Erste Luftaufnahmen Kuba, wie es noch niemand gesehen hat

Fünf Jahre, viele Pesos und unendlich viel Geduld brauchte es - dann war Marius Jovaisas fotografisches Porträt von Kuba fertig. Als Erster durfte er Luftaufnahmen von dem sozialistischen Land machen.

Marius Jovaisa

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Kein Mensch zuvor hat Fidel Castros Kuba so ausgiebig aus der Luft fotografiert wie Marius Jovaisa. Denn niemand hatte die Zähigkeit, die Zeit und das Geld, um der kubanischen Bürokratie die Stirn zu bieten. "Ich lernte geduldig zu sein, sonst wirst du verrückt, ohne irgendetwas zu erreichen", sagt der Fotograf aus Litauen.

Fünf Jahre dauerte es, bis Jovaisa seinen Bildband "Unseen Cuba" in der Hand hielt. Die Mühe hat sich gelohnt: Überwucherte Karstberge, Gipfel im Morgennebel, Korallenriffe in türkisblauem Meer und Havannas Festung aus der Vogelperspektive - die Bilder fangen die einzigartige Schönheit der Insel ein. "Der Prozess war sehr lang, kompliziert und frustrierend", sagt der Fotograf. Allein der Papierkram habe zwei Jahre gedauert. Alles musste "ganz oben" entschieden werden, niemand wollte sich festlegen, immer wieder tauchten neue Anforderungen auf.

Ein Fotograf mit Durchhaltewillen: Marius Jovaisa aus Vilnius
Marius Jovaisa

Ein Fotograf mit Durchhaltewillen: Marius Jovaisa aus Vilnius

Obwohl man heutzutage auf Google Earth jeden Quadratmeter von Kuba betrachten kann, kontrolliert das Militär den Luftraum über der Insel sehr strikt. "Sie lassen niemanden über ihr Land fliegen. 'Wer weiß, was Sie aus Ihrem kleinen Flugzeug aus versprühen wollen', sagte mir jemand auf einer Sitzung. Und: 'Vergessen Sie nicht, unser nördlicher Nachbar bläst in unseren Nacken.'"

"Einige Male habe ich ernsthaft überlegt, alles hinzuschmeißen", sagt der heute 41-Jährige. Dann sei er nach Hause nach Vilnius geflogen, habe sich abgeregt und wieder von Neuem begonnen. "Ich denke, die Kubaner leben nach Regeln, die aus den Sechzigerjahren stammen", sagt Jovaisa.

Fluggerät aus Australien

Als die ersten bürokratischen Hürden überwunden und das Kulturministerium die Patenschaft übernommen hatte - gegen das Versprechen von 500 Exemplaren desfertigen Bildbands -, folgte die zweite Herausforderung: "In anderen Ländern würde ich immer ein kleines Flugzeug mieten können, aber für Kuba musste ich mir ein eigenes kaufen."

Jovaisa erstand in Australien ein Airborne XT-912, ein offenes Fluggerät mit zwei Sitzen, drei Rädern und einem Drachenflieger-ähnlichen Schirm. Beim Import folgte er diesmal dem Leitsatz der Kubaner: Es ist einfacher, hinterher um Verzeihung zu bitten als vorher um Erlaubnis.

Airborne XT-912: Aus Australien nach Kuba verschifft
Marius Jovaisa

Airborne XT-912: Aus Australien nach Kuba verschifft

Als der Fotograf endlich hinter seinem Piloten Platz nahm, konnten die Trips mit Kamera über die Karibikinsel beginnen. Jovaisa flog über Küsten, Strände und Berge, über Dörfer, Städte und Kaffeefelder, wenn der Morgennebel noch in den Gipfeln hing und wenn die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwand.

In Varadero, im Norden, begann das Team, zog über die nördliche Küste bis nach Baracoa und Guantánamo am östlichen Zipfel. Über die Straße ging es zurück nach Havanna und per Flugzeug nach Pinar del Rio im Westen. Dort stand das Viñales-Tal auf der Liste, von der Unesco zur Kulturlandschaft der Menschheit ernannt.

