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Vietnam: Tourismus ist die Zukunft

Foto: Alexandra Grossmann

Luxus-Reiseziel Danang Beach Vietnam-Urlaub am Kriegsstrand

Früher kamen US-Soldaten zum Entspannen, heute sind die Gäste betuchte Urlauber. Die Region um den Strand von Danang in Vietnam profitiert enorm vom Tourismusboom - Traditionen weichen dem westlichen Lebensstil, doch die Wunden des Krieges sind noch nicht verheilt.
Von Alexandra Grossmann

Rechts der Straße liegt der Strand, fein und weich der Sand, Wellen schwappen träge ans Ufer. Links der Straße stehen Baracken und Hangars, mit Flechten und rissigen Wänden, hinter Mauern, geschätzte acht Meter hoch, wie düstere Klötze im Paradies. "Das", sagt Trân Qua, "sind die Flughäfen der US-Armee für Hubschrauber." Trân Qua ist Touristenführer, ein schmaler Mann von 54 Jahren. "Die Soldaten kamen, um sich auszuruhen. Sie hatten Bomben geworfen auf vietnamesische Dörfer und Agent Orange versprüht auf die Reisfelder der Bauern", sagt Trân Qua. "Hier nach China Beach kamen sie an den Wochenenden, um zu schwimmen und zu schlafen. Um eine schöne Zeit zu haben."

35 Jahre sind seither vergangen. Eine Generation, ein halbes Menschenleben erst. China Beach heißt jetzt Danang Beach, das haben jene Funktionäre der sozialistischen Regierung bestimmt, die hier in Danang in Zentralvietnam das Sagen haben. Die nun verfügen, der Krieg sei vergessen, denn sie wollen teilhaben am Boom der Touristikbranche, die seit Jahren ungebremst über das Land rollt: Mehr als vier Millionen Besucher zählte Vietnam 2008, sechs Millionen sollen es 2010 sein. Vietnam Airlines fliegt ab November jeden Tag nonstop von Frankfurt in das Urlaubsparadies.

Danang Beach ist 91 Kilometer lang. So weit das Auge reicht, ragen Bauzäune und Kräne in den Himmel, Lastwagen karren Steine heran, Arbeiter mit Atemschutz tragen Lasten durch den Staub. 50 Jahre laufen die Pachtverträge der Hotelketten. Darum wird investiert: Milliarden fließen in Luxus-Suiten, Restaurants und Wellness-Anlagen wie das "Hyatt Regency Resort and Spa". Das "Nam Hai" ist schon fertig, es gilt als eines der schönsten Hotels in Vietnam. Auch außerhalb der Saison ist es ausgebucht, Gäste aus den USA, aus Asien und Europa sonnen sich an Pools, lassen sich vom Butler Obst servieren und Weißwein aus Frankreich, eisgekühlt.

Geld statt Bomben

Vereinzelt stehen Fischerhütten an der Böschung, liegen einige traditionelle Rundboote aus Bambusgeflecht am Wasser. "Für Vietnamesen wird an diesem Strand kein Platz mehr sein", sagt Trân Qua. "Die Amerikaner haben versucht, meine Heimat mit Bomben zu erobern. Jetzt kommen sie zurück und nehmen sich mein Land mit Geld." Trân Qua hat weiche Lippen und Augen, die gehetzt in die Welt sehen. Wenn er spricht, fliegen seine Hände durch die Luft. Trân Qua hat viel zu sagen, über Vietnam heute und damals, als die USA sein Land brandschatzten - 1,5 Millionen Tote, unzählige Verwundete. Noch immer gehen fast täglich amerikanische Sprengkörper in die Luft. Ganze Landstriche sind mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange verseucht, bis heute werden Kinder geboren, die verstümmelt sind, Kinder ohne Beine, ohne Augen, oder mit drei Armen.

"17 Jahre lang habe ich mich jede Nacht im Keller unseres Hauses versteckt", sagt Trân Qua. Er ist auf einem Dorf in der Nähe aufgewachsen, sein Vater hatte eine Kuh, ein paar Hühner, ein Stück Land. In Trân Quas Leben regierte die Angst: Vor Hubschraubern am Nachthimmel, vor den Bomben. Heute, rund 40 Jahre später, vergeht für Trân Qua kaum eine Nacht ohne Alpträume. "Ich kriege es nicht aus meinem Kopf", sagt er, "ich höre die Bomben fliegen, ich fühle meine Mutter und meine Geschwister neben mir in der Dunkelheit, sie schreien." Auch die Nachbarn sieht Trân Qua im Traum vor sich: "Ihre Körper liegen auf der Straße, Erwachsene, Kinder, kaputt, im Sand, mit den Kühen, die auch kaputt, viel Blut, ich sehe es, verstehen Sie?"

Die Jüngeren interessieren sich nicht für den Krieg

Im nahen Küstenstädtchen Hoi An sind die Folgen des Krieges Vergangenheit. Häuschen und Tempel stehen dicht an dicht, aus Cafés und Garküchen duftet es nach Gebäck und Koriander, Schneidereien bieten Anzüge nach Maß, dazwischen Kulis, Kinder, Mopeds, Touristen.

