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01. November 2000, 16:12 Uhr

Luftverkehr

Holzklasse mit Sternchen

Von Helge Sobik

Alle Economy-Passagiere sind gleich, aber manche sind gleicher: Airlines differenzieren zusehends ihr Economy-Produkt und führen Unterschiede innerhalb derselben Klasse ein.

Manchmal gegen Aufpreis, manchmal als Bonbon für umworbene Vielflieger - und allemal ein Qualitäts-Plus für Geschäftsreisende, die immer öfter in der günstigen Economy Class Platz nehmen müssen.

Für die Economy-Klasse noch nicht geplant: Liegeplätze
GMS

Für die Economy-Klasse noch nicht geplant: Liegeplätze

Als erste große internationale Linienfluggesellschaft springt British Airways auf den Zeitgeist-Zug und wird in Langstrecken-Jets eine zweigeteilte Economy Class anbieten - die "bessere Hälfte" unter dem Namen "World Traveller Plus" mit 97 statt mit 79 Zentimeter Sitzabstand und beispielsweise mit breiteren Sesseln.

480 Millionen Mark lässt sich Luftfahrtriese BA den Umbau kosten. Zunächst sind die auf den Flügen zwischen London und New York beziehungsweise London und Hongkong eingesetzten Maschinen umgerüstet worden. Die anderen Routen folgen nach und nach.

Die Preisgestaltung ist noch in Bewegung. "Zur Zeit ist die neue Klasse auf den zwei bislang geflogenen Strecken bei gleicher Buchungsflexibilität gut ein Drittel günstiger als die Business Class", so British-Airways-Pressesprecher Boris Ogursky.

"Wir setzen mit dem neuen Produkt auf Geschäftsleute, deren Dienstreise-Etats nur noch Economy-Class-Buchungen zulassen und liefern in diesem Bereich zum Beispiel mit Laptop-Anschlüssen in den "World Traveller Plus"-Sitzen alle Voraussetzungen, um unterwegs bequem arbeiten zu können."

Die enge Bestuhlung in der Holzklasse ist vor allem auf der Langstrecke ein Problem
DPA

Die enge Bestuhlung in der Holzklasse ist vor allem auf der Langstrecke ein Problem

Offensiv packt auch Star-Alliance-Mitglied United Airlines das Thema an: Mit einem Kostenaufwand von 30 Millionen Dollar wurden im Frühjahr 450 Maschinen der Inlandsflotte umgerüstet. Je nach Flugzeugtyp verwandelten sich sechs bis maximal elf Reihen zur "Economy Plus"-Zone mit breiterem Sitzabstand. Das entspricht 36 bis 89 Plätzen. Um den erforderlichen Raum zu schaffen, werden Reihen ausgebaut. Der Sitzabstand steigt dort so von durchschnittlich 79 auf 89 bis 91 Zentimeter.

Auch die Vergabepraxis der begehrten Sitze dieser "Klasse in der Klasse" ist klar geklärt, zumal kein Preisaufschlag verlangt werden soll: Die neue "Economy Plus" bleibt zunächst den Vollzahlern und Vielflieger mit "Mileage Plus Premier"-Status oder "Star Alliance"-Gold- beziehungsweise -Silber-Status vorbehalten.

Für alles, was danach noch verfügbar ist, gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Die ersten Reaktionen der Passagiere sind positiv:

"Seit der Einführung des neuen Produkts stieg in unseren Umfragen die Zufriedenheit der United-Kunden, und die Bewertung des Sitzkomforts hat sich verdoppelt", heißt es in einer ersten Erklärung des Unternehmens.

Der Konkurrent American Airlines hat prompt nachgezogen und ohne Klassendifferenzierung die gesamte Economy aufgewertet: 7200 Sitze wurden auf Nimmerwiedersehen ausgebaut. Das entspricht 6,4 Prozent der Gesamtkapazität der American-Flotte.

Einen Hauch von Luxus gibt es bei mancher Airline inzwischen auch "ganz hinten"
DPA

Einen Hauch von Luxus gibt es bei mancher Airline inzwischen auch "ganz hinten"

Für den Economy-Class-Passagier bedeutet das eine Verbesserung der Beinfreiheit auf durchschnittlich 86 bis 89 Zentimeter - ohne Aufpreis. Bis zum November soll zunächst die Umrüstung der 609 Kurz- und Mittelstreckenjets abgeschlossen sein. Nationalcarrier Lufthansa sieht derzeit "keinen Handlungsbedarf", so Pressesprecherin Karin Weber: "Lufthansa hat erst vor zweieinhalb Jahren sämtliche Langstreckenmaschinen neu bestuhlt und dafür rund 330 Millionen Mark investiert."

Aus permanenten Kundenbefragungen wisse man, dass die Resonanz der LH-Kunden auf die neue Bestuhlung positiv sei. "British Airways hat", so Karin Weber weiter, "einen anderen Produktlebenszyklus. Bei denen war es an der Zeit, etwas Neues einzuführen." Auch dem jüngsten United-Vorbild wolle man nicht folgen.

Begründet haben den Trend kleinere Airlines: Aus der Not des kränkelnden Asien-Geschäfts machte schon vor Jahren Garuda Indonesia eine Tugend, die sie auch nach dem Ende der Asienkrise und dem finanziellen Turnaround der Gesellschaft beibehält.

Die Indonesier fliegen mit zwei Economy-Klassen. Die gute Idee ist simpel: Die ehemalige First Class in den Garuda-Jumbos wird zum Business-Class-Tarif verkauft, die Buchungsklasse "First" völlig abgeschafft. Und in den Sitzen der einstigen Business Class mit gut einem Meter Beinfreiheit - 16 Zentimeter mehr als in der Economy Class - macht es sich bequem, wer auf den Routen von Frankfurt nach Bangkok und Singapur bzw. nach Jakarta und Bali pro Flugstrecke 275 beziehungsweise 330 Mark Aufpreis bezahlt.

Das Essen ist dasselbe wie in der Economy Class, der zusätzliche Sitzabstand und die Sitzbreite von 60 Zentimeter aber sind Gold wert, und auch individuelle Videoschirme in den Armlehnen gibt es im Gegensatz zu den hinteren Reihen. Der Name des Produkts: "Premium Economy Class".

Dasselbe Konzept wird künftig Air Mauritius verfolgen. Ähnlich verfahren bereits die taiwanesischen Gesellschaften Eva Air (vier Klassen; rund 97 Zentimeter Sitzabstand in der "Evergreen Deluxe Class" zwischen Business und Economy) und China Airlines (rund 104 Zentimeter Sitzabstand in der "Upgrade Class").

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