Jovaisas größte Entdeckung

Ein bis eineinhalb Stunden dauerten die Flüge, meist in rund 90 Meter Höhe. Einmal ging es bis auf 1900 Meter hinauf, beim Überqueren des Pico Turquino, des höchsten Gipfels. "Kuba ist ein Wunder der Natur und Geschichte - ein absolut einmaliger Ort", schwärmt Jovaisa. Das Land habe erstaunlich unterschiedliche Landschaften, natürliche wie menschengemachte. "Es wirkt wie in der Zeit eingefroren, da es seit 1959 nicht viel Entwicklung gab."

"Meine Art zu fotografieren verlangt mildes, gelbliches oder rötliches Licht eine Stunde nach Sonnenaufgang oder vor Sonnenuntergang", sagt der Fotograf, der schon einige Bildbände mit Luftaufnahmen veröffentlicht hat. Später am Tag stehe die Sonne zu hoch, die Schatten verschwänden - solche Fotos hätten wenig künstlerischen Wert, meint Jovaisa.

Zwei Jahre benötigte er daher für die Aufnahmen, dabei verbrachte er allerdings immer nur ein paar Wochen am Stück auf der Insel. Sein Buch vertreibt er über seine Webseite und hofft, dass das große Interesse an Kuba hilft, die hohen Kosten für das Projekt wieder einzuspielen.

"Die größte Entdeckung und die angenehmste Überraschung waren die Kubaner selber", sagt Jovaisa. "Sie sind unglaublich herzlich, gastfreundlich und auch zäh, weil sie unter schwierigen Bedingungen und in Armut leben müssen. Statt daran zu zerbrechen, hat sie das sehr stark und erfinderisch gemacht."


Marius Jovaisa: "Unseen Cuba" (Englisch). Unseen Pictures, Ltd.; 439 Seiten; 99,95 US-Dollar. Zu bestellen online beim Verlag.



insgesamt 22 Beiträge
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timidus 05.06.2015
1. Wunderschöne natürliche Landschaften ...
aber nicht ein einziges Windrad zu erkennen ? Hat Kuba die Energiewende komplett verschlafen ? Dann ist ja da ein riesiger Markt für unsere nachhaltige Windkraftindustrie !!! Da muß doch was zu machen sein.
Augustusrex 05.06.2015
2. Tolle Bilder
Sehr schöne Fotos von sehr schönen Objekten/Landschaften usw. Kaffee wird allerdings nicht auf Feldern sondern in Plantagen angebaut. Das aber nur am Rande. Vieles davon wird verschwinden oder sich verändern wenn Kuba sich endlich auf den Weg in die Moderne machen kann.
fd53 05.06.2015
3. Erste Luftaufnahmen von Kuba?
Auf dem Webangebot von Arcor kann sich in den öffentlich zugänglichen privaten Fotoalben meines Bruders jeder die Luftaufnahmen meines Bruders von Kuba ansehen. Diese Luftaufnahmen entstanden bei einem Ballonflug über Kuba im Oktober 2006. * Nun ja, Lügen sind in der heutigen Zeit bekanntlich nichts neues und politisch gewollt. Und eine Recherche zum Wahrheitsgehalt einer Behauptung ist bekanntlich aufwendig und kostet Geld. * ;-) Kubatouristen sind übrigens auch die dort schon 20 Jahre angebotenen Tauchfahrten mit U-Booten bekannt.
lequick 05.06.2015
4.
Kuba, Kuba, Kuba...ist wohl das neue DomRep der deutschen. Wannabe Hipster Urlaub, wenn du dort nicht gewesen bist, bist du für manche Menschen nichts.
Stäffelesrutscher 05.06.2015
5. Carlos Puebla
»Cuba, ¡qué linda es Cuba! quien la defiende, la quiere más ...«
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