Synthese, fast mythisch wirkt die Siedlung im aufglimmenden Morgenlicht, keine zehn Kilometer von Lüderitz entfernt. Kolmanskop ist eine Ruinenstadt, die Wüste holt sie sich nach und nach wieder zurück, Sand dringt in die Gebäude ein; nur ein paar können geschützt und bewahrt werden, sie sind zu einem Museumsdorf geworden.

Villen, Konzerthaus und Pferderennen

Am 10. April 1908 fand hier der Gleisarbeiter Zacharias Lewala einen Rohdiamanten und übergab ihn seinem Vorgesetzten August Stauch. Lewalas Name ging in die Geschichte ein, viel mehr aber auch nicht, der Mann hatte nichts von seinem Fund, niemand bezahlte ihn dafür oder zeigte sich erkenntlich, das große Geschäft machten andere, und zwar schnell. Es wurde gegraben und geschürft, gewaltige Mengen an Diamanten kamen zum Vorschein.

Gleichzeitig wurde fleißig gebaut, steinerne Wohnhäuser, Villen und Dienstgebäude im tradierten deutschen Stil, eine Schule und ein Krankenhaus, sogar die erste Röntgenstation südlich des Äquators stand hier. Das Baumaterial wurde aus dem Deutschen Reich eingeführt und im Hafen von Lüderitz an Land gebracht. Es gab eine Metzgerei und eine Eismacherei, man raunte, Kolmanskuppe sei die reichste Stadt der Welt, auch wenn nur 400 Menschen in ihr lebten.

Die Kegelbahn ist heute noch zu besichtigen, ganz in Blau getüncht, daneben der Ballsaal, ein voluminöser Raum mit Bühne und buntem Wanddekor. Die Partys waren legendär, es ging mondän zu, hier, mitten in der Wüste, schwer vorstellbar, solch ein Leben, in dieser Kargheit, in diesem Klima. Das alles veränderte auch Lüderitz über Nacht.

Die große Zeit der Hafenstadt brach an. Marion Schelkles Großvater verdiente plötzlich viel Geld mit dem Verkauf von Luxusgütern. Er importierte Champagner, Rennpferde, Sättel, edles Geschirr, organisierte Pferderennen und glanzvolle Feste. Ein Konzerthaus wurde gebaut und eine Turnhalle, großzügige Geschäfte und Villen, am prachtvollsten diejenige des Leutnants Hans Goerke, der nach dem Krieg eine Diamantengesellschaft leitete.

Das Haus ist von Weitem schon zu sehen, ein wenig Jugendstil, ein wenig Fachwerkästhetik auch, es erhebt sich hoch über dem Ort, vom Wohnraum aus ein herrlicher Blick über die Bucht, die farbigen Dächer der Stadt und hinüber zur Felsenkirche, die wie ein mahnendes Zeichen Gottes über allem thront.

Hotelangestellte aus vier Stämmen

In der Nähe dann ein auffallend dunkelblaues Haus aus wilhelminischer Zeit, es gehört Ulf Grünewald, ein Enkel ebenjener alten Dame, die es im nächtlichen West-Berlin an die Seite eines fremden Mannes trieb. Der Direktor des "Nest-Hotels" ist ein moderner Mensch, ein engagierter Mann, Deutschtümelei ist nicht seine Sache, er möchte alles gegen den Strich bürsten, aufhören mit diesen ganzen Vorurteilen und dem Gerede über Rassen und Klassen. Deswegen hat er im Hotel auch Leute aus vier Stammesgemeinschaften eingestellt. Was hatte man ihn gewarnt, das würde nicht gut gehen, Ovambo und Nama, Damara und Herero, dazu noch die Afrikaaner und die Deutschstämmigen, alle miteinander, unmöglich, so etwas.