"Der Krieg ist lange vorbei. Wir denken nie daran zurück", sagt Thu Hoa Nguyen. Sie verkörpert das moderne Vietnam: Jeden Morgen um sieben Uhr fährt sie mit dem Moped nach Danang Beach, wo sie bis mittags als Zimmermädchen arbeitet. Dann saust sie in ihr Geschäft in Hoi Ans Innenstadt, verkauft Krawatten aus Seide und T-Shirts mit sozialistischem Stern. Am Abend arbeitet sie bis 22 Uhr am Empfang im Hotel. Thu Hoa ist 34 Jahre alt, sie lächelt aus einem glatten ebenmäßigen Gesicht und tätschelt die Kundschaft am Arm; sie ist geschäftstüchtig.

Sie sagt, nur die Alten sprächen noch vom Krieg: "Uns interessiert das nicht. Meine Tochter soll auch in der Schule nichts über den Krieg hören, sie soll das moderne Vietnam sehen, nicht die Vergangenheit."

Thu Hoa wohnt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, mit Mann, Kind und Schwiegermutter sitzt sie zum Fernsehen auf dem Sofa und zum Essen am Tisch. Wer sie besucht, geht durch eine Gasse, in der alte Männer herumstehen mit langen weißen Bärten auf nackten Bäuchen. In den Häusern, keine Fenster, keine Türen, starren die Bewohner auf den Flachbildschirm, an den Wänden quetschen sich Altäre bis an die Decke, geschmückt mit Blumen und Reis für die Ahnen. "In Vietnam glauben wir an Buddha und Konfuzius, doch vor allem an die Ahnen", sagt Trân Qua. "Nachdem sie gestorben sind, geben unsere Vorfahren auf uns acht." Verstreut in Danang sind die Gräber zu sehen, Mäuerchen und Tempel zu Ehren der Toten. Auch am Strand stehen sie, windschief, die Schrift verwittert, und warten auf den Abriss.

Ein Strand, zwei Welten

Bescheidenheit und Demut seien die wichtigsten menschlichen Eigenschaften, sagt Fremdenführer Trân Qua, ebenso wie Familiensinn und die Fähigkeit, zu verzeihen. Auch den USA. "Ich vergesse nicht. Aber ich hasse auch nicht mehr", sagt er. Doch statt Milde sprechen Zweifel aus Trân Quas Augen: Er will verzeihen, doch er versteht die fremde Welt nicht, die der Westen und der Tourismus in seinen Alltag getragen haben. Und er fürchtet sich vor ihr: "Heute geht alles um Geld", sagt er. "Die Partei verkauft unser Land an Hotels, die Funktionäre kaufen große Häuser."

Trân Quas Tochter ist vor einem Jahr ausgezogen, um Englisch und Französisch zu studieren in der Sieben-Millionen-Metropole Saigon. Zuhause in Danang, wo die Hotels aus dem Boden wachsen, hat sie gesehen, dass der Tourismus die Zukunft ist. Der Vater indes sitzt daheim und sorgt sich. "Ich weiß nicht, mit wem sie spricht und was sie am Abend tut", sagt er. "Ich habe Angst um ihre Keuschheit. Ohne Keuschheit ist eine Frau nichts wert. Kein Mann wird sie heiraten. Verstehen Sie?" Die junge Generation sehe die Touristen, die Alkohol trinken und sich auf der Straße küssen. "Sie glauben, Geld ist Freiheit. Die wollen sie auch. Unsere Kultur vergessen sie."

Einer der Orte, die Trân Qua fürchtet, liegt in einer Seitenstraße von Danang. Um drei Uhr morgens wummern Techno-Rhythmen in der Magengrube. Auf der Tanzfläche bewegen sich junge Männer in Jeans, die Mädchen tragen Glitzerminis in lila Lack und Schuhe aus Plexiglas und Plaste. "Das ist das neue Vietnam", sagt ein Europäer mit freundlichen Augen und manikürten Händen. Eine Vietnamesin schmiegt sich an ihn. "Die Asiaten wirken auf uns Europäer viel jünger, als sie sind", wird er später sagen, ihre Telefonnummer in der Hosentasche. Im Gang zur Toilette fällt ein junger Mann zuckend zu Boden, Aufseher setzen ihn auf die Straße, er bekommt einen Fußtritt zum Abschied. Ein Ort der Keuschheit ist dies nicht.

Die Hotelkette Marriott will 2011 ein Luxusresort in Danang Beach eröffnen mit 270 Zimmern, dazu Privatvillen, ein Golfplatz, zwei Mittelklassehotels. Bis auf eine Halle, zur Erinnerung für amerikanische Touristen, sollen die Hangars der US-Armee dann abgerissen sein. Die Gräber der Ahnen, pastellfarben und verwittert, werden mit ihnen verschwinden. Und mit ihnen auch das alte Vietnam.

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