Luxuszug in Südafrika Auf Schienen durch die Savanne

Einer der letzten Luxuszüge zuckelt regelmäßig von Kapstadt nach Pretoria. Während an den Fenstern Townships, Antilopen und Sonnenuntergänge vorbeiziehen, genießen die Passagiere im "Pride of Africa" ein Dinner mit Kristall und Tafelsilber. Das reale Leben Südafrikas scheint sehr weit weg.

Rovos Rail Tours

Von Karl-Ludwig Günsche


Welch ein Gegensatz! Hier der Kapstadter Hauptbahnhof: schmuddelig, laut und kriminell wie fast alle Großstadtbahnhöfe auf dieser Erde. Und nur einen Steinwurf entfernt in einem Bürogebäude das Reich von Rohan Rovos, dem ungekrönten Eisenbahnkönig von Südafrika: leise klassische Hintergrundmusik, Lüster, schwere Fauteuils. Das Klirren von Kristallgläsern ist das einzige Geräusch, das hin und wieder die erwartungsvoll gedämpfte Stille durchbricht. Hier ist der Startplatz für eine Fahrt in eine andere Welt als die rund um den Bahnhof, in eine Welt des Luxus und der Nostalgie.

Es sind nur ein paar Schritte aus dem Empfangsgebäude von Rovos Rail über die Straße, quer durch die Bahnhofshalle, die gerade für die Fußball-WM 2010 herausgeputzt wird. Und da, auf Gleis 23, steht er, der "Pride of Africa", der Stolz von Afrika, wie Rohan Vos seinen Luxuszug selbstbewusst getauft hat: 17 vornehm dunkelgrün glänzende Waggons, sorgfältig restauriert.

Das Gepäck ist bereits verladen. Vos verabschiedet jeden der 37 Passagiere mit Handschlag. Die Türen schließen sich, die 1595 Kilometer lange Fahrt nach Pretoria beginnt. Zugmanager Joe Mathala und sein Team geleiten die Gäste zu ihren Abteilen, die Rovos als "Inbegriff des Luxus" preist.

Ein eigenes Bad gehört eher zu den Selbstverständlichkeiten. Nur in den Pullman-Suiten wird tagsüber das Bett in ein Sofa verwandelt. Die Deluxe-Suiten dagegen sind mit Doppelbett und einer kleinen Sitzgruppe ausgestattet. Geradezu opulent geht es in den Royal-Suiten zu: Auf 22 Quadratmeter haben ein Doppelbett, eine Sitzgruppe mit zwei gemütlichen Ohrensesseln und sogar ein Bad mit einer Wanne im viktorianischen Stil Platz.

28 Weine zur Wahl, dazu vier Sektsorten

Noch ziehen vor den Fenstern die Vororte Kapstadts vorbei, da erklingt auch schon ein leiser Gong: Im Speisewagen wird an weiß gedeckten Tischen mit edlem Porzellan der Lunch serviert. Die Weinkarte ist umfangreich - vier verschiedene Sekte, zwölf Weiß-, zwölf Rot-, zwei Rosé- und zwei Dessertweine, geerntet und gekeltert in den Weinbergen, die draußen vorbeirauschen.

Es ist eine gemächliche Fahrt. Eine Aussichtsplattform am Ende des Zuges und ein Salonwagen mit bequemen Sesseln laden ein zum Schauen und Genießen. Die reale Welt scheint vergessen. Die Zugfahrt entwickelt ihre eigene Routine. Die Landschaft wechselt. Nach den sanften Hügeln der Winelands hat der Zug jetzt die Halbwüstenlandschaft der Kleinen Karoo erreicht. Matjiesfontein liegt voraus, eine Art viktorianisches Museumsdorf und erster Stopp des Rovos-Zugs auf seiner Fahrt nach Pretoria. Doch vorher gilt es, einen grandiosen Sonnenuntergang zu genießen.

In Matjiesfontein, das "Meiksfontain" ausgesprochen wird, ist Zeit für eine Mini-Rundfahrt im roten Londoner Doppelstock-Bus über die etwa 500 Meter kurze Dorfstraße, einen Besuch im historischen Lord-Milner-Hotel und im kleinen Bahnhofsmuseum. Schon geht es weiter. Im Speisewagen ist bereits zum Abendessen gedeckt. Vor Fahrtbeginn werden die Gäste dezent darauf hingewiesen, dass für das abendliche Fünf-Gang-Diner bei den Herren mindestens Anzug und Krawatte erwünscht sind.

Es ist der Glanz einer vergangenen Epoche, der hier zu neuem Leben erweckt wird: festlich gekleidete Menschen, warmes Kerzenlicht, das sich in Porzellan, Kristall und Tafelsilber spiegelt und das sanfte Wiegen eines Zuges, der moderne Technik und das Ambiente der zwanziger Jahre verbindet. Vor dem Einschlafen noch ein Blick aus dem Fenster: Der afrikanische Sternenhimmel ist der letzte Eindruck, der mit hineingleitet ins Reich der Träume.