Er sagt, das sei alles überhaupt kein Problem. Grünewald hat eine Frau geheiratet, die das ist, was man hier "coloured" nennt, sie hat sowohl europäische als auch afrikanische Vorfahren. Er weiß, dass es Deutsch-Namibier gibt, die indigniert den Kopf schütteln über seine Wahl, manche offen, andere versteckt - und dann auch noch die Kinder, Deutsch sprechend und dunkelhäutig, wie konnte er nur.

Der Rasen vor dem "Nest-Hotel" ist blitzend grün, ein beinahe schmerzhafter Anblick in der Wüste, dahinter glitzern die Wellen, die an das steinige Ufer schlagen, man sitzt an gediegenen Tischen und schaut hinaus auf den Atlantik. Es ist nicht selbstverständlich, dass solch ein Hotel gebaut werden konnte, dass Lüderitz überhaupt Bestand hatte über die Jahrzehnte hinweg.

Es hätte auch sein können, dass der Niedergang von Lüderitz ein so totaler wie der von Kolmanskop geworden wäre, wo der Sand heute meterhoch in den verlassenen Häusern steht und man darauf achten muss, ob sich Schlangenspuren finden und in welche Richtung die Pfotenabdrücke der Hyänen weisen (wenn sie nach innen zeigen, sollte man die Ruine besser nicht betreten).

Der Diamantenboom hatte nicht lange angehalten, weiter südlich waren ergiebigere Minen gefunden worden, die Menschen zogen hinterher, ab 1920 verwaiste die Stadt nach und nach, zehn Jahre später war dann endgültig Schluss, Kolmanskop wurde aufgegeben und der Wüste überlassen.

Inge aus Thüringen folgte dem Ruf

Als 1913 aber eine junge Thüringerin nach wochenlanger Fahrt auf See in Lüderitz angekommen war, hatte alles noch vielversprechend ausgesehen. Frauen waren gefragt in Deutsch-Südwest, "Mischehen" zwischen deutschen Männern und einheimischen Frauen sollten verhindert werden und waren seit 1905 gar verboten, die Angst vor einer "Verkafferung" war groß. Man warb im Deutschen Reich für ein Leben in Afrika, in Frauenkolonialschulen wurden die Auswanderungswilligen auf ihre häuslichen Aufgaben und sittliche Verantwortung vorbereitet, rund 2000 junge Frauen folgten dem Ruf.

Der Erste Weltkrieg war noch nicht ausgebrochen, Kolmanskuppe eine florierende Minenstadt, Lüderitz ein Ort, in dem es sich gut leben ließ, Deutsch-Südwestafrika eine Kolonie mit Zukunft. Die junge Inge aus Thüringen hatte sich mutig auf den Weg nach Afrika gemacht, 19 Jahre alt war sie, als sie dieses Land betrat.

Sie erlebte den Ersten Weltkrieg aus der Ferne und auch aus der Nähe, denn Südafrika besetzte bereits im September 1914 die Lüderitzbucht. Die Schutztruppe erlitt Niederlage um Niederlage und kapitulierte im Juli 1915. Das südafrikanische Militär übernahm die Verwaltung der Kolonie, das ganze Elend der zukünftigen südafrikanischen Apartheidpolitik sollte auch dieses Land nicht verschonen, die Townships erinnern heute noch daran.

Mit dem Vertrag von Versailles war das Ende dann besiegelt, ab Juli 1919 gab es kein Deutsch-Südwestafrika mehr. Inge aber blieb ein Leben lang, heiratete einen Deutschen, gründete eine Familie, liebte dieses Leben weitab von Europa, liebte die Tiere, das Licht und die Wüste, die bei genauer Betrachtung so karg nicht war, sie liebte das Meer und den Nebel und den Moment, wenn der Nebel sich endlich verzog.

Sie wurde so afrikanisch, wie man es nur werden konnte als deutsche Frau - und scheute sich auch als alte Dame nicht, mitten in der Nacht in West-Berlin einen wildfremden schwarzen Mann um Hilfe zu bitten und ihm über die Straße hinweg einfach laut zuzurufen: "Hey, jij!"

Aus dem "Mare"-Heft No. 83, Dezember 2010/Januar 2011