Am nächsten Tag ist ab und zu vor den Fenstern eine Antilope zu beobachten, hin und wieder ein Strauß. Der Zug durchquert die Große Karoo, hält manchmal für einige Minuten "in the middle of nowhere", um einen Gegenzug passieren zu lassen.

Die Landschaft scheint grenzenlos, hin und wieder tauchen einige Häuser, Schilder mit Ortsnamen wie Graspan, Potfontein oder Heuningneskloof an der Strecke auf und rauschen vorbei. Der "Stolz von Afrika" nähert sich dem Busch- und Grasland rund um die Diamantenstadt Kimberley, dem nächsten Stopp. Per Bus geht es zum Minenmuseum und zum "Big Hole", dem angeblich "größten von Menschenhand geschaffenen Loch" in der Erde.

460 Meter Durchmesser hat das Big Hole an der Erdoberfläche, 240 Meter ist es tief, 170 Meter sind noch heute sichtbar. Die Untertagebaumine war 1097 Meter tief. Von 1871 bis 1914 sind hier sagenhafte 14,5 Millionen Karat Diamanten gefördert worden. Im Museum sind - gesichert mit dicken Panzertüren und geschützt mit Panzerglas - die schönsten, edelsten und teuersten Stücke der Oppenheimer-Diamantensammlung zu bewundern.

Ein rosa Teppich aus Flamingos

Kurz hinter Kimberley bietet sich ein unglaublicher Anblick: Der Kamfers Dam, ein 400 Hektar großer flacher See, ist die Heimat für über 20.000 Flamingos. In der untergehenden Sonne sieht es aus, als sei ein rosa Teppich über das Wasser gebreitet worden. Am letzten Abend gibt die Crew des Rovos' noch mal alles. Was der Koch mit seiner Mannschaft in der kleinen Küche gezaubert hat, würde jedem Sterne-Lokal Ehre machen. Jedem Gast wird zum Abschiedsdinner eine Rose angesteckt - und bei der Rückkehr in die Suite ist das Bett mit den Blättern von Rosenblüten übersät.

Langsam nähert der Zug sich am nächsten Morgen der Endstation seiner langen Reise quer durch Südafrika. Vorbei an Johannesburg, und ein letzter Stopp in Centurion, an dem die beiden Dieselloks gegen historische Dampflokomotiven ausgewechselt werden. Wenigstens das letzte Stück nach Pretoria soll der "Stolz von Afrika" traditionell unter Dampf fahren. Dann heißt es Abschied nehmen, der eigene Rovos-Bahnhof in Capital Park ist erreicht, schmuck herausgeputzt, im viktorianischen Stil.

Dieser Privatbahnhof ist das Herzstück des Rovos-Reiches. Hier gibt es eine Schlosserei, eine Tischlerei, eine Polsterei, eine Lackiererei. Hier werden die alten, zum Teil heruntergekommenen Wagen und Lokomotiven restauriert, die Rohan Vos in der ganzen Welt aufspürt. Hier hat vor über 20 Jahren auch alles begonnen: Eisenbahnfan Rohan Vos ersteigerte Mitte der achtziger Jahre bei einer Auktion einen alten Waggon, in den er sich sofort verguckt hatte. "Das war der Tag, an dem ich zur Eisenbahnwitwe wurde," sagt Rohans Frau Anthea scherzhaft.

Mit dem Erlös aus dem Verkauf eines von ihm sorgsam aufgearbeiteten Packard-Oldtimers hatte Rohan Ros sein Unternehmen gestartet. Nur 400 Rand seien es gewesen, behauptet Anthea Vos. Aber der heute 60-jährige Technikfreak hatte sein Geld schon im Autoteile-Handel, andere sagen im Schrottgeschäft gemacht. 1986 ging dann Rovos Rail an den Start, zunächst mit einem Zug. Drei weitere sind im Laufe der Jahre hinzugekommen.

Sonderfahrt zu den Viktoria-Wasserfällen

Der Rovos fährt regelmäßig zwischen Kapstadt und Pretoria sowie zwischen Pretoria und Durban. Für Fußballfans, die im kommenden Jahr zur WM 2010 nach Südafrika kommen wollen, ist der "Stolz von Afrika" eine noble und bequeme Art, die Stadien in der "Doppelstadt" Johannesburg/Pretoria, in Kapstadt und in Durban zu erreichen. Einmal im Jahr macht der Rovos eine Zwei-Wochen-Reise von Kapstadt über die Viktoria-Fälle bis nach Daressalam in Tansania.

Der Rovos ist nicht nur ein einfacher Zug. Er ist mehr, fast eine Art Weltanschauung und - laut Rohan Vos - der "luxuriöseste Zug der Welt". Das behauptet zwar auch Vos' Konkurrent auf diesen Strecken, der legendäre "Blue Train", von sich. Aber Vos wäre nicht Vos, wenn ihm nicht spontan 21 Gründe einfielen, warum ihm unter den Letzten der großen Luxuszüge dieser Welt die Krone gebührt. Schließlich ist der Rovos der "Stolz von Afrika".



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